Galeria: die Karten werden neu gemischt
Deutschlands letzter großer Warenhauskonzern hat Ende Juli sein Insolvenzverfahren erfolgreich abgeschlossen. Ab dem 1. August firmiert das Unternehmen unter dem neuen Namen Galeria. Trotz der Schließung von neun Filialen im August bleibt das Unternehmen mit 83 Standorten bestehen. Die neuen Eigentümer, die US-Investmentgesellschaft NRDC und eine Beteiligungsfirma von Bernd Beetz, bringen frisches Kapital und zahlreiche Ideen mit, um das Unternehmen auf neue Schienen zu setzen.
Insolvenzverwalter Stefan Denkhaus (BRL) zeigt sich optimistisch und betont, dass die Kosten auf ein angemessenes Niveau reduziert wurden. Galeria startet mit einer verfügbaren Liquidität im neunstelligen Bereich und einer soliden wirtschaftlichen Ausgangslage in die Zukunft.
Ein weiterer Schritt der Neuausrichtung ist zudem der Verkauf von 70 Reisebüros an den ADAC, mit der sich Galeria auf seine Kernkompetenz als Warenhaus konzentrieren will. Geplant sind Filialmodernisierungen, um eine attraktive Einkaufsatmosphäre zu schaffen.
Coronahilfen: Das Fristende für Rückzahlungen naht
Die Frist für die Abgabe der Corona-Schlussabrechnungen läuft zum 30. September 2024 aus. Alle Unternehmen, die während der Corona-Pandemie Hilfe von der Regierung erhalten haben, müssen diese einreichen. Derzeit fehlen nach aktuellen Zahlen des Bundeswirtschaftsministeriums noch rund 300.000 Corona-Schlussabrechnungen.
Unternehmen, die diese nicht einreichen, aber Zahlungen erhalten haben, müssen die erhaltene Hilfe in vollem Umfang zurückzahlen, erklärt Insolvenzverwalterin Elske Fehl-Weileder der Kanzlei Schultze & Braun. Zu beachten sei, dass der Nachweis eines coronabedingten Umsatzrückgangs zwingend notwendig ist. Zudem ist wichtig: Bei Unternehmensverbünden darf nur ein Unternehmen die Schlussabrechnung einreichen. Und: Diese muss zwingend von einem prüfenden Dritten abgegeben werden, also einem Steuerberater oder Wirtschaftsprüfer. Die Insolvenzverwalterin von Schultze & Braun geht davon aus, dass im Zuge der ablaufenden Frist ein Anstieg von Insolvenzen beobachtet werden kann.
Der Finanzdienstleister FWU ist insolvent
Mitte Juli musste der Lebensversicherer FWU einen Insolvenzantrag wegen Überschuldung stellen. Zusammen mit dem Big-Four-Haus Deloitte hatte das Unternehmen noch versucht, ein Sanierungskonzept auszuarbeiten. Bereits Anfang Juli hatte die Versicherungstochter FWU Life Lux das Neugeschäft eingestellt, die österreichische FWU Life Austria beschloss daraufhin, ihr Neugeschäft vorerst bis September auszusetzen. Der Geschäftsbetrieb des Finanzdienstleisters läuft vorerst weiter, wie das Unternehmen mitteilte.
Es folgte ein Paukenschlag: Kurz nachdem das Mutterhaus einen Insolvenzantrag gestellt hatte, folgte nur vier Tage später die Luxemburger Einheit. Die Österreicher gelten bislang weiterhin als gesund.
Derzeit prüft der vorläufige Insolvenzverwalter Ivo-Meinert Willrodt (Pluta) alle Optionen und nutzt eigenen Angaben zufolge das Verfahren, um den Geschäftsbetrieb im Interesse der Kunden und Mitarbeiter zu stabilisieren. Die FWU Gruppe bietet Lebensversicherungen, Vermögensverwaltung, Factoring und Zahlungsdienstabwicklung an.
Oceansapart sucht kurz nach Insolvenzantrag einen Käufer
Die insolvente Modemarke Rise Up Fashion, bekannt unter dem Markennamen Oceansapart, steht vor einem Distressed M&A-Deal. Mit Zustimmung des vorläufigen Insolvenzverwalters Florian Linkert (BBL) wurde ein Team um Ludwig Stern (Pluta) beauftragt, potenzielle Investoren anzusprechen. Insolvenzverwalter Linkert bestätigt bereits zahlreiche Kaufinteressenten.
Die bislang in Private Equity Hand liegende etablierte Marke Oceansapart vertreibt in Deutschland, Frankreich, Italien und Polen über eigene Webshops feminine Activewear. Rise Up Fashion wurde 2017 in Berlin gegründet und erzielte im vorigen Geschäftsjahr einen Umsatz von knapp 65 Millionen Euro. Derzeit läuft der Geschäftsbetrieb uneingeschränkt weiter.
Weitere Insolvenz- und Sanierungsverfahren
Extreme Preissteigerungen, eine negative Marktentwicklung und der Wegfall eines Großauftrags haben den Automotive-Spezialisten Recaro Automotive dazu veranlasst, Ende Juli einen Insolvenzantrag zu stellen. Vorläufiger Sachwalter ist Holger Blümle (Schultze & Braun). Baker Tilly unterstützt rechtlich. Derzeit läuft die Produktion weiter, um bestehende und neue Aufträge weiterhin erfüllen zu können.
Das Ostwestfalener Maschinenbauunternehmen Kolbus saniert sich in einem Eigenverwaltungsverfahren. Als vorläufiger Sachwalter ist Stefan Meyer (Pluta) bestellt worden. Mithilfe eines großen Teams der Kanzlei Aderhold soll eine tragfähige Grundlage für die Zukunft geschaffen werden, so der Generalbevollmächtigte Maximilian Michelsen (Aderhold).
Das Bonner Traditionsunternehmen Kessler & Comp. hat Mitte Juli Insolvenz angemeldet. Seit 1905 stellt Kessko Süßwarenprodukte wie Kuvertüre, Marzipanrohmasse und Eispasten her. Die Geschäftsführung bleibt bestehen und wird unter anderem durch den Sanierungsexperten Jens Lieser (Lieser) unterstützt. Hauptgrund für die finanziellen Schwierigkeiten sind die gestiegenen Preise für Rohstoffe wie Zucker und Kakao, welcher bereits die Marken Arko Kaffee, Hussel und Eilles in die erneute Insolvenz getrieben hat.
Der vorläufige Insolvenzverwalter des Gerüstbau- und Baumanagement-Anbieters BPG, Lucas Flöther (Flöther & Wissing), hat die Investorensuche für die Gruppe gestartet. Trotz Baukrise sei die Auftragslage der BPG-Gruppe, zu deren Gerüstbauprojekten etwa das Pergamon-Museum Berlin oder das Schloss Neuschwanstein zählen, dem Unternehmen zufolge stabil. Die Gruppe betreibt deutschlandweit zehn Standorte und ist im Spezialgerüstbau, in der Baulogistik und der Containervermietung aktiv. Die Gruppe besteht aus acht aktiven Gesellschaften und erwirtschaftete im Geschäftsjahr 2023 einen Jahresumsatz von rund 62 Millionen Euro.
Distressed M&A
Die insolvente Auto-Kabel-Gruppe geht mithilfe des Insolvenzverwalters Martin Mucha (Gleiss Lutz) in neue Hände: Die Voltaira Gruppe übernimmt das baden-württembergische Unternehmen vollständig und will damit eigenen Angaben zufolge seine Kernkompetenzen im Bereich der Elektrifizierung ausbauen. Auto-Kabel gilt als Technologieführer auf dem Gebiet der Elektromobilität und im Bereich der Energieverteilung und des Energiemanagements in Kraftfahrzeugen.
Das Laurenz Carrée in Köln kann gebaut werden. Der Insolvenzverwalter des insolventen Projektentwicklers Gerch hat den wohnwirtschaftlichen Teil des südlichen Baufelds des Laurenz Carré in Köln an die Flag Gruppe verkauft. Über den Kaufpreis vereinbarten beide Parteien Stillschweigen. Gerch hatte für die Projektgesellschaften des Kölner Laurenz Carré im November vergangenen Jahres einen Insolvenzantrag gestellt. Anfang Juni konnte bereits der nördliche Teil des Laurenz Carré an Hansemerkur Grundvermögen verkauft werden.
Auch das insolvente Solarunternehmen Amia Energy hat einen neuen Eigentümer gefunden. Ein Investor wird das Unternehmen zum Juli übernommen und wird es als Amia Energy Solutions weiterführen. Amia hatte erst im April den Betrieb der insolventen Eigensonne übernommen und musste schließlich im Mai selbst Insolvenz anmelden. Unmittelbar nach der Übernahme seien Liquiditätsschwierigkeiten entstanden, da ein Finanzierungspartner nicht fristgemäß seinen Verpflichtungen nachgekommen sei. Als Insolvenzverwalter war Sebastian Laboga (Pluta) bestellt.
Immer mehr Unternehmen in Europa sind in Notlage
Rund 9,4 Prozent aller Unternehmen in Deutschland befinden sich aktuell in einer finanziellen Notlage. Das zeigt ein Report von Alvarez & Marsal zu Unternehmen in Notlage und ist der höchste Stand seit Beginn der Corona-Pandemie. Lediglich im Vereinigten Königreich (9,9 Prozent) und den Benelux-Staaten (10,2 Prozent) ist dieser Wert noch höher.
Dem Report zufolge kämpfen zurzeit 15,7 Prozent der Unternehmen mit einer mangelnden finanziellen Performance, bei rund 28 Prozent sei die bilanzielle Belastbarkeit kritisch.
Gründe dafür sieht Alvarez & Marsal neben dem Arbeitskräftemangel und der Energiewende bei höheren Zinsen und gesunkener Nachfrage der Kunden. Die Beratung erwartet, dass aufgrund der hohen Inflation und dem langsamen Tempo bei Zinssenkungen, die Lage bis ins Jahr 2025 hinein angespannt bleiben wird.
Hintergrund: Die Studie umfasst mehr als 8.200 börsennotierte und private Unternehmen mit einem Jahresumsatz von jeweils mehr als 20 Millionen Euro in 33 Ländern Europas und des Nahen Ostens. Diese Unternehmen haben durchgängig Daten für alle Jahre von 2019 bis 2023 zur Verfügung gestellt.
Objektbasierte Finanzierungsanfragen drastisch gestiegen
Der Bedarf nach alternativen Finanzierungen steigt an. Grund dafür sei die aktuell angespannte Wirtschaftslage, so der Finanzierer Maturus Finance. Vermehrte Anfragen alternativer Finanzierungen gehen auf striktere Risikomanagement-Vorgaben der Banken bei der Kreditvergabe zurück. Im Zuge dessen verzeichnet Maturus Finance eine Verdoppelung der Anfragen für objektbasierte Finanzierungsmodelle wie Sale & Lease Back und Asset Based Credit im ersten Halbjahr 2024.
Besonders betroffen seien dabei Branchen wie die Holzverarbeitung, Automotive und Maschinenbau, da diese stark unter Umsatzrückgängen und hohen Kosten leiden. Der Finanzierer geht davon aus, dass die Nachfrage nach alternativen Finanzierungen in nächster Zeit weiterhin hoch bleiben wird. Er erwartet weder eine Entspannung der Inflation noch einen Konsumanstieg.
Die neuesten Restrukturierer-Personalien

Die Prüfungs- und Beratungsgesellschaft DHPG verstärkt ihre Insolvenz- und Restrukturierungspraxis mit zwei Partnerzugängen: Anfang Juli ist Claudia Ditz am Bonner Standort dazugestoßen. Sie bringt umfangreiche Erfahrung aus renommierten Kanzleien wie Taylor Wessing, Görg und Lehmkühler mit und wird sich auf Insolvenz- und Prozessrecht konzentrieren.
Darüber ist auch Alexander Römer in Köln gestartet. Er wechselte nach 14 Jahren bei Görg zu DHPG und bringt viel Erfahrung als Insolvenzverwalter, Gutachter und Sanierungsberater mit.
Die von Christian Senger geleitete Praxis setzt damit eigenen Angaben zufolge die strategische Ausrichtung der Kanzlei fort, sich neben der klassischen insolvenzrechtlichen Beratung verstärkt auch in Fragen der Restrukturierung und nachhaltigen Sanierung von Unternehmen zu positionieren.
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