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Lieferketten unter Anpassungsdruck: Wie gelingt die Neuaufstellung?

Wie kommt die Ware von A nach B? Viele Herausforderungen setzen die Lieferketten weltweit unter Druck.
Wie kommt die Ware von A nach B? Viele Herausforderungen setzen die Lieferketten weltweit unter Druck. Foto: Blue Planet Studio - stock.adobe.com

Die Situation für Unternehmen mit internationalen Lieferbeziehungen ist angespannt – und das seit geraumer Zeit. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder neue Herausforderungen: Erst stellte der Brexit die Lieferketten auf die Probe, dann folgten protektionistische Tendenzen in den USA, und seit zwei Jahren sorgt die Corona-Pandemie für Herausforderungen. Nun bildet der Ukraine-Krieg die nächste Zäsur in den internationalen Lieferantenbeziehungen.

Nach dem Angriff auf die Ukraine sperrte die EU umgehend ihren Luftraum für russische Flugzeuge – Russland reagierte und untersagte Flüge über seinem Gebiet. Das ist für den Lufttransport zwischen Asien und Europa eine komplexe Herausforderung: Für Lieferungen müssen Umwege, steigende Treibstoffpreise und ein verringertes Transportvolumen in Kauf genommen werden. Allein Lufthansa Cargo spricht laut Medienberichten von um 20 Prozent verringerten Kapazitäten.

Es drohen neue Engpässe in Lieferketten  

Damit werden sich wohl auch Lieferengpässe erneut verschärfen: Nach einer leichten Entspannung zu Beginn dieses Jahres waren laut ifo-Institut  bereits Ende Februar wieder fast 75 Prozent der Unternehmen von Engpässen betroffen. Durch den Krieg dürfte sich die Situation in den kommenden Wochen und Monaten weiter zuspitzen. Vor allem die Automobilindustrie ist durch Lieferausfälle, Sanktionen und russische Gegenreaktionen gefährdet. Denn: Viele Edelmetalle stammen aus Russland, Teile der Fahrzeugelektrik aus der Ukraine. Doch auch Metallverarbeiter, Maschinenbauer, die chemische Industrie sowie die Pharma-Branche fürchten um wichtige Lieferbeziehungen.

„Langfristig wird nichts an alternativen Bezugsquellen, verstärkter Kreislaufwirtschaft und mehr Glokalisierung vorbeiführen.“

Die derzeitige Lage zeigt, wie dringend Mittelständler an Lösungen arbeiten müssen, um arbeitsfähig zu bleiben – kurzfristig, aber auch mittel- und langfristig. Viele Unternehmen haben ihre Lagerhaltung bereits ausgeweitet. Die Erneuerung, Erweiterung oder Umstellung der Lieferantenstruktur ist im Gang. Langfristig wird jedoch nichts an alternativen Bezugsquellen, verstärkter Kreislaufwirtschaft und mehr Glokalisierung vorbeiführen. Dies beinhaltet auch die Rückverlagerung von Lieferantenbeziehung in die eigene Region, ins Inland oder in benachbarte Länder.

Lieferkettengesetz tritt bald in Kraft

Neben geopolitischen Herausforderungen ist auf regulatorischer Ebene auch der Wandel hin zu einer nachhaltigeren Wirtschaft längst angelaufen. Ein Schritt dabei ist das Lieferkettengesetz. Die von 2023 an geltende Regelung schreibt vor, dass Unternehmen entlang ihrer Lieferketten keine Menschenrechtsverletzungen oder Umweltschädigungen zulassen dürfen. Diese Sorgfaltspflicht gilt zunächst für Unternehmen mit mindestens 3.000 Beschäftigten, von 2024 an greift sie für Firmen mit mehr als 1.000 Mitarbeitern.

Indirekt werden auch kleine und mittelständische Unternehmen von den Folgen des Gesetzes betroffen sein. Schließlich stehen deutsche Mittelständler in enger Lieferantenbeziehung zu Großunternehmen. Kommen Rückfragen dieser Kunden zur Lage entlang der Lieferkette, werden die kleinen und mittelgroßen Betriebe ihre eigenen Partnerschaften auf den Prüfstand stellen und gegebenenfalls anpassen müssen. Das Monitoring und die Steuerung ihrer Lieferketten dürften manche Mittelständler in diesem Zuge ebenfalls kritisch prüfen. Denn durch Automation oder künstliche Intelligenz können ERP-Systeme, Einkauf und Logistik effektiver an kommende Herausforderungen angepasst werden. Allerdings gehen damit auch ernstzunehmende Investitionen einher.

Finanzierungen für den Wandel

Angesichts der unsicheren Lage und strenger werdender Bankenregulierung halten sich klassische Finanzierer bei Transformationsprojekten oftmals zurück. Eine Kreditvergabe orientiert sich häufig fast ausschließlich an optimaler Bonität und Risikovermeidung. Als Alternative können Mittelständler sogenannte objektbasierte Finanzierungen für den Umbau ihrer Lieferketten nutzen. Ansätze wie Asset Based Credit und Sale-and-Lease-Back sind weitestgehend bonitätsunabhängig und sind eine Möglichkeit, auch in herausfordernden Zeiten kurzfristig Liquidität zu generieren.

„Klassische Finanzierer halten sich bei Transformationsprojekten oftmals zurück.“

Sale-and-Lease-Back ist ein Weg für Mittelständler, Liquidität durch reine Innenfinanzierung zu erzeugen. Das Unternehmen verkauft dabei werthaltige, mobile und gängige Maschinen, Anlagen oder Fuhrparks an einen Finanzierer und least diese dann unmittelbar wieder zurück. Dadurch kann es stille Reserven heben und Liquidität für die Neuaufstellung der Lieferkette freisetzen, ohne dass die Maschinen den Einsatzort verlassen. Das Tagesgeschäft bleibt dadurch unberührt. Sale-and-Lease-Back ist ein kurzfristiges Mittel: Von der ersten Anfrage bis zur Auszahlung des Kaufpreises vergehen in der Regel nur wenige Wochen.

Kredit auf Basis von Umlaufvermögen

Bei Asset Based Credit wiederum können Unternehmen ihre Maschinen, Fuhrparks, Rohstoff- und Handelswarenlager, Sachwerte oder Immobilien als Kreditsicherheit nutzen – im Prinzip also die gesamte Palette des unternehmerischen Anlage- und Umlaufvermögens.

Der kurz- bis mittelfristige Asset Based Credit kann etwa in der Beschaffung, der Auftragsvorfinanzierung, für Wachstumsprojekte oder für Investitionen in die Neuaufstellung von Technologien, Prozessen und Partnerbeziehungen genutzt werden. Zentrale Voraussetzung für den Spezialkredit ist die Werthaltigkeit und Marktgängigkeit der jeweiligen Sicherheiten.

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Carl-Jan von der Goltz ist geschäftsführender Gesellschafter von Maturus Finance, einem Anbieter für objektbasierte Finanzierungslösungen.

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