Ein Dax-200 würde frischen Wind in die deutsche Börsenlandschaft bringen, findet die Kapitalmarktexpertin Silke Schlünsen.

Deutsche Börse

28.10.20
Finanzierungen

„Wir brauchen den Dax-200“

Der Dax steht vor der größten Reform seit Jahrzehnten. Die Kapitalmarktexpertin Silke Schlünsen bringt einen besonders radikalen Einschnitt ins Spiel: das Ende von MDax und SDax. Nutznießer sollen die CFOs mittelgroßer Unternehmen sein.

Frau Schlünsen, Sie haben rund 20 Jahre Erfahrung als Aktienhändlerin und begleiten aktuell für die Investmentbank MainFirst Unternehmen am Kapitalmarkt. Man kann behaupten, Sie kennen die deutsche Börsenlandschaft. Jetzt bringen Sie einen aufsehenerregenden Vorschlag in die aktuelle Diskussion: Sie halten die gegenwärtig diskutierte Dax-Reform, die auf einen Dax-40 hinausläuft, für zu kurz gedacht und werben für einen Dax-200. Warum so eine Radikalreform?
Wir haben seit vielen Jahren schon keine Kontinuität mehr in den Indizes, in jedem einzelnen gibt viel zu viele Wechsel. Alle paar Monate werden Index-Mitglieder ausgetauscht. Das sorgt für unnötige Volatilität, weil die Indexfonds das immer nachbilden müssen. Bei einem Dax-200 würde hingegen immer nur am unteren Ende ausgetauscht werden. Eine viel größere Zahl von Unternehmen hätte langfristige Planungssicherheit, zu welchem Index sie gehören.

Der Blick der New Yorker auf den Dax

Würde nicht auch ein Dax-50 oder ein Dax-100 in dieses Ziel einzahlen?
Ja, das würde es. Ein Dax-200 wäre aber eine viel geradlinigere Lösung, weil wir im Dax, MDax, SDax und Tec-Dax zusammen nahezu genau auf die Zahl von 200 Indexmitgliedern kommen. Neben dem Dax-200 gäbe es in meiner Vorstellung dann nur noch einen Tec-Dax für die technologieorientierten Investoren, allerdings aufgestockt von 30 auf 50 Mitglieder. MDax und SDax könnten abgeschafft werden. Für ausländische Investoren würde der deutsche Aktienmarkt dadurch deutlich attraktiver werden, und das nutzt auch den hier börsennotierten Unternehmen.

Warum das?
Viele passive Investoren – insbesondere aus dem Ausland – haben die Auflage, dass sie ausschließlich in den Dax investieren dürfen. Ein größerer Dax würde also viel mehr Unternehmen für diese Adressen investierbar machen. Selbst für Investoren, die keine festen Dax-Vorgaben haben, würden Investments in deutsche Small- und Mid-Caps interessanter werden. Erzählen Sie Ihren Investoren in New York doch mal, dass Sie groß in ein SDax-Unternehmen investieren wollen! Und das in einem ohnehin schon kleinen Kapitalmarkt wie Deutschland – wie sollen dessen Anleger darauf denn positiv reagieren? „Wir investieren in ein Dax-Unternehmen“ klingt da schon besser, ähnlich wie beim S&P 500 in den USA.

Kurzum: Wenn wir den Dax wesentlich größer machten, würden viele kleinere Unternehmen deutlich mehr Beachtung finden. Der Blick der Investoren würde viel mehr in die Tiefe des deutschen Kapitalmarkts gehen. 

CFOs müssen auch was für den Kapitalmarkt tun

Wir kennen nicht viele CFOs, die scharf darauf sind, auf das Radar aktiv gemanagter US-Fonds zu kommen. Da sind auch eine Menge Hedgefonds und Aktivisten dabei.
Mehr Sichtbarkeit hat natürlich immer zwei Seiten. Auf der Habenseite steht aber ein viel größerer Markt, um zum Beispiel Kapitalerhöhungen platzieren zu können. Dafür müssen CFOs und ihre Gesellschafter aber auch etwas tun.

Was denn?
Für CFOs börsennotierter Unternehmen gehört es auch zum Aufgabenportfolio, für mehr Handelsliquidität in ihrer Aktie zu sorgen. Dazu zählen Ideen, mit denen man Kapitalerhöhungen begründen könnte, zum Beispiel strategisch kluge Übernahmen. Als Mitglied in einem möglichen Dax-200 würde das noch wichtiger werden. Dazu können aber auch die Großaktionäre einen Beitrag leisten, indem sie sich zum Wohle eines größeren Streubesitzes auch mal von einem Teil ihrer Beteiligung trennen, wie es kürzlich zum Beispiel bei Knorr Bremse gemacht wurde. Auch an dieser Stelle könnte die Deutsche Börse mit Anpassungen am Regelwerk Anstöße geben.

Indem die Börse das Kriterium der Handelsliquidität doch wieder stärker gewichtet, was kaum jemand gut findet?
Nein, dieses Kriterium zurückzudrängen, ist schon richtig. Das hohe Gewicht der Liquidität bei Indexentscheidungen führt im Moment dazu, dass volatile Aktien wie Delivery Hero in den Dax aufsteigen, viel stabilere Unternehmen wie Symrise aber nicht. Aber die Börse sollte beim Thema Indexzugehörigkeit ihre Mindestschwelle für den Streubesitz anheben, von derzeit 10 auf mindestens 25 Prozent. Es wäre auch eine Überlegung wert, die maximale Beteiligungshöhe des größten Aktionärs zu begrenzen, zum Beispiel auf 50 Prozent plus eine Aktie. 

„Auch Großaktionäre können ihren Beitrag leisten für mehr Handelsumsatz.“

Phase enorm hoher Volatilität?

Wie würden Sie die Einzelwerte in einem Dax-200 denn gewichten? Nach Marktkapitalisierung oder gleichwertig? Bei ersterem wäre die Aufstockung rein kosmetischer Natur, weil die Performance der kleinen Werte für den Dax völlig unerheblich wäre. Bei der zweiten Variante würde der Dax zum Spielball hoch volatiler Small- und Mid-Caps werden.
Die Dax-200-Idee soll vor allem zum Nachdenken anregen. Die Börse könnte sicherlich einen Mittelweg finden. Alles in allem fände ich es aber nicht negativ, wenn die Dax-Performance stärker von kleineren Werten beeinflusst werden würde. Historisch betrachtet schlagen sich diese Aktien meistens besser als die großen Blue Chips.

Am Tag der Einführung eines Dax-200 wäre aber Zirkus an der Börse! Wenn alle Indexfonds Small-Caps zukaufen müssten und sich die ganzen Blackrocks dieser Welt plötzlich auf Werte stürzen, die einen Streubesitz-Marktwert von weniger als 100 Millionen Euro haben.
Da haben Sie Recht: Eine kurze Phase hoher Volatilität ließe sich wahrscheinlich nicht vermeiden. Aber erstens hätten die Märkte Zeit, sich darauf einzustellen, weil die Entscheidung ja rechtzeitig verkündet werden würde. Und zweitens würde diese Phase auch schnell wieder vorübergehen. Danach hätten wir einen viel breiteren und stabileren Leitindex.


michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Silke Schlünsen ist Head of Corporate Broking bei MainFirst und begleitet Unternehmen am Kapitalmarkt.