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„Preisvorteil für Green Finance nicht unmittelbar gerechtfertigt“

Scope-Experte Sebastian Zank spricht mit FINANCE über das Preisniveau am Green-Finance-Markt.
leowolfert – stock.adobe.com

Immer mehr Unternehmen entdecken nachhaltige Finanzierungsinstrumente für sich – auch am Bondmarkt greift der Trend um sich. Neben Green Bonds – also grünen Projektfinanzierungen – werden inzwischen auch ESG-linked Bonds in der Corporate-Welt beliebter. Bei diesen Anleihen ist die Zinsmarge an bestimmte Nachhaltigkeitsziele gekoppelt. Sebastian Zank von der Ratingagentur Scope erklärt, warum er das aktuelle Preisgefälle von nachhaltigen und „gewöhnlichen“ Anleihen kritisch sieht. 

Herr Zank, Sie haben sich in einer aktuellen Analyse intensiv mit der Frage nach dem Pricing am Markt für ESG-Bonds – also sowohl Green wie auch ESG-linked Papiere – auseinandergesetzt. Sie sind dabei auf ein deutliches Greenium gestoßen: Einige Unternehmen geben an, mit nachhaltigen Finanzierungen rund 20 Basispunkte gegenüber herkömmlichen Transaktionen einzusparen. Sie sehen diesen Preisvorteil kritisch. Warum?
Der Preisvorteil für Green Finance ist nicht unmittelbar gerechtfertigt. Es gibt keinen Anlass dazu, Anleihen mit Nachhaltigkeitsetikett anders zu bepreisen als klassische Bonds. Sie werden aus Sicht einer Ratingagentur auch nicht anders geratet, da ihre Struktur mit herkömmlichen Anleihen identisch ist. Daher ergibt es aus Risikosicht wenig Sinn, dass diese Papiere weniger Rendite bringen.

Dennoch gibt es diesen Effekt. Investoren scheinen also bereit zu sein, für Green Bonds auf Rendite zu verzichten. Das muss doch einen Grund haben.
Ja, derzeit sorgt der massive Nachfrageüberhang dafür, dass Unternehmen beziehungsweise die begleitenden Investmentbanken an dem Markt die Preise diktieren können. Die Bonds sind derzeit stark überzeichnet, weil das Thema Sustainable Investing seit Mitte 2020 so enorm an Fahrt aufgenommen hat – auch aus regulatorischen Gründen. Wenn man sich die Überzeichnungsraten ansieht, dann zeigt sich das deutlich. Im vergangenen Jahr lag der Faktor bei nachhaltigen Emissionen bei 4,5x. Bei Plain Vanilla Bonds waren es nur 3x. Für Investoren ist derzeit die Logik die folgende: Ein Green Bond eines Autobauers beispielsweise ist aus Diversifikationsgründen für Investoren sehr gut, bislang waren vor allem Unternehmen aus dem Versorgersektor an dem Markt aktiv. Aus dem Grund sind sie bereit, bei den Konditionen etwas nachzugeben. Wir sehen darin aber ein temporäres Phänomen, das schon sehr bald verschwinden wird.

Wie lange können CFOs denn bei Neuemissionen noch auf diesen Effekt hoffen?
Ich glaube, dass das Greenium schon innerhalb dieses Jahres verschwinden wird. Der Run auf diesen Markt ist derzeit enorm, immer mehr Unternehmen aus den verschiedensten Branchen entdecken die Instrumente für sich. Bald könnten Angebot und Nachfrage damit stärker im Einklang sein. Dafür haben auch die ESG-linked Bonds gesorgt, bei denen die Zinsmarge an Nachhaltigkeitsziele gekoppelt ist. Diese Instrumente kommen für deutlich mehr Emittenten in Frage als Green Bonds, schließlich setzen grüne Anleihen ein ausreichend großes Portfolio an abgrenzbaren, nachhaltigen Projekten voraus, die finanziert oder refinanziert werden können.

Scope erwartet starkes Wachstum bei ESG-Bonds

Der Green-Finance-Markt gilt aber immer noch als Nische. Warum rechnen Sie damit, dass der Nachfrageüberhang so schnell bedient werden kann, dass das Greenium schon in diesem Jahr verschwindet?
Ein Blick auf die Marktentwicklung der letzten Monate legt das nahe. Die Geschwindigkeit, mit der der Markt wächst, ist rasant. Seit etwa September vergangenen Jahres sieht man das auch an dem stetig wachsenden Anteil von nachhaltigen Bondemissionen am Gesamtmarkt. 2021 wurde in einem Monat so viel Volumen über ESG-Bonds platziert, wie vergangenes Jahr in einem ganzen Quartal.

Können Sie dafür konkrete Zahlen nennen?
Im vergangenen Jahr lag der Anteil des über ESG-Bonds platzierten Emissionsvolumens am europäischen Corporate-Bondmarkt bei 8 Prozent. Im ersten Halbjahr 2021 stieg dieser Wert bereits auf 18 Prozent. Im Juli war die Entwicklung noch rasanter: Auf Monatsebene betrachtet, waren es über 30 Prozent. Wir erwarten, dass zum Jahresende mehr als ein Viertel des Emissionsvolumens einen ESG-Bezug haben wird.

Und diese Wachstumsraten werden wirklich ausreichen, um das Greenium verschwinden zu lassen?
Bei größerer Auswahl werden Investoren die Papiere anders betrachten. Ich denke, dass sie stärker hinterfragen werden, welche kurz- und langfristigen Effekte die grünen Finanzierungsinstrumente auf das Unternehmen haben werden. Wenn ein Bond etwa an eine Reihe von soften, sozialen Faktoren geknüpft wird, dann hat das erstmal nur auf dem Papier eine Auswirkung auf das Geschäft. Bei Emittenten, bei denen die mit ESG-Anleihen verknüpften Ziele ohnehin leicht erreicht werden können oder bei denen eine mögliche Zinserhöhung bei Nichterreichung der gesetzten Ziele im anhaltenden Niedrigzinsumfeld nur marginale Auswirkungen hätte, erscheint das ESG-Label einer Anleihe eher nur als Makulatur. Bei harten Zielen hingegen, etwa zu den Treibhausgasemissionen, werden Investoren und Ratingagenturen analysieren, welche Investitionen und laufende Kosten zur Erreichung dieser Ziele notwendig sind. Wenn die dafür nötigen Summen hoch sind, kann das kurz- oder mittelfristig sogar negative Auswirkungen auf das Credit Rating eines Unternehmens haben. Auch das wird Investoren nicht egal sein.

ESG-Risiken werden im Credit Rating sichtbar

Gleichzeitig ist der Druck von Politik und Gesellschaft auf die Wirtschaft enorm. Die Markterwartung ist deshalb, dass Unternehmen, die sich nicht dem Thema Nachhaltigkeit im Hinblick auf ihr Geschäftsmodell auseinandersetzen, es künftig schwerer haben werden, sich zu finanzieren.
Das ist richtig. Sollte ein Unternehmen nichtadressierte ESG-Risiken haben – etwa ein altmodisch aufgestellter Energiekonzern – dann wird sich das auch im klassischen Kreditrating niederschlagen. Zudem werden Banken sich aus der Finanzierung solcher Unternehmen zurückziehen. Kurzum wird dadurch die Finanzierung schwieriger und teurer.

Also geht der Trend vom Greenium hin zu einem möglichen ESG-Penalty?
Das kann ich mir gut vorstellen. Letztendlich dürften sich alle Emittenten zunehmend dem Thema Nachhaltigkeit widmen. Emissionserlöse – egal aus welchem Finanzierungsinstrument – dürften damit verstärkt verwendet werden, um auch das ESG-Profil einer Emittentin zu schärfen. Ob bei einem Bond dann ESG-linked oder nicht draufsteht, dürfte für den Preis aber keine Rolle mehr spielen.

antonia.koegler[at]finance-magazin.de

Info

Sie interessieren sich für nachhaltige Finanzierungen? Dann schauen Sie mal auf der Themenseite Green Finance vorbei.

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Antonia Kögler ist Redakteurin bei FINANCE und DerTreasurer. Sie hat einen Magisterabschluss in Amerikanistik, Publizistik und Politik und absolvierte während ihres Studiums Auslandssemester in Madrid und Washington DC. Sie befasst sich schwerpunktmäßig mit Finanzierungsthemen und verfolgt alle Entwicklungen rund um Green Finance und Nachhaltigkeit in der Finanzabteilung.

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