Befindet sich auf der Flucht: Ex-Wirecard-Vorstand Jan Marsalek.

Wirecard

20.07.20
Wirtschaft

Jan Marsalek ist offenbar in Russland

Der ehemalige Wirecard-Vorstand Jan Marsalek befindet sich auf der Flucht. Die neueste Spur führt nach Moskau und zum russischen Militärgeheimdienst.

Wo ist Jan Marsalek? Der ehemalige Asienvorstand von Wirecard befindet sich seit seinem Rauswurf beim insolventen Zahlungsdienstleister auf der Flucht und wird wegen Verdachts auf Bilanzbetrugs mit internationalem Haftbefehl gesucht.

Wurde der 40-jährige Österreicher zunächst auf den Philippinen vermutet, führt die neueste Spur in Russlands Hauptstadt Moskau. Dort soll Marsalek einem Bericht des „Handelsblatts“ zufolge auf einem Anwesen des russischen Militärgeheimdienstes GRU untergeschlüpft sein. Die Zeitung bezieht sich auf Informationen aus Unternehmens-, Justiz- und Diplomatenkreisen.

Marsalek soll Bitcoins nach Russland geschafft haben

Zuvor soll Marsalek dem Bericht zufolge „erhebliche Summen“ in Form von Bitcoins aus Dubai nach Russland geschafft haben. In Dubai befand sich eine wichtige Drehscheibe von Wirecards undurchsichtigem Drittpartnergeschäft. Die „Financial Times“ hatte erhebliche Unstimmigkeiten bei der dortigen Niederlassung aufgedeckt.

Der inhaftierte Ex-Chef der Dubaier Wirecard-Tochter Cardsystgems Middle East hat nach Angaben seines Strafverteidigers bereits eine Tatbeteiligung eingeräumt. Marsalek war als Wirecard-Vorstand auch für das Drittpartnergeschäft verantwortlich, in dessen Untiefen die 1,9 Milliarden Euro verschwunden sein dürften, die der Bilanzprüfer EY nicht mehr finden konnte.

Marsalek: Über Weißrussland nach Moskau

Schon am Samstag hatte der „Spiegel“ herausgefunden, dass die Manila-Spur wohl eine falsche Fährte gewesen ist. Auf den Philippinen soll Marsalek angeblich eingereist sein, die Einreisedokumente erwiesen sich dann aber als gefälscht.

Wie der Spiegel in Zusammenarbeit mit der Investigativ-Plattform Bellingcat herausfand, ist Marsalek wohl unmittelbar nach seinem Rauswurf bei Wirecard in der Nacht vom 18. auf den 19. Juni mit einem Privatjet über Klagenfurt und Tallinn in der weißrussischen Hauptstadt Minsk gelandet.

Da eine Wiederausreise in den Datenbanken bislang nicht verzeichnet sei, vermutet auch der Spiegel, dass sich Marsalek in Weißrussland oder in Russland aufhält. Dem Handelsblatt zufolge soll der russische Geheimdienst Marsalek dann von Minsk nach Moskau gebracht haben.

Jan Marsalek und der russische Geheimdienst

Angebliche Bitcoin-Transfers nach Russland, manipulierte Einreisedaten auf den Philippinen und nun die angebliche Aufsicht des russischen Militärgeheimdiensts: Die Flucht von Jan Marsalek hat Hollywood-Potenzial. Der „Spiegel“ stellt in seiner aktuellen Titelgeschichte sogar die These in den Raum, dass der frühere Wirecard-Vorstand mit den russischen Geheimdiensten kooperiert oder sogar für sie gearbeitet haben soll.

So soll Marsalek vor Dritten damit geprahlt haben, mit russischer Hilfe in die vom Assad-Regime eroberte syrische Stadt Palmyra gereist zu sein. Zudem soll er sehr häufig in Moskau gewesen sein. Auch der Name Tschetschenien taucht in seinen Reiseunterlagen auf. Im Bürgerkriegsland Libyen soll Marsalek versucht haben, eine private Miliz aufzubauen. 

Laut der „Financial Times“, deren Recherchen den Bilanzskandal bei Wirecard überhaupt erst aufdeckten, soll Marsalek zudem bei einem Treffen mit Hedgefonds-Managern in London geheime Papiere der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) herumgereicht haben, die sich auf den Anschlag auf den russischen Ex-Agenten Sergej Wiktorowitsch Skripal im März 2018 bezogen. In ihnen befand sich die Formel für das Nervengift Nowitschok, mit dem versucht wurde, Skripal zu ermorden. 

Laut Spiegel und Bellingcat war Marsalek für Russland jedenfalls so interessant, dass der russische Inlandsgeheimdienst FSB die Reisebewegungen des Österreichers spätestens ab 2015 weltweit überwacht haben soll.

philipp.habdank[at]finance-magazin.de

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