Der Bilanzskandal bei Wirecard eskaliert: Der Zahlungsdienstleister will einen Antrag auf Insolvenz stellen.

Wirecard

25.06.20
Wirtschaft

Wirecard stellt Insolvenzantrag

Vorläufiger Tiefpunkt bei Wirecard: Der Zahlungsdienstleister stellt Insolvenzantrag. Zuletzt hatten sich bereits immer mehr Kunden abgewendet.

Wenige Tage nachdem bekannt wurde, dass Wirecard offenbar 1,9 Milliarden Euro in der Bilanz fehlen, folgt nun die Schocknachricht: Der Zahlungsdienstleister, zuletzt immerhin in der ersten Börsenliga im Dax notiert, musste am heutigen Donnerstag beim Münchener Amtsgericht einen Insolvenzantrag stellen. Grund für den Antrag seien drohende Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung, heißt es in einer Mitteilung des Unternehmens.

Es werde zudem geprüft, ob auch Insolvenzanträge für Tochtergesellschaften der Gruppe gestellt werden müssten. Die Wirecard Bank AG ist nicht Teil des Insolvenzverfahrens, betont Wirecard. Die Bafin habe für die Wirecard Bank AG bereits einen Sonderbeauftragten eingesetzt. Die Freigabeprozesse für alle Zahlungen der Bank würden zukünftig ausschließlich innerhalb der Bank und nicht mehr auf Gruppenebene liegen, heißt es weiter.

„Das Unternehmen wird in Abstimmung mit dem vom Insolvenzgericht zu bestellenden vorläufigen Insolvenzverwalter mögliche Sanierungschancen weiterverfolgen“, so Wirecard.

Kunden wenden sich von Wirecard ab

In den zurückliegenden Tagen mehrten sich bereits die Berichte, denen zufolge sich immer mehr Kunden von dem Zahlungsdienstleister abgewendet und nach Alternativen umgesehen haben. Mit dem Mitfahrdienst Grab hatte bereits ein großer Kunde öffentlich erklärt, die Zusammenarbeit mit Wirecard auszusetzen.

Einem Bloomberg-Bericht zufolge soll auch der französische Telekomkonzern Orange für seine Tochterfirma bereits nach einem neuen Zahlungsabwickler suchen. Für Wirecards Wettbewerber ist der Antrag auf Insolvenz der Aschheimer sicherlich das Signal zur Neukundenakquise.

Banken konnten Wirecard-Kredit fällig stellen

Auslöser für den Bilanzskandal bei dem Dax-Konzern war ein verweigertes Testat des Abschlussprüfers EY für die Geschäftszahlen 2019. Zunächst zeigte sich Wirecard noch optimistisch und wollte mit Houlihan Lokey einen Plan zur „nachhaltigen Finanzierungsstrategie“ erarbeiten. Auch von einem möglichen Konzernumbau und etwaigen Verkäufen von Unternehmensteilen war die Rede. Doch die Lage bei dem Unternehmen spitzte sich immer weiter zu, vor allem, nachdem Haftbefehle gegen Ex-CEO Markus Braun und nun offenbar auch gegen Ex-COO Jan Marsalek erlassen wurden

Bis zuletzt stand das Unternehmen nach eigenen Angaben in Verhandlungen mit seinem Bankenkonsortium. Dieses konnte eine Kreditlinie in Höhe von 1,75 Milliarden Euro jederzeit fällig stellen, weil der Konzern nichts rechtzeitig testierte Zahlen vorlegen konnte. Berichten zufolge soll das Bankenkonsortium rund 15 nationale und internationale Banken umfassen, als größte Kreditgeber werden die ABN Amro, Commerzbank, ING und LBBW genannt.

Offenbar konnten sich die Parteien noch nicht einigen: „Ohne eine Einigung mit den Kreditgebern bestand die Wahrscheinlichkeit der Kündigung und des Auslaufens von Krediten mit einem Volumen von 800 Millionen Euro zum 30. Juni 2020 und 500 Millionen Euro zum 1. Juli 2020“, schreibt das Unternehmen nun. „Der Vorstand ist zu der Überzeugung gelangt, dass in der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit eine positive Going Concern Prognose nicht gestellt werden kann“. Damit sei die Fortführbarkeit des Unternehmens nicht sichergestellt.

Wirecard hat zudem im vergangen Herbst noch eine Anleihe über 500 Millionen Euro mit Laufzeit bis September 2024 begeben sowie eine Wandelanleihe über 900 Millionen Euro an den Markt gebracht, über die der japanische Technologie-Konzern Softbank in Wirecard investiert hat.

julia.schmitt[at]finance-magazin.de

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