Franka Emika hat zugegriffen
Das Robotik-Start-up Franka Emika musste im August wegen „Differenzen auf Gesellschafterebene“ Insolvenz anmelden. Mehrere Investoren hatten infolgedessen ihr Interesse geäußert. Eine erste Investorenrunde wurde bereits wegen eines Streits abgebrochen. Franka Emika ist vor allem wegen der zahlreichen Patente begehrt und wurde international bekannt durch die Entwicklung eines sensitiven Roboterarms.
Der Münchner Robotik-Spezialist Agile Robots, beraten von Arqis, hat nun den Zuschlag erhalten. Medienberichten zufolge soll der Deal für 30 Millionen Euro vollzogen worden sein. Im Zuge der Übernahme plant Agile Robots, den Betrieb von Franka Emika mit seinen rund 100 Mitarbeitenden fortzuführen und in das weitere Wachstum des Unternehmens in Bayern zu investieren. Dazu zählen die Ausweitung des Produktportfolios, die Stärkung des globalen Vertriebs und die Weiterführung der Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten.
Der Deal steht in der Kritik: Hinter Agile Robots stehen chinesische Investoren. Wettbewerber hatten Bedenken bei der Bundesregierung geäußert. Das Bundeswirtschaftsministerium solle einschreiten, um einen neuerlichen Technologietransfer von Deutschland nach China zu verhindern, war in der FAZ zu lesen. Das Ministerium wird allerdings erst nach Einigung zwischen Käufer und Verkäufer oder Insolvenzverwalter tätig. Es wird sich also noch zeigen, ob die Transaktion vollzogen wird.
Offenbar keine Lösung für Madeleine-Mode
Rückzug hieß es zuletzt für die verbliebenen potenziellen Investoren für Madeleine. Der insolvente Modehändler hatte bis zuletzt Hoffnung in eine Investorenlösung gesetzt. „Um Madeleine eine Zukunftsperspektive zu geben, […] war und ist aber der Einstieg eines Investors eine zwingende Voraussetzung“, sagt Daniela Angerer, Geschäftsführerin bei Madeleine.
Wochenlang habe das Unternehmen mit Investoren verhandelt. Letztlich hätten unterschiedliche Gründe dazu geführt, dass sich die Interessenten nach und nach aus dem Investorenprozess zurückgezogen haben. Aufgrund der allgemein herausfordernden Situation in der gesamten Modebranche sind Investoren derzeit eher zurückhaltend.
Für eine uneingeschränkte Fortführung des Geschäftsbetriebs über den 1. November hinaus – dem Zeitpunkt der Eröffnung des Eigenverwaltungsverfahrens – stünden ohne einen Investor nicht genügend finanzielle Mittel zur Verfügung. Mit Blick auf die Gläubiger und die wahrscheinliche Einstellung des Geschäftsbetriebs dürfe der Modehändler keine größeren Verluste mehr einfahren – daher seien Kündigungen leider alternativlos, so Angerer.
Das Unternehmen wird bei der Restrukturierung und Investorensuche von Detlef Specovius, Michael Böhner und Christoph von Wilcken von der Kanzlei Schultze & Braun unterstützt. Als Sachverwalter agiert Stefan Debus von der Kanzlei Müller-Heydenreich Bierbach & Kollegen.
Pflegeanbieter Dorea Familie erfolgreich saniert
CFO Volker Wentz, die Restrukturierungskanzlei Wellensiek und die Sachwalter von Greenberg Traurig haben sich für den Herbst vorgenommen, die Restrukturierung des Pflegeheimbetreibers Dorea im Herbst abzuschließen. Anfang November war das Ziel erreicht.
Die Gruppe hatte im Mai Insolvenz für 25 operative Gesellschaften angemeldet. Durch einen hohen Investitionsbedarf sowie einen ungünstigen Zuschnitt einiger Einrichtungen ist Dorea in die Eigenverwaltung gegangen. Die GT Restructuring-Partner Gordon Geiser und Jesko Stark wurden in den drei Hauptverfahren in Eigenverwaltung zu Sachwaltern bestellt. Es gelang ihnen, gemeinsam mit der Eigenverwaltung für drei Holding- und Zwischenholdinggesellschaften ein Sanierungskonzept umzusetzen.
In diesem werden 43 Pflegeeinrichtungen in diesen drei Gesellschaften und ihren Tochtergesellschaften fortgesetzt. Das Konzept wurde mittels dreier miteinander verknüpfter Insolvenzpläne umgesetzt, denen die Gläubiger in allen Gläubigerversammlungen einstimmig zugestimmt hatten. Bei den Regelinsolvenzverfahren für einen weiteren Teil von Dorea wurde auch GT Restructuring-Partner Benedikt de Bruyn zum Insolvenzverwalter bestellt.
Gemeinsam konnten sie für nahezu alle weiteren betroffenen Einrichtungen Übernahmelösungen mit neuen Betreibern finden. Einzelne Einrichtungen wurden bereits per übertragender Sanierung übernommen, für die restlichen Einrichtungen sind die Prozesse weit fortgeschritten oder befinden sich in der Umsetzung.
Gerch-Bauprojekt in Gefahr
Gerch hat für die Projektgesellschaften des Kölner Laurenz Carré einen Insolvenzantrag gestellt. Das Laurenz Carré soll in zentraler Lage in unmittelbarer Nähe zum Kölner Dom, Rathaus und Hauptbahnhof entstehen. Insgesamt soll das 36.500 Quadratmeter große Projekt ein Hotel, ein Büro- und ein Wohngebäude sowie Einzelhandels- und Gastronomieflächen umfassen.
Bislang haben nur der Abriss der bisherigen Gebäude sowie erste Erdarbeiten stattgefunden. Im Frühjahr wurden die Bauarbeiten eingestellt und bislang nicht wieder aufgenommen. Jens Schmidt (Runkel Rechtsanwälte) wurde zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestellt, der nun Gespräche mit Finanzierungspartnern und Mietern aufnehmen will.
Weitere Insolvenz- und Sanierungsverfahren
Das Medienhaus Orlando, unter dem Namen Looping Group bekannt, musste Ende Oktober Insolvenz anmelden. Grund dafür seien Differenzen über die laufende Geschäftsbeziehung mit einem Großkunden, die zu Liquiditätsschwierigkeiten führten. Ivo-Meinert Willrodt (Pluta) ist als vorläufiger Insolvenzverwalter bestellt und bestätigt erste positive Gespräche mit Hauptauftraggebern. Mit mehr als 140 Mitarbeitenden in München, Hamburg und Berlin entwickelt die Looping Group Kommunikationsstrategien für bekannte Unternehmen wie Allianz, Vitra oder BMW.
Der Spezialist für Dicht- und Dämmstoffe vor allem für den Automotive-Sektor, Odenwald-Chemie, muss in die Insolvenz. Nach Jahren der Krise in der Automobilindustrie und den gleichzeitig gestiegenen Energie- und Rohstoffkosten ist das Unternehmen mit Sitz in Neckarsteinach zum Erliegen gekommen. Doch Sanierungsexperte und vorläufiger Insolvenzverwalter Marc Schmidt-Thieme (Hoefer Schmidt-Thieme) ist positiv gestimmt und sieht gute Chancen für eine dauerhafte Fortführung durch einen Verkauf. Der M&A-Prozess sei schon angelaufen.
Distressed-M&A-Deals
Der Sammeltaxi-Anbieter Clevershuttle hatte im Mai Insolvenz angemeldet. Nach mehrmonatigen Gesprächen hat Insolvenzverwalter Sebastian Laboga (Pluta) nun eine Zukunftslösung für Clevershuttle gefunden: Die über 20 On-Demand-Verkehre in mehr als 45 Kommunen werden künftig von Tochtergesellschaften der Via Transportation und der Deutschen Bahn weiterbetrieben. Die Verkehre im Südosten sowie in Leipzig betreibt künftig die Deutsche Bahn. Via betreibt die On-Demand-Verkehre in Hessen und in Dresden. Zudem werden die Verkehre in Niedersachsen und in Regensburg von den regionalen Betreibern in Eigenregie fortgeführt. Lediglich ein Kleinstverkehr mit einem Fahrzeug in Bayern wird nicht weiterbetrieben.
Der E-Commerce-Konzern The Social Chain musste im Juli Insolvenz anmelden, nun erfolgt der erste Abverkauf: Ralf Dümmel, Investor des Berliner Unternehmens, kauft die DS-Gruppe, die er 2021 in den Konzern eingebracht hatte, aus der Insolvenz zurück. Eingekauft für 220 Millionen Euro wird die DS-Gruppe für lediglich 6,5 Millionen Euro von ihrem Alt-Eigentümer zurückerworben. Von den 6,5 Millionen Euro sollen 3,5 Millionen Euro der Insolvenzmasse zur Befriedigung der Gläubiger zufließen. 3 Millionen Euro fließen laut Mitteilung zwecks Tilgung von Bankverbindlichkeiten in die Kapitalrücklage der DS-Gruppe.
Das börsennotierte Pharmaunternehmen Paion ist auf der Suche nach einem Investor. Der vorläufige Insolvenzverwalter Mark Boddenberg (Eckert Rechtsanwälte) hat dazu die M&A-Beratung Falkensteg beauftragt. Ende Oktober musste Paion Insolvenz anmelden. Im Vorfeld sind bei der Gesellschaft Unregelmäßigkeiten im Verantwortungsbereich des Finanzvorstands im Hinblick auf eine für die Gesellschaft wesentliche Finanzierung bekannt geworden, so das Unternehmen. „Die Marktakzeptanz von Paion-Produkten ist hoch und wir konnten Fortschritte in der Vermarktung erzielen. Darüber hinaus haben wir von den Arzneimittelbehörden positive Stellungnahmen in den jeweiligen Zulassungsverfahren wie beispielsweise für die Allgemeinanästhesie in Europa erhalten“, erklärt Paion-CEO Tilmann Bur. Paion entwickelt und vermarktet Wirkstoffe für die Sedierung, Anästhesie sowie für die Intensivmedizin.
Weitere Restrukturierungen und Branchen-News
Der Bundesverband Credit Management Österreich (BvCM) sieht den Vorschlag der EU, das Insolvenzrecht in Österreich zu harmonisieren, als Türöffner für möglichen Insolvenzmissbrauch. Die EU-Kommission will die massiven Unterschiede im Insolvenzrecht der 27 Mitgliedsstaaten begradigen. Grund dafür sei eine Behinderung des freien Kapitalverkehrs. Der Arbeitskreis begrüßt zwar grundsätzlich die Zielsetzung zur Harmonisierung des Insolvenzrechts in der EU, aber die Experten bleiben skeptisch.
Der Entwurf sei oberflächlich, lückenhaft und inkonsistent, lautet ihre Kritik. „Zusammengefasst muss man kritisch festhalten, dass noch Anpassungsbedarf beim Richtlinienentwurf besteht, der direkt oder zumindest indirekt Auswirkungen auf alle Unternehmen haben kann“, appelliert Thomas Bravo, stellvertretender Vorstandsvorsitzender BvCM Österreich, an die verantwortlichen politischen Entscheidungsträger. „Einzelne Punkte orientieren sich nicht nach dem Maßstab des Gläubigerschutzes, der in Österreich einen hohen Stellenwert einnimmt“, schließt Bravo.
Das Bundeskartellamt hat Rewe den Weg geebnet, 15 Mein-Real-Standorte zu übernehmen. Ob nach der kartellrechtlichen Freigabe tatsächlich eine Übernahme der Standorte erfolgt, sei unter anderem von einer Einigung zwischen Rewe und den bisherigen Vermietern abhängig, hieß es von der Kartellbehörde. Dafür spreche, dass Rewe bereits seit Längerem bei der Warenbeschaffung mit Mein Real zusammenarbeitet. Ende September musste Real in die Insolvenz.
Bei Deerberg muss alles unter den Hammer. Im Juni hat der Modehändler Deerberg Insolvenz angemeldet. Jetzt müssen Fuhrpark, Firmenzentrale und Logistikzentrum verkauft werden. Über 2.600 Positionen werden versteigert, inklusive der gesamten Ausstattung der Firmenzentrale in Hanstedt. Unter den Exponaten finden sich einige Raritäten, etwa ein Oldtimer Volvo P210 sowie mehrere umgebaute Eisenbahnwaggons. Für Lüneburg starten die Zuschläge am 15. November, für Hanstedt am 29. November. Die Versteigerungen werden vom Auktionshaus Aurena durchgeführt.
Der Bundesgerichtshof (BGH) hat in Fortsetzung seiner Rechtsprechung entschieden, dass Rechtsberater, die einem Unternehmen beratend zur Seite stehen, bei einer drohenden Insolvenz grundsätzlich in der Hinweis- und Warnpflicht auch gegenüber Dritten, also hier der Geschäftsführung, stehen. Falls der Berater dieser Pflicht nicht nachkommt, kann dieser im Insolvenzfall auch von diesen Dritten zur Verantwortung gezogen werden.
Dabei ist die Haftung jedoch an sehr konkrete Bedingungen geknüpft. „Der Berater muss im Zusammenhang einer Krise bei dem Unternehmen tätig sein, wie beispielsweise einer Restrukturierung“, sagt Renate Müller, Partnerin der Beratungsgesellschaft Mazars im Bereich Corporate Recovery Services. „Das Näheverhältnis zwischen dem konkreten Auftrag und der Krise ist dabei sehr wichtig. Zudem muss der Berater in der Lage sein, die Insolvenz zu erkennen. Eine eigenständige Ermittlungspflicht hat er nicht.“
Durch das Urteil wolle der Bundesgerichtshof erneut einen Beitrag dazu leisten, dass eine drohende Insolvenz frühestmöglich durch Warnhinweise wahrgenommen werden könne, ergänzt Michael Thierhoff, Of Counsel bei Mazars. „Betroffene Berater sind dabei gut beraten, ihre Warnhinweise in dokumentierter Form abzugeben – damit auch im Nachhinein nachvollziehbar ist, dass darauf hingewiesen wurde.“
Die neuesten Restrukturierer-Personalien
Das Beratungshaus Alvarez & Marsal hat sich mit Andreas Schwabe als Managing Director für die DACH-Region für den Bereich digitale Transformation verstärkt. Zuvor war er als Partner und Leiter für digitales Marketing und Personalisierung in der CEMA-Region bei der Boston Consulting Group verantwortlich. Bei A&M soll er Unternehmen dabei unterstützen, ihre Prozesse und Geschäftsmodelle mit Hilfe von digitalen Transformationslösungen neu zu gestalten.
Ashursts Praxisgruppenleiter im Insolvenzrecht, Alexander Ballmann, ist zum November zu Jones Day gewechselt. Ballmann war seit 2016 bei Ashurst und Leiter der deutschen Insolvenzrechtspraxis. Ballmann berät Unternehmen bei Restrukturierungen, Insolvenzverwalter und Schuldner zu Insolvenzverfahren sowie Kreditgeber und Investoren bei notleidenden Investitionen und Krediten. Mit ihm wechselt die Counsel Anna Geissler. Sie zählt bereits seit rund sechs Jahren zum Team und wird bei Jones Day künftig als European Counsel tätig sein.
Das Kölner Büro der auf Restrukturierung und Insolvenzrecht spezialisierten Kanzlei Eckert ist zum November um die neue Partnerin Kristin Brocker (43) gewachsen. Sie ist auf Insolvenz- und Sanierungs- sowie Arbeitsrecht spezialisiert. Bevor sie im Jahr 2022 ihre eigene Kanzlei gegründet hatte, war sie bei Görg in Bielefeld und Köln tätig, zuletzt als Partnerin.
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Esra Laubach ist Redakteurin bei FINANCE und widmet sich schwerpunktmäßig den Themen Transformation, Restrukturierung und Recht. Sie ist Sprach- und Kommunikationswissenschaftlerin. Vor FINANCE war sie rund fünf Jahre als Legal-Journalistin für den Juve Verlag in Köln tätig, wo sie auch ihr journalistisches Volontariat absolvierte. Esra Laubach arbeitete während ihres Studiums multimedial u.a. für das ARD-Morgenmagazin, mehrere Zeitungen und moderierte beim Hochschulradio Kölncampus.
