In der Coronakrise muss jeder Euro zweimal umgedreht werden – auch in der Liquiditätsplanung vieler Unternehmen.

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05.05.20
Finanzabteilung

Liquiditätsplanung post Corona: So geht‘s

Der Lockdown geht zu Ende, jetzt wartet die nächste Herausforderung. Wie CFOs die Zahlungsströme für das Wiederhochfahren des Geschäfts am besten planen, verrät Mittelstandsberater Ralf Jourdan.

Herr Jourdan, die ersten Schritte aus dem Lockdown sind geschafft. Wenn es gut läuft, folgen bald die nächsten. Sie beraten viele Unternehmer und Finanzchefs, vor allem im Mittelstand. Dort bereiten sich jetzt fast alle auf das Wiederanfahren ihrer Unternehmen vor – und vielleicht auch auf das Nutzen von frisch aufgetauchten Chancen im Wettbewerb. Aber dafür darf auf keinen Fall die Liquidität ausgehen. Auf welche Szenarien sollte der CFO jetzt die Liquiditätsplanung jetzt stützen?
Keinesfalls auf ein „V“! Denn wenn es tatsächlich zu einer schnellen Erholung kommen sollte, wird das für die meisten Unternehmen kein großes Problem werden. Ich rate eher dazu, mit Umsatzrückgängen und einem langsamen Wiederanstieg von dieser abgesenkten Basis aus zu planen. Davon ausgehend dann zwölf Monate nach vorne planen, mit einem Best Case und einem Worst Case. Das Ganze immer im Abgleich zur aktuellen Planung, damit auf monatlicher Basis die jeweilige Deckungslücke gezeigt wird.

Wo liegen dabei die größten Herausforderungen?
Unser aller Problem derzeit ist, dass aufgrund des Shutdowns die Kernfunktionen Angebot/Nachfrage – Produktion/Absatz unterbrochen sind. Das unterscheidet die aktuelle Krise maßgeblich von allen anderen und hat erhebliche Auswirkungen auf die bestehenden Planungssysteme -und Annahmen. Damit wird es knifflig, zu modellieren, wie genau es zu welchem Zeitpunkt mit der Liquidität aussieht.

Da kommen kritische Fragen ins Spiel: Wie verlässlich sind meine Debitoren und Kreditoren? Muss ich als CFO damit rechnen, dass sie ihr Zahlungsverhalten ändern? Die Erfahrungen aus der Vergangenheit sind jetzt nicht mehr viel wert. Und dann gibt es auch die grundsätzliche Frage, wie es jetzt in Folge des Coronavirus eigentlich um den Auftragsbestand, um die Qualität der einzelnen Aufträge bestellt ist. Welche davon lassen sich noch realisieren, und wann?

Das zählt für die Liquiditätsplanung

Und das alles findet vor dem Hintergrund einer ohnehin schon ausgebombten Liquidität statt.
Ja, das ist leider bei ziemlich vielen Unternehmen der Fall. Sechs Wochen Lockdown – teils sogar noch länger – haben tiefe Löcher in die Kassenbestände gerissen. Viele Unternehmer und CFOs haben die Liquidität inzwischen wieder aufgefüllt, etwa durch KfW-Hilfskredite. Aber das ist es dann jetzt auch, damit müssen die meisten bis auf weiteres auskommen.

Und das ergibt die 1-Million-Euro-Frage: Wie schaffe ich es, jetzt in der Restart-Phase ordentlich Marktanteile zu gewinnen, ohne dass ich mich verschätze und dann derjenige bin, dem mittendrin die Liquidität ausgeht oder der plötzlich nicht mehr liefern kann?

Was sind die entscheidenden Daten für die Liquiditätsplanung post Corona?
Die Topline! Absatz und Umsatz müssen schnell wieder angekurbelt werden. Außerdem natürlich die Höhe der Warenbestände und des Einkaufsvolumens sowie die Zahlungsfähigkeit der Kunden. Weil die Insolvenzgesetze deutlich entschärft worden sind, kann sich kaum ein Unternehmen mehr sicher sein, welche Geschäftspartner wirklich noch solvent sind.

„Weil die Insolvenzgesetze entschärft worden sind, kann man sich kaum mehr sicher sein, welche Geschäftspartner wirklich noch solvent sind.“

Wie also findet man heraus, ob die eingeplanten Zahlungen der Kunden tatsächlich noch kommen?
Man muss jetzt alles neu einschätzen, die Vergangenheitswerte taugen nicht mehr viel. Das geht am besten in intensiven Gesprächen mit Kunden und Lieferanten. Wenn man als Lieferant eine starke Position hat und Wettbewerber in Schwierigkeiten stecken, kann man eventuell auch mal die Liquidität mancher Kunden testen, indem man zum Beispiel einen Teil des Auftragsvolumens auf Vorkasse umstellt, natürlich immer mit Fingerspitzengefühl.

Immer genug Cash für Working Capital

Und wie plane ich beim Working Capital?
Zunächst einmal regelmäßig analysieren: Wie weit komme ich mit meinen Warenbeständen noch? Wie stabil ist meine Lieferkette? Muss ich Lieferanten austauschen oder zusätzliche hinzuholen? Und ändern sich dadurch Preise und Kosten? Die meisten CFOs werden am Ende zu dem Schluss kommen, dass die Working-Capital-Bindung im Verhältnis zum Umsatz noch für eine ganze Weile höher als normal sein wird. Angesichts der ganzen Unsicherheiten lässt sich das kaum vermeiden. Und genau deshalb ist die Liquiditätsfrage so entscheidend: Der CFO muss sicherstellen, dass immer genug davon für den Aufbau des Working Capitals vorhanden ist.

Wie?
Da macht der Restart einiges wieder leichter. Wenn das Geschäft jetzt wieder anläuft, verbessert sich zum Beispiel auch der Zugang zu asset-basierten Finanzierungsmöglichkeiten wieder, allen voran Leasing und Factoring.

Zum Schluss kurz und knapp: Ihre zentralen Do’s and Dont’s für das Liquiditätsmanagement post Corona?
Ein No-Go: Nichts machen geht gar nicht, wegducken auch nicht. Ran an die Kunden und Lieferanten! CFOs müssen planen, planen, planen – und das immer wieder. Das wichtigste „Do“: Praktische Lebenserfahrung nutzen, mit Kunden und Lieferanten reden – und sich ganz eng mit den Refinanzierern abstimmen.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Ralf Jourdan ist Geschäftsführer der Unternehmensberatung adjust, die sich auf kaufmännische und technische Prozessberatung spezialisiert hat.

Ralf Jourdan nimmt auch an einer Diskussionsrunde bei unserer digitalen Deutschen Investorenkonferenz am 13. Mai teil, in der es um die aktuelle Lage in schwer getroffenen Branchen wie Automotive und Einzelhandel geht. Private-Equity-Investoren können sich hier kostenlos anmelden.