Mit Abacus und Primepulse haben gleich zwei Börsenkandidaten den Gang aufs Parkett abgeblasen. Der Scooterhersteller Govecs hält an seinen Plänen fest.

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01.11.18
Finanzierungen

Kein guter Tag für Börsengänge

Schwarzer IPO-Abend: Innerhalb von nur einer Stunde haben gleich zwei Börsenkandidaten ihre IPOs abgesagt. Und auch ein drittes Unternehmen bangt.

Sowohl der dänische Medikamentenhändler Abacus als auch der deutsche Tech-Investor Primepulse haben am gestrigen Mittwochabend ihre Börsenkampagnen abgebrochen. Beide nannten als Begründung für die Absage ihrer Börsengänge das unsichere und volatile Marktumfeld. 

Abacus wollte 50 Prozent am Markt platzieren

Abacus betreibt von den beiden Unternehmen das robustere Geschäftsmodell. Der Re-Import von Medikamenten – eine Form von Preisarbitrage – ist wenig konjunktursensibel. Die Dänen erwarten für das laufende Jahr einen Umsatzanstieg von bis zu 35 Prozent auf 345 Millionen Euro bei einem operativen Gewinn (Ebitda) von rund 10 Millionen Euro.

Im Zuge des Börsengangs wollten die Konsortialbanken Berenberg und Commerzbank sowie die skandinavische Nordea für Abacus einen Emissionserlös von 40 Millionen Euro hereinholen. Rund die Hälfte der Unternehmensanteile hätte nach einem erfolgreichen Börsengang im Streubesitz landen sollen – ein vergleichsweise hoher Anteil für eine Erstnotiz. Abacus-CEO und -Gründer Flemming Wagner will nun warten, „bis das Marktumfeld wieder günstiger ist“.

Primepulse leidet direkt unter Kursabstürzen

Primepulse, eine technologieorientierte Beteiligungsgesellschaft, die von dem Gründer des börsennotierten IT-Dienstleisters Cancom, Klaus Weinmann, geführt wird, hatte den Emissionsprozess Ende September gestartet. Die Ziele waren ehrgeizig: Mit 250 Millionen Euro an frischem Kapital wollte Weinmann die Kriegskasse für neue Investments füllen. Zudem stellten Altaktionäre eine Mehrzuteilungsoption von 37,5 Millionen Euro zur Verfügung. Als Emissionsbanken mandatiert waren die Deutsche Bank, Hauck & Aufhäuser und Mainfirst. 

Primepulse hat nicht erst vergangene Woche Gegenwind verspürt.

Primepulse hat aber offenbar schon vor den schweren Kurseinbrüchen der vergangenen Woche Gegenwind verspürt. Bereits Mitte Oktober schraubten die Süddeutschen ihre Ambitionen deutlich zurück: Dem Unternehmen sollten fortan nur noch 110 bis 135 Millionen Euro zufließen, den Altaktionären darüber hinaus höchstens 20 Millionen. Der Streubesitz hätte nach dem Börsengang 17 bis 20 Prozent erreichen sollen.

Anders als Abacus traf der Kursabschwung Primepulse ganz direkt: Die Holding hält 10 Prozent an Cancom, dieses Paket verlor im Oktober über 10 Prozent an Wert, zeitweise sogar noch deutlich mehr – ein Wertverlust von über 12 Millionen Euro. Bei einer anderen Beteiligung, Stemmer Imaging, steht sogar ein Kursrückgang von fast 20 Prozent zu Buche. Wertverlust für Primepulse: über 20 Millionen Euro.

Govecs hält an Börsenplänen fest

Vor dem Hintergrund der Entscheidungen von Abacus und Primepulse wirkt das Festhalten des E-Scooter-Herstellers Govecs an dessen Börsenplänen zunehmend ambitioniert. Ursprünglich wollte das Unternehmen schon Anfang Oktober an der Börse sein, verlängerte dann aber die Zeichnungsfrist bis zum 8. November. Govecs wollte dies aber nicht auf eine schwache Nachfrage zurückführen, sondern argumentierte, dass in der Zwischenzeit mit weiteren wichtigen Nachrichten zu rechnen sei , die die potentiellen Neuinvestoren mit berücksichtigen sollten. 

Tatsächlich startete das Münchener Jungunternehmen seitdem eine Retail-Plattform, unterzeichnete eine Lizenzvereinbarung mit der Motorradsparte von BMW und sicherte sich Fertigungskapazitäten in Spanien, wodurch CFO Dirk Reiche das Investitionsbudget für den geplanten Ausbau der Govecs-Fabrik in Polen reduzieren konnte.

Das angestrebte Emissionsvolumen senkte Govecs daraufhin von bis zu 90 auf 64 bis 77 Millionen Euro. In wenigen Tagen wird klar sein, ob den Konsortialbanken des Scooter-Produzenten – das Bankhaus Lampe und die Commerzbank – die zusätzliche Zeit und positiven Nachrichten dabei geholfen haben, das Orderbuch in der nötigen Höhe zu füllen.

Fenster für Börsengänge schließt sich

Mit Ausnahme des ebenfalls recht kleinen IPO-Aspiranten Deutsche Familienversicherung bahnen sich weitere Börsengänge sich aktuell nicht an. Die starken Kursschwankungen und nun das vorläufige Scheitern der IPO-Projekte von Primepulse und Abacus liefern darüber hinaus starke Hinweise, dass in den kommenden Wochen auch nicht mehr mit neuen Börsenanläufen in Deutschland zu rechnen sein dürfte.

Das Fenster für Börsengänge schließt sich in aller Regel spätestens im November. Ein Unternehmen müsste sehr mutig sein, die aktuelle Kursstabilisierung an den Börsen zum Anlass für einen kurzfristigen IPO-Anlauf zu nehmen.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de