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Lieferkettenprobleme: Warten auf den Ketchupflaschen-Effekt

Containerschiff im Hamburger Hafen: Wie lange halten die Verspannungen in den Lieferketten noch an? Die FINANCE-Makro-Kolumne. Foto: m.mphoto/stock.adobe.com
Containerschiff im Hamburger Hafen: Wie lange halten die Verspannungen in den Lieferketten noch an? Die FINANCE-Makro-Kolumne. Foto: m.mphoto/stock.adobe.com

Einschränkungen der Lieferketten haben Corona, zumindest in den Industriestaaten, als größtes Risiko für den wirtschaftlichen Aufschwung abgelöst. Trotz gefüllter Auftragsbücher und der Aufhebung der Lockdowns kam die deutsche Industrie im zweiten und dritten Quartal nicht in den Tritt, und die Frühindikatoren für die Wirtschaft der Eurozone kühlen sich immer weiter ab. Die Aussichten für die Industrie werden derzeit kaum noch von der Pandemie bestimmt, sondern einzig und allein von den Lieferkettenproblemen. Das, was jahrelang Garant war für starkes Wirtschaftswachstum, nämlich große Internationalisierung und effiziente Just-in-Time-Prozesse, ist zur Achillesferse der deutschen Wirtschaft geworden.

Einige der Störfaktoren dürften in den ersten Monaten des kommenden Jahres verschwinden, andere Einschränkungen sind hingegen vermutlich persistenter. Das Warten, wann sich die Lieferkettenstörungen lösen, fühlt sich für die Industrie aktuell an wie das „Warten auf Godot“ für Becketts Hauptfiguren. Aber es gibt Hoffnung: Anders als bei Beckett kommt der Aufschwung.

Die Gründe für die Lieferkettenprobleme

Die Hoffnung speist sich aus dem Blick auf die Ursachen der Lieferkettenprobleme. Die Hauptursache ist wohl die Tatsache, dass Hersteller von Rohstoffen und anderen Vorprodukten die Produktion während der Lockdowns stark heruntergefahren hatten und vom starken Anstieg der Nachfrage nach der Wiedereröffnung der Wirtschaften überrascht wurden. Hinzu kamen Probleme mit Containern und Halbleitern. Dem starken Nachfrageanstieg stehen begrenzte Produktionskapazitäten entgegen, nicht zuletzt aufgrund des vorherrschenden Materialmangels.

Die Störungen in den Lieferketten treten aktuell an allen denkbaren Knotenpunkten auf. Auch ein Mangel an Arbeitskräften und hohe Energiepreise wirken belastend und haben bereits zur temporären Schließung von Produktionsstätten geführt.

Aber selbst wenn die Güter fertiggestellt und zu den Häfen transportiert werden können, heißt das nicht, dass die Reise von dort zeitig weitergeht. Das zeigen Daten aus dem Sommer, als die Probleme eskalierten: Nur 33,6 Prozent aller Frachtschiffe haben ihr Ziel im August pünktlich erreicht. Dies ist ein Rückgang um rund 30 Prozentpunkten im Vergleich zum Vorjahr und der niedrigste Wert der vergangenen zehn Jahre. Von den Frachtschiffen der Reederei Evergreen, deren „Evergiven“ im März durch die Blockade des Suezkanals Berühmtheit erlangte, lief sogar nur kaum mehr als jedes zehnte Containerschiff planmäßig im Zielhafen ein. Im August 2020 waren es 61 Prozent.

Die Inflation wird nicht so schnell wieder verschwinden wie erhofft, warnt FINANCE-Kolumnist Carsten Brzeski. Foto: ING

Und auch in den Häfen kommt es durch Personal- und Containermangel zu Verzögerungen. Folge: Das Welthandelsvolumen nahm im Juli im Vergleich zum Juni um 0,9 Prozent ab. Die größten Verluste zum Vormonat verzeichnete China mit einem Rückgang um 4,6 Prozent. Sieben der zehn größten Häfen der Welt befinden sich dort, und immer wieder führen die strikten Corona-Regeln zum vollständigen Stillstand der Aktivität in chinesischen Häfen. Da, gemessen am Volumen, rund 80 Prozent des Welthandels über den Seeweg erfolgen, belasten die Schwierigkeiten auf den Seestraßen auch große Teile der weiteren Lieferkette, denn nicht nur End-, sondern vor allem Vorprodukte kommen nicht rechtzeitig an.

In Chinas Häfen entspannt sich die Lage

Nun scheint sich aber zumindest in den chinesischen Häfen die Lage langsam zu entspannen, der Containerumschlag nimmt wieder zu, während für die nördlichen Eurozone-Länder und Deutschland immer noch leichte Rückgänge zu Buche stehen. Dies dürfte sich aber bald ändern. Rund 35 Tage dauert es, bis ein Schiff aus China die nördliche Eurozone erreicht hat. Mit einer Verzögerung von etwa einem Monat dürfte also auch der Containerumschlag in der Eurozone wieder steigen.

Es werden noch einmal herausfordernde Monate auf uns zukommen.

Können wir also schon bald mit dem mittlerweile heiß ersehnten Ketchupflaschen-Effekt rechnen, in dem sich die Verspannung auf einen Schlag löst? Leider nicht. Denn bevor sich die Einschränkungen in den Lieferketten entspannen, werden noch einmal herausfordernde Monate auf uns zukommen. Ab November dürfte es global zu einem weiteren Anstieg in der Nachfrage kommen. Am 11. November wird in China der Singles’ Day gefeiert – weltweit werden an diesem Tag die höchsten Online-Shopping-Umsätze des Jahres erzielt. Ende des Monats folgt der Black Friday, auch hier werden die Verbraucher mit hohen Rabatten gelockt. Im Dezember steht dann das Weihnachtsgeschäft an.

Das weiterhin verknappte Angebot dürfte zu verspäteten Lieferungen und zu höheren Preisen führen. Für die Industrie steigen die Inputpreise darüber hinaus auch noch durch die stark anziehenden Preise für Öl, Gas und Strom.

Inflation: Deutlich länger ziemlich hoch

Dies wird dazu führen, dass die Inflation deutlich länger höher liegen wird. Über den Sommer beschleunigte sich in der Eurozone der Anstieg der Erzeugerpreise auf über 10 Prozent. Und das wird Konsequenzen haben: Die Verkaufspreiserwartungen, die in der Industrieumfrage der Generaldirektion für Wirtschaft und Finanzen der Europäischen Kommission im September den höchsten Wert seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 1985 erzielten, deuten an, dass diese gestiegenen Erzeugerpreise auch an die Verbraucher weitergegeben werden. Je länger die Lieferkettenstörungen also noch anhalten, desto wahrscheinlicher ist es, dass auch die Inflation noch länger hoch bleiben wird.

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Meine Prognose: Die rein logistischen Probleme in den Lieferketten könnten schon in der ersten Jahreshälfte 2022 beendet sein. Der Nachschub bei Mikrochips wird aufgrund mangelnder Produktionskapazitäten allerdings eher bis Ende 2022 benötigen, um wieder auf einer Höhe mit der Nachfrage zu sein.

Für Manager in der deutschen Industrie heißt das: Geduld haben und auf Nachschub warten. Die Produktion wird dann vielleicht nicht auf einen Schlag anspringen, also nicht mit einem großen Blubb wie Ketchup aus einer Flasche schießen, auf die man lang genug geschlagen hat, sondern eher Stück für Stück, quasi tröpfchenweise – der etwas andere Ketchupflaschen-Effekt.

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