Einflussreiche Investorenberater raten zum Widerstand gegen Pläne des Aufsichtsrats: Über dem Autozulieferer Norma braut sich etwas zusammen.

Norma

16.05.18
Finanzabteilung

Aktionärsrevolte gegen Norma-Aufsichtsrat

Bei Norma wenden sich wichtige Stimmrechtsvertreter gegen den Aufsichtsrat und dessen Kopf, Elring-Klinger-Chef Stefan Wolf. Der Vorwurf: Die Aufseher des MDax-Konzerns ignorieren ihre eigene Geschäftsordnung.

Dem Autozulieferer Norma steht am morgigen Donnerstag eine möglicherweise kontroverse Hauptversammlung bevor. Wie FINANCE aus unternehmensnahen Kreisen erfahren hat, haben sich gleich mehrere einflussreiche Aktionärsberater, sogenannte „Proxy Advisors“, gegen verschiedene Pläne des Aufsichtsrats gestellt. Bei einzelnen Tagesordnungspunkten raten mindestens einer, zum Teil sogar bis zu drei Stimmrechtsberater ihren Kunden – internationalen Großinvestoren –, gegen die Pläne der Norma-Verwaltung zu stimmen.

Proxy Advisors wie ISS und Glass Lewis haben großen Einfluss auf das Abstimmungsverhalten institutioneller Investoren auf Hauptversammlungen. Weltweit verlassen sich zahlreiche Vermögensverwalter und Fondsgesellschaften auf die Empfehlungen ihrer Stimmrechtsberater. Auf manchen Hauptversammlungen beeinflussen sie über 30 Prozent der Stimmrechte, was bei geringer Aktionärspräsenz sogar die Mehrheit darstellen könnte.

Bei Norma könnten ihre Empfehlungen besonderes Gewicht haben, da der MDax-Konzern keinen Großaktionär hat. Die Aktien befinden sich zu 99 Prozent im Streubesitz. Investoren aus Deutschland und Frankreich kontrollieren rund ein Drittel der Stimmrechte, Amerikaner und Briten knapp die Hälfte. Normas Marktkapitalisierung beläuft sich auf 2,2 Milliarden Euro.

Stimmrechtsberater gegen vier von sechs Aufsichtsräte

FINANCE-Informationen zufolge rät mindestens ein Berater seinen Kunden, sich auf Grund fehlender Transparenz gegen den Vergütungsbericht des Unternehmens zu wenden. Noch brisanter ist die zweite Front, die die Aktionärsberater eröffnen: Sie wenden sich gegen vier von sechs Aufsichtsratskandidaten, darunter der amtierende Aufsichtsratschef und Elring-Klinger-CEO Stefan Wolf.

„Wenn der Aufsichtsrat seine eigene Geschäftsordnung ignoriert, ist das kein gutes Signal in das Unternehmen hinein.“

Ein Knackpunkt ist das Alter der Aufsichtsräte, die sich zur Wahl stellen: Im Schnitt sind sie schon jetzt über 63 Jahre alt. Zwei von ihnen – Knut Michelberger, ehemals CFO bei Dematic und Interims-CFO bei Formel D, sowie der Unternehmensberater Lars Magnus Berg – berühren mit ihren Geburtsjahrgängen 1948 und 1947 jetzt schon die Altersgrenze von 70 Jahren, die bei Norma in der Geschäftsordnung des Aufsichtsrats verankert ist. Dort heißt es: „Die Amtszeit eines Aufsichtsratsmitglieds soll nicht über dessen 70. Geburtstag hinaus fortdauern.“

Die morgige Hauptversammlung soll die zur Wahl stehenden sechs Aufsichtsräte aber sogar bis zur Hauptversammlung 2023 wählen – und längstens für sechs Jahre. Berg und Michelberger wären dann 75 Jahre alt. „Wenn der Aufsichtsrat, der im Unternehmen die Einhaltung der Corporate Governance überwacht, seine eigene Geschäftsordnung ignoriert, ist das kein gutes Signal in das Unternehmen hinein“, kritisiert ein Unternehmensinsider gegenüber FINANCE die Wahlvorschläge scharf.

Zudem wirft er die Frage auf, ob ein Aufsichtsrat mit einem Durchschnittsalter von bald über 65 Jahren geeignet sei, den Vorstand bei der Bewältigung der technologischen Revolution in der Automobilindustrie angemessen zu begleiten.    

Zu viele Ämter für Aufsichtsratschef Stefan Wolf?

Außerdem wenden sich die Investorenberater gegen zwei weitere Aufsichtsräte, allerdings aus anderen Gründen. Aufsichtsratschef Stefan Wolf unterstellen sie eine zu hohe Arbeitsbelastung, geschuldet seinen zahlreichen Ämtern.

Neben seiner Hauptaufgabe als Chef des Autozulieferers Elring Klinger ist Wolf auch regelmäßig Verhandlungsführer der Arbeitgeber bei den Tarifrunden in der südwestdeutschen Metall- und Elektroindustrie. Darüber hinaus ist er Aufsichtsrat des schwäbischen Industrieunternehmens Allgaier.

Dr. Stefan Wolf, ElringKlinger AG

Nach seiner Promotion arbeitet Wolf zunächst als Rechtsanwalt in der Kanzlei Thümmel, Schütze & Partner. 1997 tritt er als Syndikusanwalt dem Automobilzulieferer Elring Klinger bei und ist bis 2004 Bereichsleiter für Recht und Personal.

Den durch juristische Verschmelzung realisierten Börsengang im Jahr 2000 übernimmt Wolf gleich selbst und wird Leiter Investor Relations. 2004 erhält er die Generalvollmacht des Vorstands und wird 2005 in den Vorstand berufen und zugleich dessen Sprecher. Seit 2006 ist Wolf Vorstandsvorsitzender und verantwortete dabei bis 2016 unter anderem auch den Finanzbereich. Bis Mai 2018 war Wolf außerdem Aufsichtsratschef der Norma Group, wurde von der Hauptversammlung aber nicht mehr wiedergewählt.

zum Profil

Auch die Kandidatin Rita Forst zieht Kritik auf sich. Sie sitzt im Aufsichtsrat von Elring Klinger und hat dort die Aufgabe, Wolf in seiner Vorstandsfunktion zu überwachen, während sie dem Aufsichtsratschef Wolf bei Norma als normale Aufsichtsrätin zuarbeiten soll.   

Norma-Aufsichtsrat trommelt für Stefan Wolf

Den Aufsichtsräten scheint bewusst zu sein, dass ihnen viele Gegenstimmen drohen. Der Aufsichtsrat hat sich in einem Schreiben persönlich an die Aktionäre gewandt, in dem er offensiv für die Wiederwahl von Aufsichtsratschef Wolf wirbt.

Unter ihm habe sich Norma „außerordentlich positiv entwickelt“, und es seien „keine nennenswerten Compliance-Vorfälle aufgetreten“, heißt es in dem Papier. Zudem habe Wolf zum Jahreswechsel eine geordnete Übergabe an der Vorstandsspitze von Werner Deggim zu Bernd Kleinhens sichergestellt. Dass geplant ist, Aufsichtsräte jenseits der Altersgrenze zu bestellen, erwähnt das Gremium in seinem Aktionärsbrief allerdings nicht.

Eine Norma-Sprecherin wollte auf FINANCE-Anfrage zu der Situation keinen Kommentar abgeben und verwies lediglich auf das Schreiben des Aufsichtsrats zur Personalie Wolf.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de