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Die 4 größten Herausforderungen der virtuellen Hauptversammlung

Unternehmen können ihre Hauptversammlung nun dauerhaft virtuell abhalten. Foto: blende11.photo - stock.adobe.com
Unternehmen können ihre Hauptversammlung nun dauerhaft virtuell abhalten. Foto: blende11.photo - stock.adobe.com

Anonymität, Digitalisierung und Nachhaltigkeit: Während der Corona-Pandemie konnten Unternehmen durch das Covid-19-Maßnahmengesetz ihre Hauptversammlung virtuell abhalten. Dabei stieß diese Variante auf hohes Interesse bei den Unternehmen. Vor kurzem hat die Bundesregierung ein Gesetz verabschiedet, was die virtuelle Sitzung dauerhaft möglich macht. Doch diese Variante bringt einige Hürden mit sich. Was müssen Unternehmen beachten, wenn sie die rein virtuelle HV wählen? Das sind die vier größten Herausforderungen.

1. Virtuelle Hauptversammlungen sind anonym

Ein wesentlicher Unterschied zur physischen Hauptversammlung ist laut Jörg Nickel, Rechtsanwalt und Steuerberater bei Ebner Stolz, die Interaktion. Denn eine Hauptversammlung in Präsenz hat auch immer eine soziale Komponente, wobei der Austausch zwischen den Aktionären einen hohen Stellenwert einnimmt. „Eine Hauptversammlung hat immer eine eigene Dynamik und ein eigenes Flair“, so Nickel. Und genau in diesem Punkt liegt die erste Herausforderung für Unternehmen. Während die physische Hauptversammlung durch soziale Interaktion glänzt, ist die virtuelle Variante eher anonymisiert.

Die Herausforderung wird es demnach sein, der virtuellen Hauptversammlung eine persönliche Note zu geben und die Emotionalität in die virtuelle Welt zu transportieren. „Es ist wünschenswert, dass die virtuelle Hauptversammlung nicht rein klinisch abgehalten wird“, erläutert der Experte. Einen engen Austausch und Interaktion innerhalb der virtuellen Hauptversammlung zu garantieren, sei enorm wichtig – gerade auch, um die Aufmerksamkeit der Zuhörer dauerhaft halten zu können.

2. Virtuelle Versammlungen sind aufwendiger

Ein weiterer Aspekt, der bei der Entscheidung zur digitalen Hauptversammlung bedacht werden sollte, ist der Aufwand im Vorfeld. So werden das Fragerecht, die Einreichung von Stellungnahmen sowie die Veröffentlichung der Vorstandsrede auf das Vorfeld der Versammlung verschoben. Nickel zufolge werden virtuelle Hauptversammlungen mehr Teilnehmer haben, wodurch auch mehr Fragen aufkommen, die Unternehmen spätestens am Tag vor der Versammlung beantwortet haben müssen.

Doch es bleibt nicht dabei, dass Unternehmen Fragen im Vorfeld beantworten müssen: Aktionäre haben zudem die Möglichkeit, innerhalb der Sitzung Nachfragen zu stellen. „Es ist zu erwarten, dass dadurch die Arbeit für Unternehmen erhöht wird und es wenig Aufwandsersparnis gibt“, so Nickel.

Jörg Nickel ist Rechtsanwalt und Steuerberater bei Ebner Stolz. Foto: Ebner Stolz

Er ist sich darüber hinaus sicher: „Fragen- und Antwortlisten werden zudem eine größere Bedeutung bekommen.“ Denn Unternehmen müssen spontan und meist unter Druck auf Rückfragen reagieren können, sie richtig interpretieren und entscheiden, ob die Frage beantwortet wird oder nicht. Um auch die zeitliche Vorgabe von vier bis sechs Stunden einhalten zu können, sollten sich die Veranstalter zunächst klar werden, wie sie Fragen begrenzen und ob sie auch Redebeiträge zeitlich einschränken. „Durch diese Aspekte ist jedoch die Verletzung des Informationsrechts leichter und schneller gegeben“, vermutet der Experte.

3. Aktionäre könnten schnell etwas anfechten

Und genau in diesem Punkt lauert bereits die nächste Herausforderung. Durch den virtuellen Raum und der damit verbundenen Anonymität sinkt die Hemmschwelle der Beteiligten. Teilnehmer können nämlich mit nur einem Klick Widerspruch einlegen. Grund für Einsprüche könnten demnach die Verletzung des Informationsrechts, technische Störungen oder offene Rechtsfragen sein, die auftreten können, weil das Gesetz noch so neu ist.  

„Wir brauchen eine Reform des Anfechtungsrechts, damit nicht jeder kleine Fehler Unsicherheit beim Unternehmen auslöst”, betont Nickel. Aber: „Unternehmen werden sich darauf einstellen, werden damit leben lernen, dass immer jemand einen Widerspruch (zu Protokoll) erklärt“, ist sich der Experte sicher. Dennoch glaubt Nickel, dass die Hemmschwelle, tatsächlich eine Klage einzureichen, aufgrund der damit verbundenen Kosten weiterhin gegeben sein wird.

„Wir brauchen eine Reform des Anfechtungsrechts, damit nicht jeder kleine Fehler Unsicherheit beim Unternehmen auslöst.”

Jörg Nickel, Rechtsanwalt und Steuerberater bei Ebner Stolz

4. Technische Schwierigkeiten bei der virtuellen HV

Für die Umsetzung der virtuellen Hauptversammlung ist eine funktionierende Technik essenziell. Die gesamte Versammlung muss in Bild und Ton übertragen werden, und auch die Stimmrechtsausübung muss über den elektronischen Weg möglich sein. Die Vergangenheit hat bereits gezeigt, dass dies jedoch nicht immer so einfach ist. So musste beispielsweise die Aareal Bank vor Kurzem ihre virtuelle Hauptversammlung verschieben. Der Grund: Ein technischer Fehler.

Anfechtungen wegen einer technischen Störung sollten der gesetzlichen Regelung zufolge nur bei einem vorsätzlichen oder grob fahrlässigen Verschulden des Unternehmens gegeben sein. Dennoch ist Nickel der Ansicht, dass sich Unternehmen „zukünftig sehr genau überlegen müssen, in welchen Fällen von technischen Störungen sie Hauptversammlungen kurzfristig absagen oder sogar abbrechen“. Weiter glaubt er: „Persönlich erwarte ich, dass derartige Absagen und Abbrüche den Ausnahmefall bilden werden, da das Auftreten und die Reichweite von technischen Störungen für die Gesellschaft während der Hauptversammlung schwer festzustellen und verlässlich zu analysieren sind.“

Was spricht für die virtuelle Hauptversammlung?

Viele Herausforderungen also – was spricht dann überhaupt noch für die virtuelle Hauptversammlung? „Es gibt bislang keinen tragenden Grund, eine rein virtuelle Hauptversammlung nach dem neuen Recht abzuhalten“, ist Nickel überzeugt, auch wenn er einen Vorteil doch sieht: „Das Thema ökologischer Fußabdruck spricht bei größeren Unternehmen jedoch für die virtuelle Variante.“

Damit grundsätzlich mehr Unternehmen die virtuelle Variante wählen, müsse sowohl die Gesetzgebung als auch die Technik attraktiver gemacht werden. „Wir müssen beobachten, wohin sich die virtuelle Hauptversammlung entwickelt und gegebenenfalls das Gesetz nochmal nachschärfen“, so Nickel. Bis dahin ist eine intensive Vorbereitung besonders auf der rechtlichen Seite für die digitale Versammlung essenziell.

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Jasmin Rehne ist Redakteurin bei FINANCE und verfolgt scherpunktmäßig die Themen Controlling und Personal. Sie hat in Marburg Sprache und Kommunikation studiert. Neben ihrem Studium arbeitete Jasmin Rehne bereits als studentische Hilfskraft bei FINANCE.

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