Auf viele Banken kommt wegen IFRS 9 eine Kostenlawine zu.

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30.08.16
Finanzabteilung

IFRS 9 kostet Banken bis zu 125 Millionen Euro

Die Umsetzungskosten für IFRS 9 sind offenbar höher als erwartet. Bis zu 125 Millionen Euro müssen manche Banken zahlen. Schuld daran ist vor allem die teure IT-Aufrüstung.

IFRS 9 muss zwar erst ab 2018 angewendet werden. Doch der neue Bilanzierungsstandard, der die Rechnungslegung von Finanzinstrumenten regelt, sorgt schon jetzt bei etlichen Banken für Unmut. Der Grund: Die meisten Banken befinden sich jetzt in der heißen Phase der Implementierung und merken, dass die Umsetzungskosten noch höher sind als angenommen. Das zeigt die Studie „EY IFRS 9 impairment banking survey“ von Ernst & Young, die FINANCE exklusiv vorliegt. Darin wurden 36 Banken weltweit zum Thema IFRS 9 befragt.

Die Kosten, mit denen die Banken rechnen, hängen zum Teil von der Größe der Institute ab – je größer die Bank, desto höher die Kosten. Rund 20 Prozent der befragten Banken plant für die Umstellung ein Budget von bis zu 15 Millionen Euro ein, weitere 15 Prozent planen bis zu 25 Millionen ein. Knapp 20 Prozent rechnen mit bis zu 60 Millionen Euro. Über 10 Prozent der Befragten planen über 100 Millionen Euro ein, manche sogar über 125 Millionen Euro.

IFRS 9 ist eine radikale Veränderung

„Die Kosten für die Umsetzung, mit denen die internationalen Banken rechnen, werden von Jahr zu Jahr höher“, hat Jana Währisch, IFRS-9-Expertin bei EY und Mitautorin der Studie, beobachtet. Das liege einerseits daran, dass viele die Komplexität der Prozess- und IT-Umsetzung zu Beginn der Projekte nicht detailliert genug einschätzen konnten. Andererseits habe es seit der Erstveröffentlichung einige Konkretisierungen und Klarstellungen zu IFRS 9 gegeben, die die Umsetzung verteuert haben.

IFRS 9 verändert die Bilanzierung von Finanzinstrumenten radikal. So müssen Banken ihre Vermögenswerte ab Januar 2018 anders klassifizieren. Infolgedessen müssen sie ihre Forderungen vermehrt zum Fair Value anstatt zu Anschaffungskosten ausweisen. Zudem müssen Kreditrisiken nach dem Expected-Loss-Modell statt nach dem Incurred-Loss-Modell abgebildet werden. Das bedeutet, dass die Banken früher als bisher eine Wertminderung ihrer Forderungen bilanziell abbilden müssen.

Banken müssen IT-Landschaft an IFRS 9 anpassen

All diese Anforderungen treiben die Kosten nach oben. Ein großer Kostenblock ist etwa, dass viele Banken jetzt ihre Systemlandschaften grundlegend ändern müssen, erklärt Währisch. So sind meist die Finanz- und Risikosysteme von einander getrennt, was nach der bisherigen Bilanzierungsregel IAS 39 kein Problem war. Um aber mit den neuen Regeln zur Risikoklassifizierung konform zu gehen, müssen beide Datensätze zusammengebracht werden.

Dazu brauchen die Banken zum Teil viel detailliertere Daten. „Die Banken müssen daher ihre IT aufrüsten“, erklärt Währisch. Viele Softwarehäuser versuchen sich in diesem Bereich neu aufzustellen, um diese Bedürfnisse abzufangen, so beispielsweise SAP mit dem neuen ERP-System S/4 Hana, das die detaillierten Daten liefern soll.

Commerzbank hat 300 Millionen Euro in IT-Projekt investiert

Eine der Banken, die unter anderem wegen der neuen Anforderungen nach IFRS 9 ihre IT-Landschaft grundlegend umgestaltet hat, ist die Commerzbank. Erst vor wenigen Monaten hat sie ein Mega-IT-Projekt abgeschlossen, das über sechs Jahre gedauert hat und mit mehr als 300 Millionen Euro eine der größten Investitionen der Bank überhaupt war, wie die Projektleiter bei der Commerzbank gegenüber FINANCE erzählten. 

In dem Projekt hatte die Commerzbank Daten aus verschiedenen Unternehmensbereichen auf eine einheitliche Plattform gehoben. Im nächsten Schritt plant sie ein integriertes Finance & Risk Warehouse, damit die Risikoklassifizierung von Krediten auf Basis einheitlicher Daten erfolgen kann.

Banken brauchen für IFRS 9 neue Berechnungsmodelle

Ein weiterer Kostentreiber ist die Regelung, nach der Wertminderungen (Impairments) viel früher als jetzt ausgewiesen werden müssen. „Die Banken brauchen neue Impairment-Kalkulationsmodelle“, sagt Jana Währisch von EY. Dazu müssen sie Daten einbeziehen, die momentan zwar teilweise in den Systemen vorliegen, aber noch nicht in der von IFRS 9 geforderten Form, wie zum Beispiel Makrofaktoren, Laufzeiten oder die Entwicklung der Kreditrisiken über mehrere Jahre.

Bis zum Erstanwendungszeitpunkt im Januar 2018 haben die Banken zwar noch Zeit, doch viele internationale Banken planen die neue Bilanzierungsregel bereits ab 2017 intern parallel anzuwenden. Zum einen sind sie ohnehin verpflichtet, IFRS 9 retrospektiv anzuwenden. Zum anderen können sie so frühzeitig testen, ob die neuen Modelle funktionieren und besser einschätzen, wie genau sich die Bilanzkennzahlen durch die neue Berechnung verändern werden.

Darüber hinaus wird durch die Enhanced Disclosure Task Force (EDTF) empfohlen, frühzeitig Auswirkungen durch die Umsetzung von IFRS 9 in den Anhangsangaben zu veröffentlichen. Spätestens Anfang 2018 aber müssen die Banken genau diese Auswirkungen den Investoren und Regulierungsbehörden erklären.

julia.schmitt[at]finance-magazin.de

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