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Lieferketten-Probleme sorgen für Schieflagen

Die Container stapeln sich in den Häfen - eine Ursache für Schieflagen. Foto: tuastockphoto, adobestock.com
Die Container stapeln sich in den Häfen - eine Ursache für Schieflagen. Foto: tuastockphoto, adobestock.com

Die für dieses Jahr antizipierte kräftige Konjunkturerholung verliert immer mehr an Fahrt. Reihenweise haben Wirtschaftsforscher in den vergangenen Wochen ihre Prognosen heruntergeschraubt. Ein wesentlicher Grund für den Pessimismus sind die Probleme in den globalen Lieferketten und die damit einhergehenden Lieferengpässe bei Rohstoffen und Vorprodukten sowie die in der Folge anziehenden Preise.

Bereits seit mehreren Monaten sinkt in allen Branchen die Produktion trotz voller Auftragsbücher stetig, weil wichtige Rohstoffe oder Bauteile zu spät kommen oder nicht erhältlich sind. Besonders ausgeprägt ist die Knappheit bei Halbleitern; aber auch weniger hochtechnisierte Produkte wie zum Beispiel Magnesium sind nur eingeschränkt verfügbar. Gelingt es den Unternehmen, Lieferschwierigkeiten zu entgehen, müssen sie in der Regel höhere Anschaffungspreise akzeptieren.

Großunternehmen versuchen, Lieferengpässe mit ihrer breiten Produktpalette zu substituieren – die Autohersteller beispielsweise verbauen die rar gewordenen Chips bevorzugt in ihre gehobenen Modelle, um mit dem höheren Deckungsbeitrag den Schaden kleinzuhalten. Dagegen geraten Mittelständler leicht in einen Teufelskreis, wenn Lieferanten sie wegen ihrer vergleichsweise kleinen Bestellmengen gegenüber Großunternehmen benachteiligen.

Restrukturierer spüren Probleme

Diese Problematik kommt inzwischen auch bei den Restrukturierungsabteilungen der Banken an. Das zeigt das aktuelle Restrukturierungsbarometer, das FINANCE in Zusammenarbeit mit dem Beratungshaus Struktur Management Partner (SMP) erhoben hat und in dem 75 Finanzierungsspezialisten ihre Einschätzungen zum aktuellen Restrukturierungsumfeld gegeben haben.

„Die Auswirkungen der gestörten Lieferketten und Forderungen nach höheren Preisen sind bei allen Unternehmen spürbar.“

Georgiy Michailov, Struktur Management Partner

Demnach sind aktuell knapp zwei Drittel (64 Prozent) der von den Restrukturierungsabteilungen betreuten Unternehmen stark oder sehr stark von Lieferkettenproblemen betroffen. Immerhin noch 28 Prozent registrieren die Problematik bei ihren Portfoliounternehmen zumindest punktuell. Dass die betreuten Unternehmen keinerlei Lieferkettenprobleme haben, wurde als Antwortoption nicht ein einziges Mal gewählt. „Die Auswirkungen der gestörten Lieferketten und Forderungen nach höheren Preisen sind bei allen Unternehmen spürbar“, kommentiert Georgiy Michailov von Struktur Management Partner die aktuelle Situation.

Materialpreise existenzgefährdend

Wie prekär die Lage teilweise ist, zeigt sich an den Antworten auf die Frage, ob die zuletzt gestiegenen Materialpreise für die betreuten Unternehmen existenzgefährdend werden könnten. 43 Prozent der Restrukturierungsexperten bejahen das. Und weitere 35 Prozent geben an, zwar keinen solchen Fall im Portfolio zu haben, aber von entsprechenden Beispielen aus dem Markt zu wissen.

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Die Misere trifft die Wirtschaft ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem die Ampeln nach dem Einbruch infolge der Corona-Pandemie wieder auf Grün gesprungen sind. Dass es zu Material- und Lieferengpässen in Erholungs- und Boomphasen kommt, ist nichts Neues. Doch das Ausmaß 2021 übertrifft vergleichbare Situationen in der Vergangenheit, etwa während der Finanzmarktkrise, bei weitem. Gleichwohl blicken die Restrukturierungsexperten wieder optimistischer in die Zukunft. Nachdem Anfang des Jahres etwa drei Viertel der Befragten davon ausgingen, die Covid-19-Krise sei noch nicht überstanden, ist inzwischen knapp die Hälfte (47 Prozent) der Meinung, dass die Wirtschaft das Schlimmste überstanden habe.

Weiterhin Vorsicht bei der Kreditvergabe

Deutlichere Spuren hat die Corona-Pandemie bei der Neukreditvergabe hinterlassen. So prüft jede fünfte Bank Unternehmenskredite weiterhin grundsätzlich vorsichtiger als vor der Krise. Und immerhin 40 Prozent machen das zumindest in einzelnen Branchen. Nur 31 Prozent der Befragten agieren bei der Kreditprüfung wie vor Corona.

Was die dabei ergriffenen Maßnahmen angeht, werden insbesondere höhere Anforderungen an die Dokumentation gestellt (53 Prozent), gefolgt von höheren Margen (23 Prozent) und strengeren Financial Covenants (20 Prozent). 19 Prozent der Befragten geben an, einzelne Branchen generell von Neukrediten auszuschließen.

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Zurzeit ist besonders der Sektor Fahrzeugbau im Fokus der Restrukturierungsabteilungen: Die Branche, die mit einer doppelten Transformation zurechtkommen muss, steht weiterhin auf dem Spitzenplatz, gleichauf mit der Textil- und Bekleidungsbranche. Deutlich rückläufig, jedoch nach wie vor von hoher Bedeutung, ist der Maschinen- und Anlagenbau, mittlerweile gleichauf mit dem zunehmend wichtigen Handel und E-Commerce.

Info

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Markus Dentz ist Chefredakteur von FINANCE und der Fachzeitschrift DerTreasurer. Seine journalistischen Schwerpunktthemen sind Unternehmensfinanzierung, Restrukturierung und Treasury. Nach dem Studium und dem Volontariat beim F.A.Z.-Institut stieß Dentz zur FRANKFURT BUSINESS MEDIA GmbH, einer Tochter der F.A.Z.-Verlagsgruppe und Herausgeberin von DerTreasurer und FINANCE. Mehrfach wurden seine Artikel aus den Bereichen Private Equity und M&A mit Journalistenpreisen ausgezeichnet.