Mit der Neuausrichtung des Entry Standards ist der Deutschen Börse der erhoffte große Wurf gelungen, meint FINANCE-Online-Chefredakteur Michael Hedtstück.

Sascha Duis / FINANCE

22.11.16
Finanzierungen

Die Deutsche Börse mistet den Saustall aus

Die Deutsche Börse schießt den Entry Standard ab und eröffnet ab März ein neues Marktsegment für Aktien und Bonds. Das könnte ein großer Wurf werden.

Der Unmut unter CFOs, Investoren, Bankern und anderen Marktteilnehmern drohte langsam überzukochen: Kommentierten die Börsianer die erste Ausfallwelle am Markt für Mittelstandsanleihen noch eher hämisch, ist das vorherrschende Gefühl spätestens seit dem Sommer in echte Wut umgeschlagen. Damals brach der große Bondemittent KTG Agrar unter skandalösen Umständen zusammen, und das Fass lief über. Viele zeigten mit dem Finger nach Eschborn, wo die Deutsche Börse scheinbar tatenlos dabei zusah, wie Teile ihres Handelsplatzes in kriminelle Zustände abdrifteten.

Doch seit gestern Nachmittag wissen wir, dass auch in Eschborn die Köpfe geraucht haben – und dass die Börsenmanager die richtigen Schlüsse gezogen haben: Der skandalgeplagte Entry Standard wird dicht gemacht und durch ein komplett neues Marktsegment ersetzt. Die wegen ihrer vermeintlichen Untätigkeit oft gescholtenen Börsenmanager Eric Leupold und Hauke Stars haben geliefert, und das nicht zu knapp.

Rote Karte für Amateure

Das neue Marktkonzept hat das Potential zu einem großen Wurf, adressiert es doch viele zentrale Schwächen, die den Entry Standard diskreditiert haben: Künftig gibt es im Vorfeld bessere Due Diligences, und die Emittenten werden enger an Kapitalmarktpartner gebunden. Unter diesen will die Deutsche Börse in Zukunft deutlich schärfer selektieren und die Amateure außen vor lassen, was sie auch muss.

Damit hat die Börse zumindest einmal die Voraussetzung dafür geschaffen, dass dubiose Banken und Emissionsbegleiter, amateurhafte Anwaltskanzleien und PR-Einzelkämpfer mit einem zweifelhaften Verhältnis zur Wahrheit künftig dort bleiben, wo sie hingehören – auf der Zuschauertribüne. Letztlich liegt es jetzt in der Hand der Deutschen Börse, nachhaltig für eine gute Markthygiene zu sorgen. Es bleibt ihr zu wünschen, dass sie dabei tatsächlich strenge Maßstäbe ansetzt und an diesen auch dauerhaft festhält. 

Die Research-Pflicht wird nicht jedem CFO schmecken

Ebenfalls erstaunlich ist, mit welcher Konsequenz die Börse auf das weit verbreitete Phänomen reagiert, dass Unternehmen aus Kostengründen auf die Coverage durch Research-Häuser verzichten und ihre Investoren damit auf Blindflug setzen. Anstatt noch länger an die Emittenten zu appellieren, wie wünschenswert die kritische Begleitung durch ein Research-Haus doch wäre, nimmt die Börse das jetzt einfach selbst in die Hand, beauftragt Zwangs-Researches für jeden Emittenten und reicht die Kosten an die Unternehmen weiter.

Das wird nicht jedem CFO schmecken. Aber es ist notwendig – vor allem, weil die zentrale Beauftragung durch den Börsenbetreiber auch den latenten Interessenskonflikt auflöst, der entsteht, wenn ein Research-Haus vor der Entscheidung steht, ein Gefälligkeitsvotum abzugeben oder sich kritisch über einen Kunden zu äußern.

Der einzige Wermutstropfen der Radikalreform

Einziger Wermutstropfen ist, dass die Deutsche Börse sich nicht getraut hat, die Emissionsbegleiter am neuen Entry Standard mit in die Prospekthaftung zu nehmen, wie man das am großen Bondmarkt sieht. Das wäre die schärfste Waffe gewesen, um jene Banken und Corporate-Finance-Häuser auf Abstand zu Gestalten zu halten, die am seriösen Kapitalmarkt nichts zu suchen haben.

Aber fairerweise muss man auch eingestehen, dass dieses Schwert womöglich zu scharf gewesen wäre. Die Emissionsbanken im Freiverkehr sind in der Regel so klein, dass ein Haftungsfall sie in ihrer Existenz gefährden könnte. Das hätte dazu führen können, dass viele Emittenten in Zukunft keinen Partner mehr gefunden hätten, der sie an den Markt begleitet. Für die großen Banken ist das Freiverkehrsgeschäft schlicht und einfach zu kleinvolumig, um wirtschaftlich interessant zu sein.

Also: Freuen wir uns alle auf den Neustart im März. Er ist die erste echte Chance für die Geburt einer „Mittelstandsanleihe 2.0“. Die Profi-Investoren werden sich nicht gleich von Anfang an auf das neue Marktsegment werfen. Aber wenn sie sehen, dass es gut ist, werden sie früher oder später kommen. Der deutsche Mittelstand, aber auch die gesamte Finanzszene haben diese zweite Chance verdient.   
 
michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Michael Hedtstück ist Chefredakteur von FINANCE-Online. Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wider. Eine andere Einschätzung zum neuen KMU-Segment finden Sie hier.

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