Scope Ratings will gegen die US-Riesen S&P, Moody's und Fitch mit einem europäischen Ratingansatz punkten.

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20.10.15
Finanzierungen

Corporate Ratings: So will Scope punkten

Die US-Ratinghäuser dominieren in Deutschland den Markt. Die Berliner Agentur Scope Ratings will die Branchenriesen jetzt ärgern – mit noch mehr neuem Personal und mit einem speziellen Ratingansatz.

Die Ratingagentur Scope will den großen US-Agenturen Standard & Poor’s (S&P), Moody’s und Fitch Marktanteile im deutschen und europäischen Corporate-Rating-Geschäft abjagen. Bislang war unklar, wie genau sich die Berliner Ratingagentur von der Konkurrenz absetzen will. Jetzt hat sie Details zu ihrer Bewertungsmethodik offengelegt.

Scope: Liquidität kann Rating positiv beeinflussen

Grundlegend anders vorgehen will Scope offenbar bei der Analyse des Finanzrisikoprofils der Unternehmen. Bei der Berliner Ratingagentur kann die Liquidität eines Unternehmens, anders als bei den US-Agenturen, einen positiven Einfluss auf die Bewertung nehmen.

Diese Entscheidung kommt nicht von ungefähr: Scope-Chef Torsten Hinrichs, der selbst 15 Jahre Deutschland-Chef von S&P war, setzt auf einen regionalen Ratingansatz, der europäische Besonderheiten bei der Unternehmensfinanzierung und den Bilanzierungsrichtlinien stärker berücksichtigt, wie er Ende September bei FINANCE-TV erklärte. Daher begründet Scope die positive Anrechnung der Liquidität damit, dass europäische Mittelständler oft mehr Geld horteten als US-Unternehmen. Das sei ein Zeichen für vorsichtiges Management und könne als Puffer gegen unvorhersehbare Krisen angesehen werden.

Zudem wollen die Berliner regionale Eigenschaften der Liquidität stärker einbeziehen. Beispielsweise könne ein Unternehmen zwar einen Liquiditätsengpass haben. Wenn es aber gleichzeitig sehr loyale Hausbanken hat, könnten diese jederzeit kurzfristig einspringen. Ein zu starrer Ansatz könne diesen Aspekt Scope zufolge nicht aufgreifen.

Pensionsvermögen kann anteilig auch als Krisenschutz dienen

Auch bei den Anpassungen („Adjustments“) will Scope flexibler und regionaler sein. Das gilt insbesondere für Pensionsrückstellungen, die in Europa wesentlich gängiger sind als in anderen Erdteilen. Je nachdem, wie hoch das im Unternehmen angelegte Pensionsvermögen relativ zur jährlichen Pensionszahlung ist, und wie transparent Unternehmen das Pensionskapital offenlegen, rechnet Scope nur Teile der nicht über einen Fonds finanzierten Rentenverpflichtungen als Schulden an.

Die Ratingagentur begründet diesen Schritt damit, dass die Ratingnote in der Regel die Ausfallwahrscheinlichkeit für die kommenden zwei bis drei Jahre widerspiegelt. Die Rückzahlungstermine der Rentenverpflichtungen liegen aber zu großen Teilen wesentlich weiter in der Zukunft als etwa bei Anleihen oder Bankkrediten mit ihren festgelegten Fälligkeitsterminen.

Das Vermögen aus den Rentenansprüchen liegt aber nicht brach: Das zurückgelegte Pensionskapital kann bei Scope auch als Kriseninstrument dienen und sich als Puffer erweisen. Denn Mittelständler mit sogenannten Pension Assets kommen Scope zufolge ihren Zahlungsverpflichtungen eher nach. Unternehmen ohne dieses potentielle Vermögen hätten daher eine höhere Ausfallwahrscheinlichkeit.

Die Berliner wollen des weiteren kurzfristige Downgrades, beispielsweise als Folge von volatilen Diskontierungssätzen, vermeiden. Diese Problematik zeigt sich insbesondere anhand der Pensionsverbindlichkeiten, die sich – vorwiegend zinsbedingt – 2014 deutlich ausgeweitet hatten. Durch diese Maßnahme werde das Rating  unabhängiger von kurzfristigen Volatilitäten mit geringer Relevanz für die Kreditwürdigkeit eines Unternehmens.

Auch S&P-Manager Werner Stäblein wandert zu Scope ab

Um den Angriff auf die etablierte Player im Ratingmarkt zu stemmen, stockt Scope auch sein Team weiter auf. Insgesamt beschäftigen die Berliner laut Angaben Hinrichs inzwischen bereits über 80 Mitarbeiter, den Großteil davon in Deutschland, wo Scope beim Headcount bereits an Fitch vorbeigezogen sein dürfte.

Erst Anfang des Monats hat Scope wieder einen Experten von Hinrichs früherem Arbeitgeber abgeworben. Seit Oktober verstärkt Werner Stäblein das Corporate-Rating-Team am Standort Frankfurt. Er war zuletzt zehn Jahre Director Corporates & Industrials bei S&P. Im Juli hatte Olaf Tölke die Leitung des Corporate-Rating-Teams von Scope übernommen. Er war zuvor ebenfalls langjähriger Mitarbeiter bei S&P.

Scope bedient sich aber nicht nur bei der direkten Konkurrenz: Antonio Maritato gehört ebenfalls seit kurzem zu Tölkes Team. Maritato ist von der Deutschen Postbank in Luxemburg zu Scope gewechselt.

jakob.eich[at]finance-magazin.de

Mehr zur aktuellen Lage am deutschen Ratingmarkt finden Sie auf unserer Themenseite zu Mittelstands-Ratings.