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Wo Blockchain Corporate Finance schon jetzt Mehrwert bietet

CFOs interessieren sich für die Blockchain-Technologie, Anwendungsbeispiel mehren sich, sind aber weiterhin rar gesät. Foto: fotomek – stock.adobe.com
CFOs interessieren sich für die Blockchain-Technologie, Anwendungsbeispiel mehren sich, sind aber weiterhin rar gesät. Foto: fotomek – stock.adobe.com

Vor wenigen Jahren gab es einen großen Hype um die Distributed-Ledger-Technologie Blockchain. Die Möglichkeiten der Anwendung schienen beinahe unendlich. Mittlerweile ist der Hype etwas abgeebbt, die Hoffnungen wurden auf realistischere Maßstäbe heruntergefahren.

Denn wie so oft gilt: Pilotprojekte bei der Nutzung neuer Technologien sind speziell für First Mover ein immenser Aufwand. Es gibt noch keine Blaupause, auf der CFOs und ihre Teams aufbauen können. Doch nach und nach haben sich zahlreiche Anwendungsgebiete für Blockchain im Corporate Finance herauskristallisiert.

BASF, Evonik und Siemens testen Blockchain

Blockchain findet in Finanzabteilungen derzeit vor allem Anklang im Lieferkettenmanagement. Die beiden Chemiekonzerne BASF und Evonik haben beispielsweise zusammen mit der Commerzbank ein Blockchain-Projekt in der Lieferkette durchgeführt. Die Beteiligten haben mittels der Blockchain-Technologie programmierbares Geld getestet, um bilaterale Supply-Chain-Prozesse untereinander abzuwickeln.

Die Herausforderung bei dieser Konstellation sei, dass beide Beteiligten ein Konto bei der begleitenden Bank benötigen, wie Jens Paulsen von der Beratung Deloitte erläutert. Hier müsse man abwarten, ob es ein digitales Zentralbankgeld (Central Bank Digital Currency; CBDC) geben wird, das viele der noch bestehenden Probleme lösen könnte.

Harald Fritsche, der bei Deloitte die Treasury-Beratung leitet, sieht auch Potential bei der Schaffung von Steigerung der Effizienz bei Intercompany-Verrechnungen. In diese Richtung geht ein Projekt von Siemens und JP Morgan. Der Industriekonzern plant in diesen Tagen, Coin Accounts in Amerika, Mitteleuropa und Asien zu eröffnen. Eine weitere Idee ist, dass Zahlungsfunktionen direkt in die Siemens-Produkte integriert werden könnten. Laut eines Berichts der „Börsen-Zeitung“ werden aktuell bereits Dollar-Transaktionen per Blockchain-Technologie zwischen den Siemens-Konten bewegt.

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In Banken, beim Management von Lieferketten und seit kurzem sogar bei der Begebung von Schuldscheinen oder Commercial Papers: Die Blockchain-Technologie dringt immer tiefer in die Finanzwelt ein – der aktuelle Stand der Dinge.

Dabei handelt es sich allerdings um eine konzerninterne Lösung, wie Deloitte-Manager Paulsen betont. „Spannender sind konzernübergreifende Lösungen.“ Sein Kollege Fritsche erklärt: „Im Bereich Trade Finance herrscht noch ein Papierkrieg. Da geht eigentlich weiterhin nicht viel ohne den physischen Austausch von Dokumenten.“

Einen erheblichen Mehrwert könnte Blockchain auch beim Thema Maschinennutzung („Pay per Use“) ermöglichen. „Hier würde das mit dem Internet verbundene Gerät automatisch selbst die Kommunikation mit dem ERP-System und das Anstoßen einer Swift-Nachricht übernehmen“, sagt Berater Paulsen. Die Erstellung von Rechnungen könnte so wesentlich präziser erfolgen.

Blockchain könnte Finanzierung beschleunigen

Ein Kernbereich der CFOs ist und bleibt die Finanzierung. Schuldscheine und Konsortialkredite wurden schon einige via Blockchain abgeschlossen. Hier handelt es sich jedoch um Produkte mit einem überschaubaren Investorenkreis. Das größte Potential der Blockchain könnte sich in den kommenden Jahren bei Aktien- und Anleiheplatzierungen offenbaren, wie Nils von Schoenaich-Carolath, Managing Director Digital Assets Bankhaus Scheich mit der FinTech-Serviceplattform Tradias, erklärt.

Die Grundlagen hierfür hat das elektronische Wertpapiergesetz (eWpG) geschaffen, das seit Juni 2021 gilt und Teil der Blockchain-Strategie der Bundesregierung ist. Ein Unternehmen könnte in Zukunft einen Bond komplett digital platzieren, Anleihepapiere müssten im Nachgang nicht mehr bei einer Bank aufbewahrt werden.

„Die Vorteile für Unternehmen sind geringere Transaktionskosten und die Ansprache anderer Zielgruppen.“

Nils von Schoenaich-Carolath, Blockchain-Experte

Ein Gläubiger könnte seine Anleihe oder Aktie in dieser neuen Welt einfach in einem Wallet aufbewahren. Dieses wäre ihm klar zugeordnet, eine Bank als Intermediär bräuchte er nicht mehr. „Die Vorteile für Unternehmen sind geringere Transaktionskosten und die Ansprache anderer Zielgruppen“, sagt von Schoeneich-Carolath. Denn eine Blockchain-basierte Anleihe lasse sich viel kleiner stückeln, Werte hinunter auf bis zu 20 Euro je Anleihe seien denkbar. „Das Papier ließe sich darüber hinaus weltweit vermarkten“, so von Schoenaich-Carolath.

Experten wie von Schoenaich-Carolath und die Deloitte-Berater Fritsche und Paulsen rechnen zudem damit, dass sich ein Sekundärmarkt für digitalen Anleihen und Aktien entwickelt, wo diese handelbar sein werden. Dann könnte der Markt für digitale Wertpapiere durchstarten. „Eine klassische Börse kann Digital Assets aber aus regulatorischer Sicht heute noch nicht abbilden“, moniert von Schoenaich-Carolath.

Neuer überdimensionierter Mini-Bond-Markt?

Digitalisierte Anleihen klingen gut, bergen aber auch Potential, zwielichtige Personen anzuziehen. Der Markt sei reguliert, versichern die Experten zwar. Allerdings dürften sich viele Investoren noch an die Verwerfungen am Markt für Mittelstandsanleihen erinnern, wo zahlreiche Emittenten in die Pleite rutschten und ihre Prospektpflichten nicht erfüllten. Auch dieser Markt war wenig reguliert und richtete sich an semi-professionelle und teils sogar an private Anleger. Das Phänomen eines „digitalen Mini-Bond-Markts“ mit vergleichbaren Schwachstellen könnte noch einmal eine andere Größenordnung erreichen als das Mini-Bond-Debakel.

Fritsche und Paulsen teilen zwar die optimistische Einschätzung bezüglich tokenbasierter Finanzierungen, sind aber mittelfristig noch skeptisch, dass man größere Transaktionen sehen wird: „In den kommenden fünf Jahren wird wahrscheinlich kein Dax-Konzern eine größere Anleihe rein tokenisiert platzieren“, schätzt Deloitte-Berater Fritsche. Er resümiert: „Technologisch ist schon mehr möglich, als genutzt wird. „Die größten Hindernisse sind eher die Unsicherheit bezüglich der Regulierung und die Offenheit und der Innovationswillen der Unternehmen.“

jakob.eich[at]finance-magazin.de

Info

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Jakob Eich ist Redakteur der Fachzeitungen FINANCE und DerTreasurer des Fachverlags F.A.Z Business Media, bei dem er auch sein Volontariat absolviert hat. Eich ist spezialisiert auf die Themen Digitalisierung im Finanzbereich und Treasury. Durch seine Zwischenstation bei der Schwesterpublikation „Der Neue Kämmerer“ ist 1988 geborene Journalist auch versiert beim Thema Kommunalfinanzen. Erste journalistische Erfahrungen hat der gebürtige Schleswig-Holsteiner in den Wirtschaftsmedien von Gruner+Jahr sowie in der Sportredaktion der Hamburger Morgenpost gesammelt.

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