Die Deutsche Börse beerdigt den Entry Standard. Die Reformschritte sind radikal.

Deutsche Börse

21.11.16
Finanzierungen

Deutsche Börse beerdigt den Entry Standard

Mit einer Radikalreform beerdigt die Deutsche Börse den in Verruf geratenen Entry Standard. Im Nachfolgesegment werden wesentlich strengere Regeln gelten – nicht nur für Emittenten, sondern auch für Banken und Dienstleister.

Die Deutsche Börse wagt sich an eine Radikalreform des Entry Standards, dessen Ruf als vermeintliches Qualitätssegment des Freiverkehrsmarktes unter zahllosen Pleiten und Betrügereien vor allem bei Mittelstandsanleihen schwer gelitten hat. Vor wenigen Minuten skizzierte Börsenchef Carsten Kengeter die wesentlichen Eckpunkte des neuen Börsensegments, das ab März kommenden Jahres den Entry Standard ersetzen soll.

Zunächst einmal verschärft die Börse ihren Zugriff auf die Emittenten und deren Dienstleister. Zum einen definiert sie klare Kriterien, die ein Unternehmen erfüllen muss, um mit seiner Aktie oder neuen Anleihen überhaupt an den Markt kommen zu dürfen. Drei von diesen folgenden fünf Kriterien müssen erfüllt sein: Ein Mindestumsatz von 10 Millionen Euro, ein positiver Jahresüberschuss, mindestens 20 Mitarbeiter, ein positives bilanzielles Eigenkapital sowie eine Mindestsumme von 5 Millionen Euro an Eigenkapital, die der Emittent im Vorfeld seines Börsengangs oder seiner Bondemission bereits bei externen Investoren eingeworben haben muss. Ganz generell dürften es Unternehmen mit einem Börsenwert von unter 30 Millionen Euro schwer haben, in das neue Segment hinein zu kommen.

Die Börse will Kapitalmarktpartner künftig härter selektieren

Zudem etabliert die Börse einen Kreis von so genannten Kapitalmarktpartnern, der Banken und Anwaltskanzleien, aber auch weitere Dienstleister wie beispielsweise PR- und Investor-Relations-Agenturen umfasst. Jeder Emittent braucht in Zukunft mindestens einen dieser Partner an seiner Seite – während des Listings und zu jedem Zeitpunkt danach. Bei der Auswahl will die Deutsche Börse wesentlich stärker als in der Vergangenheit auf Qualität und Erfahrung der Kapitalmarktpartner achten, wie FINANCE aus dem Umfeld des Unternehmens erfahren hat.

Die Kapitalmarktpartner stehen auch dafür ein, dass sich die Emittenten im Vorfeld jeder Aktien- oder Bondemission einer umfangreichen Due Diligence unterziehen. Im Zentrum stehen die Financial Due Diligence und die Legal Due Diligence. So sollen – hofft die Börse – potentielle Pleitekandidaten und Betrüger künftig schon auffliegen, bevor sie die Gelegenheit haben, vorher noch an der Frankfurter Börse Investorengelder einzusammeln. Vor der Einführung einer direkten Haftung der Emissionsbegleiter für die Richtigkeit der Börsenprospekte, die von vielen Marktteilnehmern gefordert wird, schreckt die Deutsche Börse allerdings zurück.   

Jeder Emittent bekommt zwei Pflicht-Researches

Auch bei den Folgepflichten ziehen Kengeters Leute die Zügel an: Künftig sind alle Mitglieder des neuen Freiverkehrssegments den gängigen Vorgaben zur Ad-hoc-Berichterstattung unterworfen. Außerdem müssen sie halbjährliche Berichte vorlegen, Insiderlisten führen, Geschäfte von Führungskräften melden und mindestens einmal pro Jahr zu einer Analystenkonferenz einladen.

Die Deutsche Börse nimmt es außerdem jetzt selbst in die Hand, ihren Emittenten zu einer größeren Präsenz am Kapitalmarkt zu verhelfen. Dadurch werden die Investoren in Zukunft stärker als bislang in den Genuss von Einschätzungen durch unabhängige Dritte kommen. Dafür kooperiert die Deutsche Börse mit zwei bislang noch nicht öffentlich benannten Analysehäusern, die ab März ausnahmslos jeden Emittenten im Entry-Standard-Nachfolgesegment covern werden.

Ein Research-Haus liefert eine regelmäßige Fundamentalanalyse im klassischen Gewand, das zweite Haus eine vollständig quantitative Benchmarkanalyse auf Basis der aktuellen Bilanz- und Ertragskennzahlen der Emittenten. Beauftragt und bezahlt werden die Research-Leistungen direkt von der Deutschen Börse.

Für die notierten Unternehmen, von denen viele bislang aus Kostengründen auf ein Research verzichten, wird das teuer: Allein durch das Pflicht-Research dürften ihre Listing-Kosten um mindestens 50.000 bis 100.000 Euro pro Jahr in die Höhe schießen. Das Ziel der Deutschen Börse dürfte es sein, Billig-Listings, die derzeit schon für wenige Tausend Euro im Jahr zu haben sind, künftig ausnahmslos auf die kaum regulierten Freiverkehrssegmente zu beschränken. Dort engagieren sich so gut wie keine professionellen Investoren.  

Der Entry Standard verschwindet von der Bildfläche

Den Entry Standard wird die Deutsche Börse abschaffen. Alle Unternehmen, die dort heute mit Aktien oder Anleihen gelistet sind, erhalten das Angebot, in das neue Marktsegment zu wechseln – aber nur, sofern sie die Aufnahmekriterien erfüllen und sich den Folgepflichten inklusive der Research-Coverage unterwerfen. Alle anderen müssen in den Freiverkehr wechseln. Die Deutsche Börse rechnet damit, dass nur 40 der derzeit rund 140 notierten Unternehmen aus dem Entry Standard in das neue Segment wechseln werden, das bislang noch keinen Namen hat.

„Wachstumsfinanzierung gehört zu den Kernaufgaben einer Börse“, begründet Börsenchef Carsten Kengeter den radikalen Ansatz zur Reform des Entry Standards. Klar ist, dass sich die Börse davon mittelfristig auch bessere Geschäfte und mehr Neuemissionen verspricht. „Das Interesse im Markt ist sehr groß“, lässt sich Hauke Stars, die Chefin des Cash-Market-Bereichs der Deutschen Börse, zitieren. Tatsächlich hält die Skandalwelle unter Entry-Standard-Unternehmen aktuell viele CFOs davon ab, sich mit ihren Transaktionen an diesen Markt zu begeben.

Schlimmer noch: Zahlreiche Qualitätsunternehmen haben sich im Zuge von Anschlussfinanzierungen zuletzt aktiv gegen einen weiteren Verbleib im Entry Standard entschieden. Zum Leidwesen der Börse wechseln die meisten nicht in den General oder Prime Standard – die streng regulierten Segmente der Deutschen Börse –, sondern kehren dem offiziellen Kapitalmarkt den Rücken, um sich wieder über Bankkredite oder Schuldscheine zu finanzieren.

Die Börse träumt von einem ganzen Pre-IPO-„Ökosystem“

Eine Schlüsselrolle für die künftige IPO-Aktivität dürfte dem Deutsche Börse Venture Network zukommen. Dort bietet die Börse seit dem Sommer vergangenen Jahres Jungunternehmen eine Plattform, auf der sie sich außerbörslich Investoren präsentieren und für Finanzierungsrunden empfehlen können. „Unser Ziel ist es, ein funktionierendes Ökosystem für Wachstum in Deutschland und Europa zu etablieren, das Unternehmen in allen Wachstumsphasen bis hin zur Notierung an der Börse eng begleitet und damit mehr Börsengänge hervorbringt“, begründet die Deutsche Börse ihre Marktplatzreform. Damit deutet sich an, dass der Dax-Konzern sein Venture Network künftig wesentlich enger mit dem Entry-Standard-Nachfolger verzahnen will, als das aktuell der Fall ist.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

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