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Das 214-Millionen-Euro-Geheimnis von KTG Agrar

Noch mehr Unheil für die Aktionäre und Anleihegläubiger von KTG Agrar: Für wen und zu welchem Zweck hat KTG Agrar ein so großes Finanzierungsrad gedreht?
KTG Agrar

Die Fragezeichen über dem angeschlagenen Mini-Bondemittenten KTG Agrar werden immer größer. Die am Montag vor neun Tagen eigentlich fällig gewordene Zinszahlung ist immer noch nicht erfolgt. Die vom Unternehmen selbst gesetzte Frist von 14 Tagen läuft in Kürze ab. Bleibt die Zinszahlung für 30 Tage aus, wäre dies nach den Anleihebedingungen von KTG Agrar ein Zahlungsausfall, und die Bondholder könnten ihre Forderungen fällig stellen. Die Folge wäre vermutlich die Insolvenz von KTG Agrar.

Wie FINANCE aus Investorenkreisen erfahren hat, rückt mittlerweile bei Kapitalmarktteilnehmern ein Bilanzposten von KTG Agrar in den Mittelpunkt des Interesses, dessen Größe erheblich ist: Es geht um Forderungen in Höhe von 213,8 Millionen Euro, die KTG Agrar als Vermögen bilanziert. Substanz und Herkunft dieser Forderungen sind jedoch hochgradig diffus. Die geschäftsüblichen Forderungen aus Lieferungen und Leistungen sind in diesem Bilanzposten nicht enthalten.

Die Summe von etwa 214 Millionen Euro ist nicht nur deswegen so interessant, weil sie nahezu ausreichen würde, um den in einem Jahr fällig werdenden Mini-Bond mit einem Volumen von knapp 250 Millionen Euro abzudecken. Die nicht näher deklarierten Forderungen sind außerdem der mit Abstand größte Bilanzposten auf der Aktivseite, noch vor technischen Anlagen und Maschinen (170,2 Millionen Euro) sowie Grundstücken (60,6 Millionen Euro).

Bilanziert wurden die Forderungen in dieser Höhe zum aktuell neuesten Stichtag 31. Dezember 2015. Dass KTG Agrar jetzt – ein halbes Jahr später – nicht in der Lage ist, Zinsen in Höhe von gut 15 Millionen Euro pünktlich zu bezahlen, schürt große Zweifel an der Gesundheit dieser Forderungen und an den Zugriffsmöglichkeiten von KTG Agrar auf diese Mittel. 

KTG Agrar mauert

Ins Auge fällt vor allem eine dramatische Ausweitung der Darlehensforderungen, die KTG Agrar gegenüber Dritten geltend macht: Dieser Unterposten im Forderungsbereich stieg im abgelaufenen Geschäftsjahr von 79,4 auf 135,7 Millionen Euro an. Im Jahr 2013 lagen die Darlehensforderungen noch bei 65,3 Millionen Euro, 2012 sogar nur bei 24,6 Millionen Euro.

Dieser Anstieg entspricht mehr als einer Verfünffachung der Darlehensforderungen in nur vier Jahren – just in einer Zeit, in der KTG Agrar permanent den Kapitalmarkt für neue Finanzierungen angezapft und insgesamt mehr als 120 Millionen Euro an neuen Anleiheverbindlichkeiten aufgenommen hat. Die Investorengelder sollten in Investitionen fließen. Letztlich hat KTG-Agrar-Chef Siegfried Hofreiter sie per Saldo aber offenbar in einem wesentlich größeren Umfang als Darlehen an Dritte weitergereicht.

Das Unternehmen selbst äußert sich nicht zu diesen Bilanzposten. Im Geschäftsbericht macht KTG Agrar weder Angaben dazu, wem der Konzern diese Mittel zur Verfügung gestellt hat, noch wird erklärt, für welche Zwecke die Darlehen vergeben worden sind. Auch auf einen detaillierten, neun Punkte umfassenden Fragebogen von FINANCE zu den fraglichen Bilanzposten reagiert KTG Agrar zugeknöpft: Antworten will der Konzern nicht geben, weil „KTG derzeit alle Ressourcen auf die Zwischenfinanzierung und das operative Geschäft konzentriert“, so die Stellungnahme. Der zentrale Vermögenswert des wankenden Bondemittenten bleibt damit eine Black Box.    

Großteil der Finanzforderungen mit langer Restlaufzeit

Bei der Analyse des Forderungsspiegels (ohne Forderungen aus Lieferungen und Leistungen) ergibt sich vor allem die Frage, wie KTG Agrar überhaupt in akute Liquiditätsschwierigkeiten kommen konnte: Ein Anteil von 80 Millionen Euro an den 214 Millionen Euro umfassenden Forderungen hatte laut Angaben von KTG Agrar am 31. Dezember 2015 eine Restlaufzeit von weniger als einem Jahr. Mithin sollte im ersten Halbjahr 2016 ein nennenswerter Teil der Außenstände inzwischen schon getilgt sein oder zumindest bald zur Tilgung anstehen. Ob bereits Tilgungen erfolgt sind, wollte KTG Agrar auf FINANCE-Anfrage nicht beantworten.

Ein Großteil der Finanzforderungen befindet sich derzeit ohnehin außer Reichweite des Agrarkonzerns. Von den sonstigen Vermögensgegenständen in Höhe von 159,4 Millionen Euro, deren größter Einzelposten die vergebenen Darlehen über 135,7 Millionen Euro sind, weisen Forderungen mit einem Nennwert von 116,4 Millionen Euro Ende 2015 eine Restlaufzeit von einem bis fünf Jahren aus. Darunter dürfte auch das gut 30 Millionen Euro schwere Darlehen an die börsennotierte Biogastochter KTG Energie sein, welches dazu geführt hat, dass auch die KTG-Energie-Papiere in den Abwärtssog von KTG Agrar geraten sind.

Die einzige Detailinformation, die KTG Agrar in seinem Geschäftsbericht gibt, betrifft eine Kaufpreisforderungen über 27,1 Millionen Euro gegenüber dem Erwerber der KTG-Tochter FZ Foods, deren Kernstück die im Jahr 2011 aus der Insolvenz erworbene Firma Frenzel Tiefkühlkost ist. Das Tiefkühlgeschäft hat sich laut KTG schlechter entwickelt als geplant und wurde schon zum 1. Juli 2015 verkauft. Das heißt mit anderen Worten, dass KTG dem Erwerber eine Summe von 27 Millionen Euro für mindestens ein halbes Jahr gestundet oder zumindest so lange auf die Zahlung gewartet hat.

Da KTG Agrar keine Quartalsberichte vorlegt und der Halbjahresabschluss erst im September kommen soll, ist nicht bekannt, ob der Kaufpreis inzwischen eingegangen ist. Das Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit von FZ Foods war im Jahr 2014 mit rund einer halben Million Euro negativ. Den Vermögenswerten standen Verbindlichkeiten in nahezu der gleichen Höhe gegenüber.

KTG Agrar bürgt für Schulden über 33 Millionen Euro

Nicht nur mit Finanzspritzen, auch in anderer Form hat KTG Agrar dritten Unternehmen unter die Arme gegriffen. Insgesamt hat der Konzern per Ende 2015 Haftungen oder Ausfallbürgschaften für Kredite anderer Unternehmen in Höhe von insgesamt rund 33 Millionen Euro übernommen. Sollten auch diese Unternehmen und Zweckgesellschaften aus dem Umfeld des Agrarkonzerns in den Sog der KTG-Krise geraten, droht diversen bekannten Banken eine unangenehme Überraschung, die auf die Garantien von KTG Agrar gesetzt haben. Dazu gehören unter anderem die HSH Nordbank, die Commerzbank, die Umweltbank und die Deutsche Kreditbank (DKB).

Völlig unklar ist, welche Managementstrategie hinter den in den vergangenen Jahren stark gestiegenen Ausleihungen steht. Von außen betrachtet wirkt es so, als habe KTG Agrar als eine Art Bank oder Finanzdrehscheibe für Firmen aus dem Umfeld fungiert. Licht ins Dunkel könnte wohl nur KTG Agrar selbst bringen, doch das Unternehmen schweigt zu dem Thema. Bekannt ist, dass KTG Agrar beispielsweise den Aufbau einer Schweinezucht der Firma TKS Union in Russland mit finanziert hatte. Die dafür ausgereichten Darlehen in Höhe von 13,1 Millionen Euro sind laut Geschäftsbericht im vergangenen Jahr von TKS Union zurückgeführt worden.

Ob die Investoren noch davon ausgehen können, dass KTG Agrar die ausstehenden Darlehensforderungen wie geplant eintreiben kann, ist derzeit ungewiss. Die Höhe der Recovery-Rate dürfte auch davon abhängen, ob die KTG-Darlehen von den Empfängern für den Aufbau cashflow-generierender Vermögenswerte oder für weniger produktive Zwecke genutzt worden sind. Ob und in welcher Höhe die ausstehenden Darlehen besichert sind, ist nicht bekannt.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Info

Mehr Berichte zu KTG Agrar gibt es auf der FINANCE-Themenseite zu KTG Agrar. Eine ausführliche Analyse zur Lage und den Finanzierungsoptionen von KTG Agrar finden Sie in der FINANCE-Ausgabe 4/2015, die als epaper hier erhältlich ist.

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Michael Hedtstück ist Chefredakteur von FINANCE-Online und FINANCE-TV und verantwortet die Online-Aktivitäten des FINANCE-Magazins. Er ist zweifacher Träger des Deutschen Journalistenpreises.

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