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Wirecard-Skandal: Die Männer hinter den Scheinfirmen

Dubai, Sitz des dubiosen Wirecard-Partners Al Alam: Wer waren die Hintermänner des globalen Betrugsnetzwerks?
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Gäbe es so etwas wie ein Handbuch für Bilanzfälscher, wäre dort dies hier einer der wichtigsten Tipps: Gründe so viele Tochter-, Unter- und Scheinfirmen wie nur möglich und verschachtele sie so ineinander, dass nur noch Du überblicken kannst, wie das Geld zwischen ihnen fließt.

Diese goldene Regel lässt sich bei fast allen größeren Finanzskandalen beobachten: Der amerikanische Milliarden-Betrüger Bernard Madoff hatte mehr als 80 solcher Firmen gegründet, und die in den „Panama Papers“ aufgedeckte, betreute Steuerhinterziehung durch die panamaische Kanzlei Mossack Fonseca wäre ohne ihre unzähligen Briefkastenfirmen nicht möglich gewesen.

Auch im Wirecard-Skandal spielen Scheinfirmen und Strohmänner eine entscheidende Rolle. Das Labyrinth aus Partnern und Partner-Dubletten, aus Treuhändern und Pseudo-Treuhändern, aus vielfältigsten Vertrags- und Cashflow-Verstrickungen mit dem Mutterkonzern war derart undurchsichtig, dass es den Hintermännern des Betrugs gelang, Milliarden von Euro unbemerkt abzuzweigen.

Bis heute gibt es keine einzige Spur zu dem Geld. Das könnte daran liegen, wie das Netz an Scheinfirmen aufgebaut wurde: Die Betrüger waren dreist genug, den mit Abstand größten Umsatz- und Gewinnbringer des Wirecard-Konzerns, das Drittpartnergeschäft („Third Party Acquiring: TPA“), nahezu komplett zu erfinden. Aus zahlreichen Dokumenten, die FINANCE vorliegen, lassen sich zentrale Teile dieses betrügerischen Netzwerks rekonstruieren – und auch die Namen der Hintermänner.  

TPA und Treuhänder: Die perfekte Struktur

Kern des Drittpartnergeschäfts von Wirecard waren drei Firmen: Al Alam mit Sitz in Dubai, Senjo aus Singapur und Payeasy mit Sitz in der philippinischen Hauptstadt Manila. Die offizielle Tarnung dieser Firmen: Sie sollten in Ländern, in denen Wirecard über keine eigene Lizenz verfügte, als Brücke zwischen den Endkunden und Wirecard als Zahlungsabwickler fungieren, quasi als Mittelsmänner. Dies betraf weite Teile der Welt, insbesondere Asien und den Mittleren Osten. Geleitet und verantwortet wurde das TPA-Geschäft von der ehemaligen Nummer 2 von Wirecard, Jan Marsalek.

Al Alam arbeitete mit den Wirecard-Töchtern Cardsystems und Wirecard UK & Ireland (Wuki) zusammen, Senjo mit Cardsystems, und Easypay mit Wirecard Technologies (WDT). Ein derart schwer zu entwirrendes Netzwerk ist per se nicht schlecht geeignet, um Scheingeschäfte zu tätigen beziehungsweise zu bilanzieren. Zudem besteht das Payment-Geschäft, in dem Wirecard tätig war, auch noch aus Abermillionen von Einzeltransaktionen.

Doch für den perfekten Milliardenraub mussten die Hintermänner noch eine weitere Ebene von Scheinfirmen einziehen – die Treuhänder. Diese überwachten Konten, auf die offiziell die Erlöse aus dem TPA-Geschäft flossen. Diese Konten sollten dann als Sicherheit für weitere Transaktionen und neu angeschlossene Händler dienen, denn je größer das TPA-Geschäft wurde, desto größer auch der Bedarf an Sicherheiten, so die offizielle Logik dahinter. Und tatsächlich: Die Investoren glaubten jahrelang, Wirecard habe einen hocheffizienten Geldkreislauf kreiert, um das TPA-Geschäft störungsfrei wachsen zu lassen.  

Von den drei großen TPA-Partnern war Al Alam mit vorgeblichen Zahlungseingängen auf Treuhandkonten in Höhe von 915,5 Millionen Euro das Schwergewicht. Senjo kam zum Schluss offiziell auf 571,7 Millionen Euro und Payeasy auf 400,5 Millionen Euro. Zusammen sind das die 1,9 Milliarden Euro Treuhandgelder, deren fehlender Nachweis im Juni vergangenen Jahres EY dazu brachte, Wirecard das Bilanztestat zu verweigern. Dubios ist, dass auch zwischen diesen drei Unternehmen, die regional und geschäftlich eigentlich nichts miteinander zu tun gehabt haben dürften, in erheblichem Ausmaß Gelder hin und her flossen. Zu welchem Zweck, ist nach wie vor ungeklärt.

Wirecard-Partner Al Alam gab es zweimal

Was sowohl die TPA-Partner als auch die Treuhänder verbindet, sind Geschäftsleute, die in vielen Fällen zuvor nie etwas mit Finanzdienstleistungen zu tun hatten und/oder schlichtweg dubios waren. Am verworrensten ist der Background von Al Alam. Schon bei der Frage, wer die Firma gegründet hat, ist Vorsicht geboten, denn es gibt zwei Firmen mit fast demselben Namen.

Al Alam Solution Provider, der offizieller Partner von Wirecard, wurde von Mohannad Faiz Abid 2012 gegründet und hatte seinen Sitz in Dubai. Daneben gab es auch noch die Al Alam Solution, ein Double. Dessen Firmensitz befindet sich auf den Britischen Jungferninseln und wurde von Oliver B. gegründet, der nach Angaben des „Manager Magazins“ im Auftrag von Jan Marsalek gehandelt haben soll. B. hat nach dem Kollaps ausgepackt und ist nun der Kronzeuge der Münchener Staatsanwaltschaft. Die Namensähnlichkeit zwischen beiden Vehikeln war hilfreich, um Gelder unter dem Kurznamen Al Alam hin- und herzuschieben und Umsätze vorzutäuschen, die gar nicht existierten. 

Oliver B. ist neben Jan Marsalek die gewiefteste und kaltschnäuzigste Figur im Wirecard-Komplex. Gerüchten zufolge hat er sogar Schauspieler engagiert, um EY zu täuschen.

Wie gut das Blendwerk funktionierte, zeigte sich in den Zahlen. Allein im Geschäftsjahr 2018 steuerte Al Alam fast ein Drittel des Wirecard-Umsatzes bei, der Anteil am Gewinn lag mit 237 Millionen Euro bei rund 60 Prozent. Das sind beachtliche Zahlen für eine Firma, die auf den Britischen Jungferninseln nur einen Briefkasten besaß und deren Dublette in Dubai offiziell ganze vier Mitarbeiter beschäftigte.

Al Alam trat zwar als Wirecard-Partner auf, aber in die Bilanz kamen die Zahlen der Wirecard-Tochter Cardsystems Middle East, deren Chef ebenfalls Oliver B. war. Das Eigengewächs von Wirecard leitete zuvor unter anderem die Wirecard-Tochter Acquiring & Issuing und ab 2020 die Firma WD Processing. Oliver B. ist neben Jan Marsalek die gewiefteste und kaltschnäuzigste Figur im Wirecard-Komplex. Gerüchten zufolge soll er es auch gewesen sein, der bei einer Besichtigung von Geschäftsräumen der Al Alam Solution Provider durch den Bilanzprüfer EY Schauspieler engagiert hatte. 

James O’Sullivan: Dritt- und M&A-Dealpartner?

Rund 6.000 Kilometer südöstlich von Dubai saß ein weiterer TPA-Partner. Über die Firma Senjo mit Sitz in Singapur ist bekannt, dass sie zwei wirtschaftlich Berechtigte hatte, einen singapurischen Immobilieninvestor und einen 81-jährigen Pferdezüchter, der früher unternehmerisch in Kanada aktiv war. Im Zusammenhang mit Senjo taucht aber auch immer wieder der Name James Henry O’Sullivan auf. Der britische IT-Experte soll Senjo gegründet haben. Er war ein enger Freund von Jan Marsalek, gemeinsam feierten die beiden dekadente und exzessive Parties.

O’Sullivan trat erstmals 2015 im Zusammenhang mit der Übernahme mehrerer Gesellschaften in Indien durch Wirecard in Erscheinung. So wird er mit dem ominösen Mauritius-Fonds EMIF 1A in Verbindung gebracht, der damals sein nur wenige Wochen zuvor erworbenes Portfoliounternehmen Hermes i Tickets für ein Vielfaches an Wirecard weiterreichte – der vielleicht dubioseste Deal im gesamten Wirecard-Skandal (mehr dazu in einer späteren Folge der „Wirecard Files“). 

Ein Busunternehmer will 15 Prozent des Wirecard-Umsatzes geliefert haben. 

Darüber hinaus hat eine interne Untersuchung der Wirecard-Revision folgende Verbindungen von James Henry O’Sullivan identifiziert: Er war Geschäftsführer von Bijlipay Asia, einer Firma, die Geld von Wirecard ohne erkennbare adäquate Gegenleistungen erhielt. „Secretary“ von Senjo war Shanmugaratnam Rajaratnam, der gleichzeitig auch Geschäftsführer des Treuhänders Citadelle war. Citadelle verwaltete Wirecards Treuhandkonten, bevor diese von Singapur nach Manila wanderten, wo der Schwindel dann aufflog. Citadelle war in Singapur unter der gleichen Adresse registriert wie die Modefirma von O’Sullivans Frau.

Payeasy: Ein Busunternehmer als TPA-Partner

Von Singapur aus einmal quer über das Südchinesische Meer befindet sich Manila. Dort saß der dritte TPA-Partner im Bunde. Payeasy wurde von Christopher B. und dessen Ehefrau gegründet, die bis zuletzt auch die Mehrheit an der Gesellschaft hielten. Die restlichen Anteile sollen von zwei Schwägerinnen und einem Schwager von B. gehalten werden, heißt es in dem internen Bericht von Wirecard.

Payeasy war ebenfalls eine wichtige Säule im Luftschloss von Wirecard: Im testierten Jahresabschluss von 2018 stand die Firma für rund 15 Prozent des gesamten weltweiten Wirecard-Umsatzes und erwirtschafte mehr als ein Fünftel des Betriebsgewinns, wie das „Manager Magazin“ herausfand. Zwei Payeasy-Schwestergesellschaften, Centurion Online Payment und Conepay International, hatten ebenfalls geschäftliche Kontakte zu Wirecard.

B., der Mann, dessen Firma 15 Prozent des Umsatzes eines Dax-Konzerns beigesteuert haben soll, betrieb parallel zu seiner Tätigkeit als Payeasy-Chef auch noch das lokale Reisebusunternehmen „Fröhlich Tours“. Unmittelbar nach dem Zusammenbruch von Wirecard verstarb B. überraschend in Manila. Einen Monat zuvor hatte die philippinischen Anti-Geldwäsche-Behörde damit begonnen, Payeasy und die beiden Schwestergesellschaften unter die Lupe zu nehmen.

Der talentierte Shan Rajaratnam

Die TPA-Partner hatten einen besonderen geschäftlichen Link zu den vermeintlichen Cash-Bergen in Asien: In Fällen, in denen Einzel- oder Online-Händler Geschäfte rückgebucht hätten, sollten die TPA-Partner auf die Treuhandguthaben zugreifen können. Dieses Vorgehen wurde ab 2015 zunächst für Al Alam und Senjo Usus, ab 2018 dann auch für Easypay.

Treuhänder dieser wichtigen Konten war bis Ende 2019 Citadelle aus Singapur, das Konto lag bei der Oversea Chinese Banking Corporation (OSBC). Citadelle beziehungsweise dessen Geschäftsführer Shanmugaratnam „Shan“ Rajaratnam trat im Zusammenhang mit mindestens fünf TPA-Partnern auf, die in einem engen Verhältnis zu Jan Marsalek und Oliver B. standen. „Shans“ Ehefrau tauchte in weiteren Gesellschaften dieses Netzwerks als „Director“ und „Secretary“ auf. Die Verquickungen zwischen Treuhänder und Drittpartnern waren also eng.

So war Shan Rajaratnam Gründer und Director der Senjo Group, dem Alleingesellschafter von Henry O’Sullivans Drittpartner Senjo. Er war auch Anteilseigner, Director und Secretary bei Bijlipay Asia, ebenfalls eine Firma von O’Sullivan. Noch pikanter: Der Name Rajaratnam taucht als Secretary auch bei der Goome Holding auf, die eine Rolle bei der hoch verdächtigen Hermes-Akquisition in Indien spielte. Last but not least gründete und leitete er die Consultingfirma Ocap Management.

Die Senjo-Ocap-Connection

Ocap Management wurde 2015 als Senjo Trading gegründet und war eine 100-prozentige Tochter der Senjo Group. Zunächst bestand der Unternehmensgegenstand im Handel mit Öl. Erst im April 2018 wurde aus der Firma ein Fintech. 2017 wurde Ocap aus der Senjo Group herausgelöst, stand aber weiterhin eng mit ihr in Verbindung, schreiben die Wirecard-Revisoren.

Im März 2018 wurde Rajaratnam als Geschäftsführer von einem anderen Marsalek-Buddy abgelöst: Carlos H. Zwischen 2018 und 2020 flossen von diversen Wirecard-Gesellschaften Darlehen in Höhe von insgesamt rund 350 Millionen Euro an Ocap, 100 Millionen davon an eine Ocap-Tochter in Luxemburg. 

Carlos H. ist mit Brigitte H. verheiratet, die im Vertrieb von Wirecard arbeitete und tatsächlich Kredite an die Firma ihres Ehemanns freigeben durfte. Ocap Management steht im Mittelpunkt der Vorwürfe, dass Darlehen an Geschäftspartner genutzt worden sein könnten, um im großen Stil Gelder von Wirecard zu veruntreuen, vielleicht sogar solche, die sich der Konzern zuvor bei Banken oder am Bondmarkt verschafft hatte. 

Die Tolentino-Duterte-Connection

Ende 2019 wurden die Treuhandverhältnisse von Citadelle auf die philippinische Rechtsanwaltskanzlei Tolentino übertragen, die Konten wechselten nach Manila zur Banco de Oro (BCO) und zur Bank of the Philippine Islands (BPI) – lokal relevante Institute, aber alles andere als Großbanken. Dem Vernehmen nach soll der damals neu angetretene Wiercard-Chefaufseher Thomas Eichelmann gefordert haben, die Treuhandkonten schnellstens nach Abschluss der damals laufenden Bilanzprüfungen zu einer internationalen Großbank zu verlagern, beispielsweise zur deutlich renommierteren HSBC.

Ende 2019, zum Zeitpunkt des Umzugs, sollen auf den Treuhandkonten schon 1,9 Milliarden Euro gelegen haben – ein Viertel der Bilanzsumme der Wirecard AG und ein Betrag so hoch, dass er beim Eintritt in das Finanzsystem der Philippinen auf allen Radarschirmen der dortigen Notenbank aufgetaucht wäre. Diese gab später an, einen solchen Geldtransfer nie beobachtet zu haben. Aber ohne die KPMG-Sonderuntersuchung, die im April 2020 abgeschlossen wurde, wäre der Wechsel des Treuhänders außerhalb von Wirecard womöglich gar nicht bekannt geworden.

Tatsächlich hätte das Publikmachen des Treuhänderwechsels unter Investoren und Reportern vermutlich auch Fragen aufgeworfen, schließlich wurde die Kanzlei Tolentino von Mark Tolentino gegründet, einem Anwalt für Familienrecht. Laut Chat-Aussagen von Jan Marsalek, die FINANCE vorliegen, soll Tolentino auch die Familie des umstrittenen philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte als Mandant betreut haben. Er soll auch privat mit der Tochter von Duterte verkehrt haben. Im Wirecard-internen Untersuchungsbericht zu Mark Tolentino steht folgendes Urteil: „Erfahrungen als Treuhänder sind nicht erkennbar.“ 

800 Wirecard-Millionen im Slum von Manila

Mark Tolentino stand den Hasardeuren Jan Marsalek, James O‘ Sullivan und Oliver B. wohl in nichts nach. Auch er soll für EY eine Schmierenkomödie aufgeführt haben, als EY-Prüfer samt Marsalek eine Bankfiliale der BPI in Manila besuchten, bei der vorgeblich eines der Treuhandkonten geführt werden sollte. Auf diesem Konto sollten immerhin 800 Millionen Euro liegen.

Die Filiale befand sich in einem slumähnlichen Viertel Manilas, der Filialleiter sprach kaum Englisch. Es gibt Hinweise, dass es sich bei diesen Angestellten sowie weiteren, die später per Video-Chat mit EY konferierten, ebenfalls um bezahlte Schauspieler gehandelt haben könnte. Die angeblichen Saldenbestätigungen von BPO und BPI stellten sich später als Fälschungen heraus.

Mark Tolentino ist seit dem Wirecard-Kollaps verschwunden. Auch auf die Hintermänner James O’Sullivan und Shanmugaratnam Rajaratnam hat die Justiz bis heute keinen Zugriff. Der Busunternehmer B. gilt als tot, der aktuelle Aufenthaltsort von Jan Marsalek ist unbekannt. Der Österreicher ist einer der meist gesuchten Kriminellen Europas.

redaktion[at]finance-magazin.de

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Dies ist ein Teil unserer laufenden Enthüllungsserie. Alle Artikel finden Sie auf unserer Spezialseite zu den „Wirecard Files“. Mehr News und Hintergründe zum Wirecard-Skandal gibt es auf der FINANCE-Themenseite zu Wirecard, alle aktuellen Entwicklungen in unserem Wirecard-Ticker.

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