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„Jan Marsalek war eine arme Sau“

Ex-Wirecard-Chef Markus Braun kämpft mit seinen Gläubigern und früheren Geldgebern. Einer davon ist Ex-Aufsichtsratschef Klaus Rehnig.
picture alliance/dpa/Reuters Images Europe Pool/Fabrizio Bensch

Herr Rehnig, was denken Sie heute über Wirecard und den Finanzskandal?
Es ist ein Trauerspiel, dass die gierigen und übermütigen Vorstände Markus Braun und Jan Marsalek so abgehoben sind. Dabei hatten sie doch schon genug, zumindest Braun.

Wie viel genau?
Als Markus Braun 2002 Wirecard-CEO wurde, hat er von den Altgesellschaftern eine 3-Jahres-Option für Wirecard-Aktien quasi zum Nominal erworben. Daraus hat er später ein großes Aktienpaket gemacht. Wenn ich mit rund 7 Prozent Anteil schon so vermögend bin, fange ich doch nicht noch an zu betrügen.

Bevor Sie in Start-ups investierten, waren Sie unter anderem Verlagsmanager bei Springer. Warum haben Sie die Berichterstattung der „Financial Times“ zu den Ungereimtheiten bei Wirecard damals nicht ernst genommen?
Die FT-Berichte erschienen weit nach meinem Ausscheiden im Juni 2008. Als Investor dachte ich, dass das ja nicht das erste Mal ist, dass es im Zusammenhang mit Wirecard Vorwürfe der Bilanzfälschung und Marktmanipulation gibt.

Klaus Rehnig kritisiert EY

In einem Interview mit angehenden Wirtschaftsjournalisten hatten Sie 2018 gesagt: „Nach 30 Jahren in internationalen Konzernen weiß ich, wie eine Bilanz auszusehen hat.“ Wie konnten Sie dennoch auf das Blendwerk hereinfallen?
Wissen Sie, als Investor war ich in guter Gesellschaft: Die japanische Softbank hat 2019 knapp 1 Milliarde Euro investiert, ein Bankenkonsortium aus 20 Banken hat über 1,5 Milliarden Euro Darlehen gegeben, und die Deutsche Bank hat Markus Braun eine Privatkreditlinie über 150 Millionen Euro gewährt. Da kommt man einfach nicht auf den Gedanken, dass man dermaßen betrogen wird. Ich kann mir auch nicht erklären, wie EY ihre Bilanzprüfung so fahrlässig behandeln konnte.

Aber es gab ja durchaus Warnhinweise. Das Einzige, womit Wirecard Geld verdiente, war das Drittpartner („TPA“)-Geschäft – und das basierte zum Großteil auf Kreislaufbuchungen, Scheinfirmen und Strohmännern. Wie kann man so etwas übersehen?
Zunächst einmal ist es absolut dummes Zeug, dass Wirecard nie Geld verdient hat, wie viele behaupten. Während meiner Zeit als Aufsichtsrat von 1998 bis 2008 haben wir alle Akquisitionen und technischen Entwicklungen aus der eigenen Kasse bezahlt. Wirecard muss also Geld verdient haben. Erst ab 2012 hat sich Wirecard für Akquisitionen verschuldet. Ich habe mich da schon gefragt, wie man die drei, vier Firmen, die Wirecard im Jahr gekauft hat, so schnell integrieren kann.

„Es ist absolut dummes Zeug, dass Wirecard nie Geld verdient hat.“

„Das müssen Sie den CFO fragen“

Zurück TPA-Geschäft: Dafür gab es keine Verträge, Firmenstrukturen und Vertriebsaktivitäten. Trotzdem hat niemand Jan Marsalek, der dort seine Hand drauf hatte, gestoppt.
Das mag auch daran liegen, dass das TPA-Geschäft lange keine wesentliche Rolle gespielt hat. Ab 2015 hat es sich zwar von Jahr zu Jahr verdoppelt. Aber eine größere Bedeutung erreichte es erst ab 2019.

Warum hat dann 2019 niemand genauer hingesehen?
Da müssen Sie die Wirtschaftsprüfer von Wirecard oder den CFO fragen.

Wie konnte den Tätern dieser gewaltige Raub gelingen?
Ich denke, die Verantwortlichen haben irgendwann ein Umleitungsschild aufgestellt, über das sie zwischen dem Einkauf und dem Verkauf an Wirecard Geld abgezweigt haben. Das haben sie erst im Kleinen gemacht. Als sie sahen, dass sie damit bei den Wirtschaftsprüfern durchkommen, haben sie weiter gemacht und eine Betrugsmasche im großen Stil aufgebaut.

Wie schätzen Sie persönlich Markus Braun und Jan Marsalek ein?
Beide waren absolute Börsenfreaks, die den Wert ihrer eigenen Börsenpakete pushen wollten.

Aber Jan Marsalek, der als Drahtzieher gilt, hatte kaum Wirecard-Aktien…
Im Vergleich zu Markus Braun war Jan Marsalek in den ersten Jahren als Vorstand eine arme Sau, das stimmt. Das lag vielleicht daran, dass er keinen Schulabschluss und kein Studium hatte und deshalb anfangs nicht so hoch pokern konnte.

Warum Jan Marsalek aufsteigen konnte

Wie konnte jemand wie er überhaupt so weit nach oben kommen?
Wirecard hatte eine Start-up Mentalität, darauf waren wir sehr stolz. Hinzu kommt: Jan Marsalek war ein geniales Brain. Wenn man in einer Sitzung ein Problem besprochen hat, kam er eine Viertelstunde später mit der Lösung an. Er konnte abstrakt-strategisch denken, hatte aber auch Umsetzungskompetenz. Viele Strategen haben tolle Ideen, können sie dann aber nicht umsetzen – Marsalek hatte beides drauf. Aber er war halt auch ein Spitzbube.

Welche Rolle spielte Markus Braun bei dem Duo infernale?
Als Braun Wirecard-CEO wurde, hatte er gerade einmal zweieinhalb Jahre Berufserfahrung. Aber er war strategisch gut aufgestellt, sehr ehrgeizig und wollte in einer Zeit nach vorne marschieren, als der Umbruch hin zum Digital Payment im Ausland schon absehbar war. Wir haben damals Leute wie ihn gesucht. Während die deutschen Banken damals nichts in dieser Richtung investierten, haben wir jeden Cent in die Entwicklung gesteckt. Ohne Wirecard könnte man heute nicht einfach seine Kreditkarte an ein Kassenterminal halten und mit Handy bezahlen.

„Marsalek hatte einiges drauf. Aber er war auch ein Spitzbube.“

Gab es da nicht noch andere Firmen?
In den USA und Großbritannien schon, aber in Europa war Wirecard technologisch führend. Selbst die Deutsche Telekom hat gefragt, wie wir das machen.

Klaus Rehnig über seine Verluste

Haben Braun und Marsalek Sie getäuscht, oder haben Sie sich in den beiden getäuscht?
Braun ist 25 Jahre jünger als ich, Marsalek sogar mehr als 30 Jahre. Das waren zwei IT-Hirne, die nichts anderes wollten als tüfteln und Geld verdienen. Die hatten einen guten Eindruck gemacht, zwei charmante Wiener Jungs. Sie haben rund um die Uhr gearbeitet. Mit Wirecard waren sie im Entwickler-Schlaraffenland und saßen vor vollen Töpfen.

Klingt, als hätten Sie Verständnis.
Nein, keinesfalls. Ich bin tief enttäuscht. Wer als Vorstand nur einen Hauch von Anstand hat, würde nie eine Bilanz fälschen.

Wie viele Wirecard-Aktien haben Sie vor der Insolvenz gehalten? Wie viel Geld haben Sie und Ihre Familie nach 2008 in Wirecard-Aktien investiert?
Dazu möchte ich keine Angaben machen.

Unseren Recherchen zufolge haben Sie und Ihre Familie fast 3 Millionen Euro verloren.
Es ist richtig, dass ich in den vergangenen Jahren einen Verlust im einstelligen Millionenbereich erlitten habe. Ich gehöre zu den 40.000 geschädigten Wirecard-Aktionären.

Sie haben auch Ihren Kindern Wirecard-Aktien geschenkt und ihnen sogar geraten, auch selbst einzusteigen. Haben Ihnen Ihre Töchter Vorwürfe gemacht, als Wirecard zusammenbrach?
Nein. Denen war immer klar, dass die übertragenen Wirecard-Aktien eine Vorab-Auszahlung des Erbes waren. Wenn man Pech hat, ist das Erbe später eben weniger wert. Aber zum Glück müssen meine Kinder ihr Erbe nicht allein auf Wirecard-Aktien aufbauen.

Arrestbefehle gegen Markus Braun

Was haben Sie getan, als Wirecard vor gut einem Jahr Insolvenz angemeldet hat?
Ich habe sofort damit begonnen, Markus Braun über das Landgericht München zu verfolgen. Als alter Bekannter hatte ich ein paar Informationen mehr als normale Aktionäre und wusste, wo ein Teil seines Vermögens liegt.

Nämlich wo?
Ich habe gegen seine Immobilien in Wien, Kitzbühel und an der französischen Riviera Arrestbefehle und Arrestpfändungsbeschlüsse erwirkt.

Gehen Sie davon aus, dass Sie einen Teil Ihres Investments zurückbekommen?
Würde ich nicht davon ausgehen, würde ich das ganze Gezeter sicher nicht mitmachen, da hat man ja auch riesige Kosten an der Backe. In dieser Hoffnungslosigkeit versuche ich drei Wege parallel zu gehen: Ich habe Privatklage gegen Braun erhoben, beteilige mich an der Sammelklage gegen EY und habe meine Forderungen beim Insolvenzverwalter angemeldet.

„Ich kannte Braun und wusste, wo ein Teil seines Vermögens liegt.“

Was haben Sie für sich persönlich aus dem Wirecard-Desaster gelernt?
Wenn man, wie ich, schon in viele Start-ups investiert hat, muss einem klar sein, dass man nicht immer Fortune hat. Von zehn Investments sind maximal drei erfolgreich. Deshalb sollte man nie seinen letzten Pfennig in einen Topf investieren.

Werden Sie auch weiter in Fintechs investieren?
Mittlerweile hat sich die Branche konsolidiert. Durch immer höhere Technologieanforderungen ist der Druck gewachsen, aber ich finde sie immer noch hochinteressant. In die Deutsche Bank würde ich nicht investieren, die haben ja alle digitalen Trends der vergangenen Jahre verpennt. Das ist mir zu langweilig.

redaktion[at]finance-magazin.de

Info

Dies ist ein Teil unserer laufenden Enthüllungsserie. Alle Artikel finden Sie auf unserer Spezialseite zu den „Wirecard Files“. Mehr News und Hintergründe zum Wirecard-Skandal gibt es auf der FINANCE-Themenseite zu Wirecard, alle aktuellen Entwicklungen in unserem Wirecard-Ticker.

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