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Omikron in China: „Wir würden sicher keinen Bann über ein ganzes Land verhängen“

Hafen von Tianjin in China: Angst vor dem nächsten großen Lockdown. Foto: birdmanphoto / Adobe Stock
Hafen von Tianjin in China: Angst vor dem nächsten großen Lockdown. Foto: birdmanphoto / Adobe Stock

Herr Langen, die chinesische Regierung verfolgt eine strikte Zero-Covid-Strategie, erst gestern wurde die Millionenstadt Baise nach einem Corona-Ausbruch abgeriegelt. Jetzt erhöhen die Olympischen Spiele das Risiko, dass sich die Omikron-Variante in China ausbreitet. Wie schätzen Sie die Gefahr ein – auch mit Blick auf die Lieferanten und Lieferketten der deutschen Unternehmen, die auf ein funktionierendes China angewiesen sind?

Es gab seit dem Auftreten von Corona in China schon mehrfach erhebliche Produktionsstillstände und Unterbrechungen der Lieferketten nach Europa. Durch die restriktiven Eindämmungsmaßnahmen haben die Chinesen die vereinzelten Corona-Ausbrüche bisher aber immer wieder gut in den Griff bekommen. Und Peking hat seine Strategie zuletzt auch angepasst: Aktuell riegelt China im Großen und Ganzen eher einzelne Stadtbezirke oder gar einzelne Gebäude kurzfristig ab anstatt wie früher manchmal ganze Städte. Das kann aber auch bedeuten: Wenn das Virus im Hafengebiet ausbricht, werden die Chinesen nicht zögern, den Hafen zu schließen. Das darf man nicht vergessen, wenn man jetzt darüber nachdenkt, wie es mit der Verbreitung von Corona in China weitergehen könnte.

Atradius will, dass CFOs nicht nur Corona sehen

Die Omikron-Variante trifft auf eine weitgehend ungeschützte Bevölkerung in China. Falls China den Kampf gegen Omikron verlieren sollte, falls es nicht gelänge, eine Verbreitung der Variante in China zu verhindern, was wären dann die Folgen vor Ort – und was würde das für Fabriken und Häfen in China bedeuten?

Wir würden eine deutliche Verschärfung der jetzt schon bestehenden Engpässe sehen. Jetzt schon hakt es an der Verfügbarkeit von Containern, weil immer wieder Lieferketten gestört werden und Container nicht wie geplant umgeschlagen werden können. Die Folge dessen spüren viele CFOs gerade in ihrer Kasse: Die Frachtraten für See-Container sind ganz erheblich in die Höhe gegangen. Wenn es jetzt auch noch großflächige Hafen- oder Fabrikschließungen in China gäbe, würde das zwangsläufig zu noch schwereren Verschärfungen in den globalen Lieferketten führen. Entsprechend dringender wird für Unternehmen die Aufgabe, zu überlegen, ob man nicht lieber stärker lokal sourcen will. Manche Unternehmen können solche Richtungswechsel erst mittel- bis langfristig umsetzen, andere wiederum können Jahresverträge kurzfristiger anders platzieren.

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Wie könnten CFOs sich denn kurzfristig gegen eine China-Omikron-Krise wappnen?

Das ist keine leichte Aufgabe, da gibt es keinen Königsweg. Wir als Kreditversicherer möchten aber CFOs dafür sensibilisieren, trotz allem nicht aus den Augen zu verlieren, dass ihr Unternehmen in der Lage sein muss, langfristig die richtigen Produkte und Dienstleistungen für ihre Kunden anzubieten, für die es nicht nur kurzfristig, sondern auch in den kommenden fünf Jahren einen Markt gibt. Und da sind auch Themen wie Nachhaltigkeit und Branchenumbrüche immer dringender, Corona hin oder her.

Keine Bundeshilfen für Warenkreditversicherer mehr nötig

Können Sie als Warenversicherer jetzt schon durch Corona hindurchsehen und wirklich so stark auf die großen Langfristtrends fokussieren?

Seit Beginn der Coronapandemie haben wir unsere Bemühungen extrem intensiviert, von Unternehmen kurzfristige Informationen und Bonitätseinstufungen zu bekommen, meist auf Quartalsbasis, nicht mehr nur Jahresberichte und -forecasts. Das ist wichtig, um ein gutes Gefühl zu kriegen, was auf das Unternehmen zukommt. Auf dieser Grundlage konnten wir auch durch die Krise hindurch im gewohnten Maße neue Risiken zeichnen und auch bei Unternehmen Deckungen aufrechterhalten, deren Branche zum Beispiel aufgrund von Lockdown-Maßnahmen in Schwierigkeiten geraten ist. Wir fühlen uns jetzt so gut informiert, dass wir heute keine Rückdeckung für Lieferketten durch den Bund mehr benötigen, wie das von Mitte 2020 bis Mitte 2021 noch angebracht war. Das würde ich als großen Fortschritt bezeichnen.

Und was bedeutet diese Gelassenheit mit Blick auf die aktuellen Gefahren in China?

Unsere Basisannahme ist aktuell, dass es höchstens zu temporären Lieferkettenstörungen in China käme. Trotzdem müssten wir im Fall der Fälle natürlich analysieren, ob das tatsächlich kurzfristige Lockdowns wären oder eine länger andauernde Verwerfung. Was wir sicher nicht tun würden, wäre, einen Bann über ein ganzes Land zu verhängen und mit der Axt dort alle Deckungen zurückzuziehen – eben weil wir inzwischen ein gutes Gefühl dafür entwickelt haben, was Szenario X für Unternehmen Y bedeuten würde.

Mahnt mit Blick auf China zu wachsamer Gelassenheit: Atradius-Manager Thomas Langen. Foto: Atradius

Und natürlich können CFOs unsere Marktzugänge auch für ihr eigenes Risikomanagement nutzen. Manche Unternehmen tun sich schwer, konkrete Finanzinformationen von ihren Abnehmern oder Lieferanten zu bekommen. Das ist auch verständlich, schließlich geht es da um Vertraulichkeit, zum Beispiel zu Margen. Kreditversicherer aber sind neutral und vertrauenswürdig und bekommen dadurch viel mehr vertrauliche Informationen. Diese Informationen übersetzen wir dann in ein Rating und in eine Kreditentscheidung. Wenn sich dieses Scoring für ein Unternehmen oder einen Lieferanten verschlechtert, können der CFO oder seine Leute damit beginnen, darauf zu reagieren. Gerade in einer dynamischen Lage kann das wertvoll sein.

 

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