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Wirecard-Skandal: Die letzten Tage im Treasury

Einmalige Einblicke: So erlebte die Finanzabteilung von Wirecard die letzten Tage vor dem Kollaps.
Sergey Nivens / stock.adobe.com

„Ohne Abschluss kannst Du den Laden dicht machen.“ Diese Telegram-Nachricht schreibt der damalige Treasurer von Wirecard, Thorsten Holten, am 15. Juni 2020 an einen Kollegen. An diesem Tag beginnt der finale Countdown im Überlebenskampf des Dax-Konzerns. Noch weiß keiner, dass der Finanzdienstleister zehn Tage später eine spektakuläre Insolvenz hinlegen wird. Aber auch unter den Treasurern verdichten sich die Anzeichen, dass die Situation immer brisanter wird.

Wie die „Wirecard Files“ von FINANCE zeigen, liegen die Nerven von Holten und seinen Mitarbeitern zunehmend blank. Sie diskutieren über die Verfassung von CEO Markus Braun, spekulieren über das Vorgehen des Bilanzprüfers EY und suchen händeringend nach Geld.

FINANCE hat den Telegram-Chatkanal von Chef-Treasurer Thorsten Holten – insgesamt rund 1.000 Seiten – ausgewertet und druckt ihn an dieser Stelle in Auszügen ab. Holten wollte sich mit Verweis auf die laufenden staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen auch auf mehrmalige Einladung von FINANCE hin nicht zu den Chat-Inhalten äußern.

Die Namen von Mitarbeitern, die keine Führungskräfte waren, werden in diesem Artikel nicht genannt, um deren Privatsphäre zu schützen. Da Holten sich mit verschiedenen Mitarbeitern austauschte, haben wir sie durchnummeriert. Soweit inhaltlich verständlich und grammatikalisch halbwegs richtig, bilden wir die Chat-Nachrichten im Folgenden 1:1 ab. Sie zeichnen das Bild einer Finanzabteilung im Angesicht einer unaufhaltsam näher rückenden Katastrophe.

„Wenn EY das hört, war’s das!“

Gut einen Monat vor der Insolvenz ist Wirecard längst nicht mehr Everbodys Darling. Das gilt nicht nur für bestimmte Aktionäre und Teile der Presse, sondern auch für diejenigen, die Wirecard Geld leihen: die Banken. Dass Wirecard bei einigen Geldhäusern in Ungnade gefallen ist, kommentiert Thorsten Holten eher unflätig:

Mitarbeiter 1
Wie steht denn die ING grad zu uns? Bzw. wir zur ING?

Thorsten Holten (TH)
Gut… die gehören [zu denen] die uns noch mögen… Citi, Commerzbank, Barclays und Bank of Tokyo sind die A… [von FINANCE gekürzt, Anm. der Redaktion] in dem club…

Thorsten Holten muss mit ansehen, wie die Liquidität von Wirecard Tag für Tag weniger wird. Er will sie mit Geld aus dem angeblich lukrativen Drittpartner („TPA“)-Geschäft auffüllen. Auf Konten, die der Treuhänder Marc Tolentino bei zwei Banken im Manila verwaltet, liegen vermeintlich rund 2 Milliarden Euro, die Wirecard gehören. Holten will diese Mittel mobilisieren.

Thorsten Holten (TH)
Wollte mal hören ob die kohle noch bei der zentralbank hängt oder schon unterwegs ist?

Mitarbeiter 1
Wieso Zentralbank? Da hing sie nie! Und das darf auch niemals die Message sein… Die Kohle ist da wo sie auch vor 2 Wochen war – bei den beiden Banken

TH
von wegen cross boarder payment

Mitarbeiter 1
nein

TH
hat MB gemeint… wenn die zentralbank keine genehmigung erteilen muss, woran hängt es denn dann?

Mitarbeiter 1
Das ist eine SEHR gefährliche aussage… Wenn das EY so hört, war’s das.

TH
möchtest du das MB mal selbst sagen?… er hat heute ne super laune… heute hat er sich schon über die moodys PM aufgeregt…

Hintergrund: Anfang Juni gibt die Ratingagentur bekannt, dass es das Baa3-Rating für Wirecard überprüfen wird. Als Grund nennt Moody‘s anhaltende Unsicherheiten in Bezug auf die Vorwürfe wegen betrügerischer Rechnungslegung, aber auch Konzentrationsrisiken bei Dritt-Acquirern. Auch das vorrangige unbesicherte Baa3-Rating der im Jahr 2024 fälligen 500-Millionen-Euro-Anleihe von Wirecard, die im Spätsommer 2019 platziert worden war, wird auf „Credit-watch negative“ gesetzt.

Der damalige Wirecard-Chef Markus Braun reagiert sauer auf das Vorgehen von Moody’s, trotzdem stuft die Ratingagentur keine drei Wochen später Wirecard tatsächlich auf B3 herab.

Die Einschläge kommen näher

Anfang Juni beginnen auch die deutschen Medien schärfer zu schießen. Die F.A.Z., zu deren Verlagsgruppe auch FINANCE gehört, veröffentlicht einen Kommentar von Marcus Theurer mit der Überschrift „Der Chef muss weg“. Bei Thorsten Holten und seinem Team kommt diese Forderung nicht gut an.

TH
Das ist ja lächerlich

Mitarbeiter 1
Absolut… Wirecard ohne Markus und Jan…

TH
Die Investoren sind echt hartnäckig

Mitarbeiter 1
Maximal wird er [Markus Braun; Anm. Red.] Aufsichtsrat-Chef… Ich glaub bei den Investoren steht es ziemlich 50:50… Würde mich mal interessieren wer noch hinter ihm steht, er kennt die Großen doch alle

TH
Wow, hätte auf 70/30 getippt – für ihn

Mitarbeiter 1
Ich glaub [die] US-[Investoren] stehen hinter ihm, [die] deutsch[en] nicht so sehr… die tendieren zu Eichelmann

TH
Markus zu verlieren wäre vielleicht noch verkraftbar – aber Jan nicht

Mitarbeiter 1
Die Kombi macht‘s… Das Gespann ist perfekt abgestimmt

Was der Mitarbeiter „perfekt abgestimmt“ nennt, stimmt auf paradoxer Weise – zumindest mutmaßlich in krimineller Hinsicht. Während Markus Braun Investoren und Aktionäre mit Pseudo-Visionen im Tech-Slang einlullte, lieferte Jan Marsalek die passenden Wachstumszahlen zu den Zielen.

Am 5. Juni durchsucht die Staatsanwaltschaft München I die Wirecard-Räumlichkeiten in Aschheim – ein Schock für alle. Vorausgegangen war der Razzia eine Anzeige der Bafin wegen Marktmanipulation im Zusammenhang mit vorgeblich irreführenden Ad-hoc-Mitteilungen. Die Durchsuchung richtet sich aber nicht gegen die Wirecard AG, sondern gegen den Vorstand. Knapp einen Monat später rückt die Staatsanwaltschaft erneut an, diesmal, um Betrugsvorwürfen nachzugehen. Treasurer Thorsten Holten bekommt von der ersten Polizeiaktion nicht viel mit, er arbeitet an diesem Tag vom Homeoffice aus. Trotzdem erkennt auch er, dass die Einschläge nun merklich näherkommen.

Die Ermittler sind gründlich. Sie nehmen nicht nur Akten und Hardware mit, sondern auch die Handys der Vorstände. Als Jan Marsalek aus der Chat-Gruppe auf Telegram verschwindet, sorgt das bei Holten für Unbehagen. Sein Mitarbeiter beruhigt ihn.

TH
Jetzt ist Jan auch auf TG verschwunden? Sein Handynr geht ja schon länger nicht mehr

Mitarbeiter 1
Jan hat seinen Account gelöscht bzw. auf das Firmenhandy umgezogen. Das ist aber von der Polizei mitgenommen worden gestern

TH
Wow echt? Frage mich eh was die gestern wollten?

Mitarbeiter 1
Ja, alle Handys von den Vorständen sind gesichert bzw. kopiert worden

TH
Krass. Das wird ja alles immer schlimmer, langsam reichts. Markus ist weiter felsenfest der Meinung das die ad hoc vor KPMG richtig war

Holten spielt darauf an, dass Wirecard den KPMG-Sonderbericht im April zwar erhalten hatte, ihn aber nicht veröffentlichen wollte. Die Ad-hoc-Mitteilung vom 28. April 2020 zu den Ergebnissen galt manchen Beobachtern als zu spät und als nicht sachgerecht. Belastende Einschätzungen von KPMG seien der Öffentlichkeit nicht adäquat weitergegeben worden, lauteten die Vorwürfe.

„Der Markt flippt aus“

Rückblende zu diesem Tag: Kurzzeitig stürzte die Aktie um 12 Prozent ab, als im Tagesverlauf immer mehr Investoren erkannten, was in den von Wirecard veröffentlichten Auszügen des KPMG-Papiers tatsächlich drin stand. Später am Tag erholte sich der Wirecard-Kurs dann wieder – eine Achterbahnfahrt sondergleichen.

Einen Tag später diskutieren Holten und sein Mitarbeiter über den Umgang mit der Situation. Ein Vorschlag von CFOAlexander von Knoop (AVK) kommt gar nicht gut an.

TH
Schau dir mal unser Business ohne TPA an… also ich meine das profitable… Und dann kommt AVK mit Sprüchen wie „zur Not drehen wir das ab”…

Mitarbeiter 1
Hat der eigentlich überhaupt was verstanden??? Oder fahren Volumen runter… wir müssen was tun um an Geld zu kommen…

Ob EY den Jahresabschluss des vorangegangenen Jahres testieren wird, hängt nach Einschätzung von Holten und seinem Umfeld neben Jan Marsalek, der immer wieder neue Ausflüchte findet, warum die Zahlen nicht kommen, vor allem an Oliver B. (OB). Dieser ist der Chef des TPA-Partners Al Alam in Dubai – und mit in den Betrug bei Wirecard verstrickt, wie sich später zeigt. B. gilt derzeit als möglicherweise wichtigster Kronzeuge der Staatsanwaltschaft bei den Wirecard-Ermittlungen.

Um die Zahlen endlich zu bekommen, die die Wirtschaftsprüfer angefordert haben, hat eine Kollegin von Thorsten Holten eine Idee. Aber der Plan geht nicht auf, und die Zahlen lassen weiter auf sich warten.

Mitarbeiter 1
Aber im Moment hängt es an ihm [Oliver B., Anm. der Redaktion]… Es ist nur einfach grad zuviel. Für uns alle… Hab am Donnerstag mit ihm gesprochen und ihm gesagt, dass ich das jetzt endlich haben will… War leicht böse – das hilft normalerweise…

TH
Also hoffen wir mal das Beste und das wir den testierten abschluss plus kpmg Statement bekommen.

Mitarbeiter 1
Der Markt flippt aus wenn nichts mehr von KPMG kommt… Es wird alles gut… Und Markus meint das wäre alles erledigt… In Ermangelung von Alternativen… Schauen wir mal. Vielleicht ist es gut, wenn von KPMG nix mehr kommt

Die Nachrichten für Wirecard werden nicht besser und das perlt auch an Markus Braun nicht (mehr) ab. Holten schwankt zwischen Mitleid und Häme für seinen CEO.

TH
Mann, sah Markus heute scheisse aus… So hab ich ihn noch nie gesehen, sein Gesicht [war] voller Pickel oder Beulen

Mitarbeiter 2
Na kein Wunder… Also das setzt ihm jetzt echt zu… Wer nicht mehr schläft nichts mehr für sich macht und irgendwann schlägt es doch zu

TH
Das wird noch haarig für ihn…

Mitarbeiter 2
Aber ‚alles hervorragend‘ wer glaubt ihm das noch?!

TH
[s]o will der am DO vor die Kamera, na hoffentlich ist die Maskenbildnerin gut

„Jetzt stalkt mich MB im Minutentakt“

Fast genau einen Monat, bevor Wirecard Insolvenz beantragen muss, beginnt sich Thorsten Holten ernsthafte Sorgen um die Liquidität zu machen. Er wundert sich, dass in den Jahren 2015 bis 2018 immer rund 300 Millionen Euro pro Quartal aufgebaut wurden. Aber für das gesamte Geschäftsjahr 2019 sind es nur 900 Millionen Euro.

TH
für unseren zukünftigen cash out habe ich keine liquiqellen mehr, es muss also liqui vom TPA business fliessen oder ne Kapitalerhöhung von 10%

Mitarbeiter 1
Das geht nur über Volumenreduzierung… Good luck mit MB.

TH
müssen sich Markus und Jan einigen, es gibt nur diese beiden Varianten. ich will unsere cash cow nicht töten… von mir aus weiter TPA-Wachstum, dann muss die kohle woanders herkommen… es gibt aber nur die zwei optionen – Kapitalerhöhung oder Kohle fliesst aus dem TPA Business – es sei denn du hast noch ne idee?

Mitarbeiter 1
ja, ich habe eine Idee… wir könnten MB versteigern

Die Idee, Markus Braun zu versteigern, ist natürlich nicht ernst gemeint, aber der Galgenhumor zeigt die wachsende Unsicherheit und aufkommende Verzweiflung: Es muss Cash her – und zwar schnell. Selbst Braun wird jetzt nervös. Er setzt das Treasury zunehmend unter Druck, das Problem zu lösen. Holten sitzt zwischen den Stühlen: Einerseits kann er die Liquidität nicht aus dem TPA-Geschäft auffüllen, andererseits macht der Oberboss Druck.

Mitarbeiter 1
Das Geld ist nicht unterwegs… Die Anweisung liegt bei den compliance dept der Banken… Wenn die Anweisung ausgeführt ist hoffe ich dass wir Belege bekommen… Angefordert ist es. Was will Markus denn? Soll sich bitte an Jan [Marsalek] wenden.

TH
jetzt stalkt er [Markus Braun] mich hier im minutentakt… er meinte wir brauchen das geld bis freitag [den 29.5. – zwei Tage später! Anm. Red] – komisch ich dachte wir haben [die Präsentation des Jahresabschlusses] auf den 18.6. verschoben?

Mitarbeiter 1
EY macht Freitag zu…

TH
alles wahnsinnig hier… ich kann die kohle leider auch nicht herzaubern… sonst wär ich lääääääääääääääääääängst woanders

Während Holten beginnt, die Nerven zu verlieren, tickt auch die Uhr für seinen Arbeitgeber immer lauter. Je näher der 18. Juni rückt, für den Wirecard dem Kapitalmarkt das Bilanztestat von EY versprochen hat, desto stärker wächst der Druck auf die Finanzabteilung.

15. Juni 2020, Montag
Drei Tage vor dem Moment der Wahrheit ist immer noch kein Geld angekommen. Die Zuversicht von Holten leidet, während CFO Alexander von Knoop den Kopf noch nicht in den Sand stecken will:

TH
Hi, wo steckt die Kohle? Befürchte das wird wohl nix mit dem 18.6.… Hallo Alex [ander von Knoop], gibt es News zum 18.?

Alexander von Knoop
vielleicht hat sich die lage ja seit Do/Fr geändert – wäre zumindest meine Hoffnung…

17. Juni 2020, Mittwoch
Ein Tag vor dem kritischen Stichtag verlagert sich die Hoffnung immer mehr auf das letzte Aufgebot der Cash-Manager, die 1,9 Milliarden Euro (Englisch: 1.9 billions), die auf den Treuhandkonten in Manila liegen sollen.

Mitarbeiter 3
hast Du nochmal was gehört?

TH
nein mit mir hat keiner gesprochen, bin auch gespannt auf morgen

Mitarbeiter 3
das ist wir vor Weihnachten – nur die Gefahr ist hoch, dass das Geschenk enttäuscht

TH
bis morgen – und träum süß von 1.9 bn

18. Juni 2020, Donnerstag
Der Tag der Wahrheit wird zum Alptraum für Wirecard: EY ist nicht bereit, ein Testat für den Jahresabschluss 2019 auszustellen. Eine Horror-Meldung nicht nur für den Konzern, sondern auch für die ganze Branche, die Aktionäre und den Finanzstandort Deutschland. Das Datum markiert ganz offiziell den Anfang vom Ende.

19. Juni 2020, Freitag
Nun geht es Schlag auf Schlag. Es bleibt immer weniger Raum für Illusionen, dass sich alles wieder einrenken wird, aber die Situation ist unübersichtlich. Keiner vermag sich einen Reim darauf zu machen, was eigentlich vor sich geht.

TH
katastrophe… eine zahlung wurde retourniert… das konto gibt es nicht

Mitarbeiter 1
Komisch, dass das zweite dann nicht zurückkommt gleichzeitig. Gleiche Bank, gleichzeitig überwiesen…

Und es brennt auch noch an anderer Stelle. Der Wirecard Bank entziehen viele Kunden das Vertrauen, es droht ein Bank Run. Die Berater im Callcenter sind im Dauerstress.

Mitarbeiter 4
Hier ist die hölle los… Weisst du wie hoch die einlagensicherung pro kunde ist? Die kunden fragen

TH
Es geht darum ob die Lichter ausgehen. Die Bank ist safe!!

Mitarbeiter 4
Trotzdem die kunden drehen durxh

TH
Wir müssen mittelabfluss verhindern… Wenn es einen run auf die WDB gibt… Wahnsinn

Mitarbeiter 4
Gibt es schon!!

TH
Die Kunden sind aber [ab]gesichert

Mitarbeiter 4
Aber es weiss keiner

TH
Und es sagt ihnen keiner

Mitarbeiter 4
Ich mach das den ganzen tag… aber sag das mal der drecks bank… Wie die die kunden behandeln…

Am gleichen Tag meldet sich Carlos Häuser, ein Manager des TPA-Partners Al-Alam aus Dubai, und bietet seine Hilfe an. Ähnlich wie Jan Marsalek und dessen Hintermännern gelingt es auch Häuser offensichtlich mühelos, die Fassade der Rechtschaffenheit und Seriosität aufrecht zu erhalten.

Carlos Häuser
Hallo Thorsten, ich weiß du bist gerade mit anderen Dingen beschäftigt aber ich habe einen Investment Kontakt, der uns eigentlich mit debt Capital helfen soll, der jetzt vier Ex-Goldmann Sachs Investment Banker mit einem Debt Capital Fund, die euch gerne ein Angebot über 2 Mrd [Währung unklar, Anm. Red.] als Facility machen wollen würden. Im Hintergrund stehen mehrere (große) Family Offices. Sag Bescheid wenn du glaubst das wäre was und ich kann dir mehr Infos geben und eine Intro arrangieren

TH
Hilfe ist immer willkommen

21. Juni 2020, Sonntag
Vier Tage vor der Insolvenz ist Treasurer Thorsten Holten der Verzweiflung nahe. Vielleicht beginnt er zu ahnen, dass das, was er bisher für real und wahr gehalten hat, es nicht ist – oder zumindest, dass es mehrere Wahrheiten gibt.

TH
Ich weiß nicht mehr was und wem ich noch glauben kann

Zunehmend entlädt sich die Wut auch in den FINANCE vorliegenden Chats – es werden Verantwortliche gesucht. Es ist auffallend, dass dabei weder die Namen Marsalek noch Braun fallen. Holten wird nicht zu einer Präsentation des Vorstands eingeladen. Er will trotzdem hingehen.

Mitarbeiter 5
was soll die Scheiße… geig dem Eichinger [Markus Eichinger war Executive Vice President bei Wirecard und verantwortete die Strategie] mal die Meinung!

TH
tu dir keinen zwang an

Mitarbeiter 5
jetzt is eh schon alles egal

23. Juni 2020, Dienstag
Nachdem EY die Notbremse gezogen hat, bleibt Thorsten Holten und seinem Treasury-Team nur noch, das Chaos zu verwalten und die Mitarbeiter zu informieren.

Mitarbeiter 6
Hi Thorsten! Was neues für uns von treasury?

TH
aktuell haben alle firmen paymentstop, wir müssen das morgen mit den anwälten besprechen damit wir nichts falsch machen… auch aus haftungsgründen für euch als GF

24. Juni 2020, Mittwoch
Bei Holten melden sich nun immer mehr Mitarbeiter aus allen Teilen der Welt. Alle leiden unter der Situation. Während sich Jan Marsalek an diesem Tag mit einem Sportflugzeug über Österreich nach Weißrussland absetzt, versuchen die verbliebenen Führungskräfte noch zu retten, was zu retten ist. Aber die Luft ist raus. Thorsten Holten will und kann nicht mehr.

TH
I feel terrible, it´s most difficult time in my life

Mitarbeiter 7
Due to the current situation ALL PAYMENTS ARE ON HOLD UNTIL MONDAY

TH
we hope to find a solution with our banks on Friday or Sat, so I can give you an update on the weekend

Mitarbeiter 4
Thorsten, ich kann nicht mehr… mein Akku is leer für heute – kann kaum mehr gerade aus schauen

TH
Ok… AVK wollte jetzt ernsthaft die Fragen alle einzeln mit mir durchgehen. Spinnt der? Mit was für einer Selbstverständlichkeit… Ich hab gesagt: Nö, wir sind zuhause…

Mitarbeiter 4
Am besten: der CFO schickt die Antworten raus… ganz ehrlich Thorsten, das hat so alles keinen Sinn mehr

25. Juni 2020, Donnerstag
Der Tag, an dem die Wirecard AG einen Insolvenzantrag stellt, ist der bitterste Tag für Vorstand, Mitarbeiter und Aktionäre. Wer es bisher noch nicht wahrhaben wollte, dass Wirecard ein riesiges Luftschloss aus Lügen und falschen Zahlen war, hat nun Gewissheit. Der Aktienkurs bricht zusammen.

Auf Telegram passiert zumindest auf dem Account von Thorsten Holten wenig. Es wenden sich aber einige Mitarbeiter mit ganz praktischen Fragen an den Noch-Treasurer:

Mitarbeiter 8
Werden Juni Gehälter noch gezahlt?

Info

Dies ist ein Teil unserer laufenden Enthüllungsserie. Alle Artikel finden Sie auf unserer Spezialseite zu den „Wirecard Files“. Mehr News und Hintergründe zum Wirecard-Skandal gibt es auf der FINANCE-Themenseite zu Wirecard, alle aktuellen Entwicklungen in unserem Wirecard-Ticker.

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