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„Sorge macht mir die Schattenbankregelung“

Mit Factoring machen spezialisierte Gesellschaften wie GE Capital Forderungen flüssig.
Thinkstock / Getty Images

FINANCE: Herr Secker, als Factoringanbieter sind Sie sehr nah am Puls der Wirtschaft. Welchen Eindruck haben Sie von der Lage momentan?
Secker: Die Stabilität im Januar hat uns positiv überrascht. Ein Einbruch, den viele Ende 2012 befürchtet hatten, ist nicht eingetreten. Dennoch sehen wir Rückgänge: Weniger Optimismus herrscht beispielsweise in der Zulieferindustrie für Automobile und Nutzfahrzeuge. Wir rechnen aber nicht mit einem Einbruch wie zur Jahreswende 2008/2009. Die Hersteller haben dazugelernt und steuern mittlerweile sehr viel feiner. Kurz, sie lassen ihre Lager nicht mehr voll laufen.

FINANCE: Die Entwicklung des Factorings zeigte sich im vergangenen Jahr etwas gedämpfter. Wie haben sich die Geschäfte von GE Capital entwickelt?
Secker: Wir haben im vergangenen Jahr insgesamt 39,3 Milliarden Euro Factoringumsatz erwirtschaftet, also rund 10 Prozent mehr als im Vorjahr. Damit liegen wir über der Branche, die – zumindest gemessen an den Halbjahreszahlen – nur ein Plus von 2,7 Prozent erwirtschaftet hat. Wir müssen die aggregierten Verbandszahlen für 2012 noch abwarten.

FINANCE: Wie erklären Sie sich das schwächere Wachstum? Lag es an der Euro-Krise?
Secker: Das muss man differenziert sehen. Natürlich hat die Euro-Krise Spuren hinterlassen, aber man sollte die Entwicklungen jedes einzelnen Instituts betrachten: Nicht jedes ist noch so aggressiv im Markt wie in den Vorjahren. Man könnte sich die Frage stellen, ob die Zeiten des großen Wachstums von Factoring in Deutschland vorbei sind: Wir haben in den letzten Jahren stark aufgeholt und jetzt einen Anteil von 6 Prozent am Bruttoinlandsprodukt erreicht, der Branchenumsatz lag 2011 bei stolzen 157 Milliarden Euro. Klar, der Anteil am BIP in Großbritannien und Frankreich ist noch höher. Man kann es aber nicht ganz vergleichen, weil die rechtlichen Rahmenbedingungen dort andere sind.

FINANCE: Für die Branche müsste es doch positiv sein, dass sich Banken mit der Kreditvergabe zurückhalten, gerade wenn es bonitätsmäßig etwas schwieriger wird. Liegt darin nicht eine Chance?
Secker: In der Tat gibt es sehr spannende Entwicklungen: Nach den neuesten Statistiken der Bundesbank gehen die mittel- und langfristigen Ausleihungen von Kreditinstituten zurück. Bei vielen Unternehmen herrschen große Zweifel, wie sich die Bankenwelt entwickeln wird, Drei- bis Fünf-Jahres-Linien bekommt man nicht mehr so einfach. Immer mehr Unternehmen denken, sie wollen nicht alles mit der Hausbank machen – dann kommt Factoring als Ergänzung ins Spiel. Im Finanzierungsmix hat es mittlerweile einen festen Platz.

FINANCE: Aber Basel III geht an Factoring nicht spurlos vorbei. Wie bereits gemutmaßt wurde, könnte es sich verteuern. Was meinen Sie dazu?
Secker: Es ist überhaupt nicht klar, wie Basel III die Factoringgesellschaften treffen wird. Derzeit ist noch vieles in der Diskussion. Sorge macht mir allerdings ein anderer Bereich der Regulierung, die derzeit diskutierte Schattenbankenregelung.

FINANCE: Das müssen Sie erklären!
Secker: Die derzeitigen Entwürfe haben Leasing bereits zum Inhalt, das geht aus meiner Sicht in die falsche Richtung. Hier droht unnötiger Kollateralschaden.

FINANCE: Ein weiteres Problem sind Pleiten und Betrugsfälle. Es gab mit der Insolvenz des Getränkerings eine Pleite, von der Factoringinstitute betroffen sein sollen. Auch bei der Drogeriekette Schlecker waren viele involviert. Wie haben Ausfälle die Factoringindustrie getroffen?
Secker: Für uns war Schlecker kein massives Problem, da sind wir zum Glück mit einer Schürfwunde davongekommen. Aus der Branche habe ich auch nichts anderes gehört. Der Fall unterstreicht aber, wie wichtig Kreditmanagement als Funktion in unserem Geschäft ist. Natürlich müssen wir auch gut über Krisenbranchen und Zugeständnisse bei der Vertragsgestaltung nachdenken. Da müssen wir meiner Meinung nach als Branche sehr wachsam sein.

FINANCE: Wir haben den Eindruck, dass Betrugsfälle von der Staatsanwaltschaft nicht immer mit dem nötigen Nachdruck verfolgt werden…
Secker: Die Stellung der Finanzgläubiger im Insolvenzfall ist in Deutschland verbesserungswürdig. Das gilt sowohl  für staatsanwaltliche Ermittlungen als auch für Insolvenzverwalter. Für Letztere scheint es manchmal ein Spiel zu sein, die Verträge von Factoringinstituten anzufechten. Das kann nicht so bleiben.

FINANCE: GE Capital ist in Deutschland neben Factoring auch im Leasing tätig, allerdings längst nicht so erfolgreich. Übt die Mutter GE schon Druck aus?
Secker: Wir haben vom Mutterkonzern nach wie vor einen Wachstumsauftrag, und GE Capital möchte auch in Deutschland wachsen – mit der Betonung auf profitabel. Wir müssen also nicht Marktanteile um jeden Preis gewinnen. Das Leasing kämpft generell mit der Investitionszurückhaltung der deutschen Unternehmen. Die Automobilhersteller sind zurzeit sehr aggressiv im Markt und unterbieten sich mit Leasingangeboten. Viele Leasinggesellschaften, selbst die Branchenführer, überdenken daher ihr Geschäftsmodell. Wir für unseren Teil setzen jetzt auch unter anderem stärker auf das Vendorengeschäft, begleiten also zunehmend Hersteller in der Absatzfinanzierung.

markus.dentz[at]finance-magazin.de

markus.dentz@finance-magazin.de | + posts

Markus Dentz ist Chefredakteur von FINANCE und der Fachzeitschrift DerTreasurer. Seine journalistischen Schwerpunktthemen sind Unternehmensfinanzierung, Restrukturierung und Treasury. Nach dem Studium und dem Volontariat beim F.A.Z.-Institut stieß Dentz zur FRANKFURT BUSINESS MEDIA GmbH, einer Tochter der F.A.Z.-Verlagsgruppe und Herausgeberin von DerTreasurer und FINANCE. Mehrfach wurden seine Artikel aus den Bereichen Private Equity und M&A mit Journalistenpreisen ausgezeichnet.

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