Von S&P zu Scope: Torsten Hinrichs will als neuer Chef der Ratingagentur Scope ein Gegengewicht zur Dominanz der US-Agenturen schmieden.

Scope Ratings

01.09.14
Finanzierungen

Scope holt Ex-S&P-Chef Torsten Hinrichs

Ein halbes Jahr nach seinem Ausscheiden bei S&P übernimmt Torsten Hinrichs die Führung der deutlich kleineren Ratingagentur Scope. Er hat ehrgeizige Pläne – und will auch ein Stückweit mit der Vergangenheit von Scope brechen.

Spektakulärer Personalwechsel in der Ratingbranche: Der langjährige Deutschlandchef von S&P, Torsten Hinrichs, wird neuer Chef der deutlich kleineren Ratingagentur Scope. Hinrichs war Anfang des Jahres überraschend nach 15 Jahren als Geschäftsführer bei S&P ausgeschieden. Der Gründer und bislang amtierende CEO von Scope, Florian Schoeller, tritt die Geschäftsführung an Hinrichs ab und übernimmt den Vorsitz des Aufsichtsrats. „Ich möchte unternehmerischer arbeiten und wieder etwas Neues aufbauen“, sagte Hinrichs gegenüber FINANCE zu seiner persönlichen Motivation.

Hinrichs hat ehrgeizige Pläne: Er will Scope zu einer „europäischen Ratingagentur“ und damit zu einem Pendant zu den dominierenden US-Agenturen S&P, Moody’s und Fitch ausbauen. Gegenüber FINANCE erklärte Hinrichs, dass er Scope künftig auch für große Mittelständler (Mid-Caps) und Konzerne (Large-Caps) interessant machen will.

Im Gegenzug steht die Arbeit an Mittelstands-Ratings für Mittelstandsanleihen  nicht mehr im Fokus, wo Scope unter anderem mit einer umstrittenen und später wieder zurückgenommenen Bonitätsbewertung des Kreuzfahrtschiffs MS Deutschland Ansehen verloren hat. Die Mitarbeiter, die damals die Expansion in den Mini-Bondbereich verantwortet hätten, seien nicht mehr an Bord, erklärte Hinrichs. „Jetzt sind neue Leute da, die den Ratingprozess professionalisieren werden.“

Scope-Chef Torsten Hinrichs: „Keine unbeauftragen Ratings mehr“

Anlocken will Hinrichs größere Kunden mit einer stärker vorwärtsgerichteten, transparenteren Ratingmethodik  als jener, die bei den drei großen Wettbewerbern aus den USA im Einsatz sei. „Scope hat kein Gepäck aus der Finanzkrise mit sich herumzuschleppen“, glaubt Hinrichs – und deutet an, dass Scope auch mit deutlich günstigeren Preisen im Markt auftreten wird als S&P & Co. Von unbeauftragten Ratings hingegen, mit denen Scope sich anfangs den Weg in den Mini-Bondmarkt gebahnt hatte, will Hinrichs die Finger lassen.

Dafür rüstet Scope auch unterhalb der Geschäftsführerebene personell auf. Im Mai holte die Agentur von Fitch die Ratingexpertin Britta Holt, die seitdem europaweit das Scope-Geschäft mit kleinen und mittelgroßen Unternehmen leitet. Stefan Bund wurde für den Bereich Asset Based Finance in Berlin verpflichtet, und für Geschäft mit Bankenratings am Standort London verstärkte sich Scope mit Sam Theodore, der die Bankenbranche vor einer großen Konsolidierungswelle sieht. Etwa zur gleichen Zeit verließ mit COO Thomas Morgenstern einer der bis dato wichtigsten Köpfe die Berliner Agentur. Morgenstern stand vor allem für das Vordringen in das Geschäft mit Mittelstands-Ratings.

Aktuell beschäftigt Scope rund 60 Mitarbeiter, die Hälfte davon auf der Analyseseite. Hinrichs will personell nachlegen: „Um unsere Reputation zu stärken, haben wir zahlreiche bekannte Ratingspezialisten eingestellt – und werden dies auch künftig tun.“ Zehn bis zwölf Hochkaräter will er noch für Scope gewinnen. Um das zu finanzieren, führt Scope gerade eine Kapitalerhöhung durch, die Hinrichs zufolge im Oktober abgeschlossen sein soll. „Unser Wachstumsplan ist durchfinanziert“, stellt Hinrichs klar.

Schon im vergangenen Jahr hatte Scope das Kapital erhöht. Auch nach der neuerlichen Kapitalerhöhung werde Unternehmensgründer Schoeller aber die Mehrheit behalten, erklärte Hinrichs gegenüber FINANCE. Zu den weiteren privaten Investoren, die zusätzlich noch an Bord kommen sollen, wollte er sich nicht näher äußern.  

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Mehr zur aktuellen Lage am deutschen Ratingmarkt und der Rolle von Scope finden Sie auf unserer Themenseite zu Mittelstands-Ratings.