Die Deutsche Bahn schiebt eine Finanzierungslücke in Milliardenhöhe vor sich her.

Deutsche Bahn

13.09.19
Wirtschaft

Rechnungshof besorgt über Milliardenlücke bei der Bahn

Der Bundesrechnungshof ist wegen der Finanzlage bei der Deutschen Bahn alarmiert: Bis zum Jahresende rechnen die Prüfer mit einer Finanzierungslücke von fast 3 Milliarden Euro. Nun ruht die Hoffnung auf dem Verkauf der Auslandstochter Arriva.

Die finanzielle Situation der Deutschen Bahn ist schon seit längerer Zeit angespannt, nun hat der Bundesrechnungshof Alarm geschlagen: „Bereits bis Ende des Jahres 2019 wird eine signifikante Finanzierungslücke von fast 3 Milliarden Euro bestehen“, schreiben die Prüfer demnach in einem Bericht, aus dem die Nachrichtenagentur dpa zitiert. Eine Neuverschuldung sei nicht möglich, ohne die Verschuldungsgrenze zu überschreiten.

Die Bundesregierung hatte der in Staatsbesitz liegenden Bahn eine Obergrenze von 20,4 Milliarden Euro gesetzt. Diese hat die Deutsche Bahn inzwischen übertroffen. Bereits zur Jahresmitte hätten die Schulden den vom Haushaltsausschuss festgelegten Grenzwert für den 31. Dezember 2019 überschritten, moniert der Rechnungshof.

Die Nettofinanzverschuldung der Bahn war in den ersten sechs Monaten des Jahres von 19,5 Milliarden Euro Ende 2018 auf 25,4 Milliarden Euro Ende Juni gestiegen. Ein Großteil davon entfiel laut Bahn zwar auf die Anwendung des Bilanzierungsstandards IFRS 16, der die Leasing-Bilanzierung neu regelt. Auch ohne diesen buchhalterischen Effekt hätte die Bahn die Obergrenze jedoch gerissen.

Bahn kann nicht aus eigener Kraft investieren

Für Bahn-CFO Alexander Doll hängt nun viel davon ab, dass M&A-Deals die Situation entschärfen – auf finanzielle Hilfe des Bundes ist offenbar nicht zu hoffen. Bereits im Sommer hatte die Nachrichtenagentur Reuters aus einem internen Bahn-Papier zitiert, dass eine direkte Hilfe vom Bund oder höhere Schulden nicht infrage kämen.

Um die Lage zu entspannen, muss die Bahn nun auf einen erfolgreichen Verkauf der Auslandstochter Arriva setzen. Ohne einen Erfolg, das macht der Rechnungshof auch klar, sieht es für Investitionen düster aus. Aus eigener Kraft könne die Bahn keine Investitionen finanzieren, und auch Ausgaben für neue Züge, Digitalisierungsprojekte oder die Großbaustelle Stuttgart 21 könnte der Konzern „nicht durch operativ erwirtschaftete Cashflows auffangen“. Die Prüfer empfehlen daher, neben dem Verkauf der Auslandstochter Arriva auch einen Verkauf der Logistiktochter Schenker zu prüfen, um frische Mittel zu generieren.

FINANCE-Köpfe

Alexander Doll, Deutsche Bahn AG

Alexander Doll entwickelt sich auf einem untypischen Weg in den Finanzbereich: Nach dem Abitur studiert er Philosophie und Biologie. Darauf folgen eine Ausbildung zum Bankkaufmann und ein betriebswirtschaftliches Studium, das er mit einem MBA in Atlanta abschließt. Nebenbei arbeitete er als Kofferboy und Komparse an der Oper.

Nach dem Berufsstart bei Lehman Brothers in New York arbeitet Alexander Doll von 2001 an acht Jahre lang als Managing Director bei der Schweizer UBS. 2009 wechselt er zur Investmentbank Lazard, für die er die nächsten Jahre weltweit die Bereiche Transport und Logistik leitet. 2013 wird Doll Chef des Deutschlandgeschäfts der britischen Großbank Barclays. Nach fünf Jahren in dieser Position folgt im April 2018 der Wechsel zur Deutschen Bahn, wo er für die Bereiche Güterverkehr und Logistik verantwortlich zeichnet. Im Januar 2019 übernimmt er zusätzlich die Position des CFOs.

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Bahn-CFO Doll sieht Arriva-Verkauf im Plan

Die Bahn äußerte sich zunächst nicht detailliert zu den Vorwürfen. In einem Statement heißt es lediglich, der Bahn liege kein Bericht des Rechnungshofes vor. Es gebe „für milliardenschwere Investitionen in Züge, Infrastruktur und Personal einen klaren Fahrplan“. Über ein Konzept zur Finanzierung der Wachstumsstrategie soll der Aufsichtsrat in einer Sitzung am 18. September diskutieren.

Auf dieser Sitzung wird wohl auch das weitere Schicksal der britischen Tochtergesellschaft Arriva Thema sein, für die die Bahn nach wie vor sowohl einen Verkauf als auch einen möglichen Börsengang prüft, wie CFO Doll Anfang September gegenüber der F.A.Z. sagte. Beobachter gehen davon aus, dass die Trennung von Arriva dem klammen Konzern bis zu 4 Milliarden Euro einbringen könnte.

Doll sah den Prozess Anfang September im Plan: Man sei mit mehreren Interessenten im Gespräch, erklärte der Finanzchef damals. Zuletzt wurde unter anderem den Private-Equity-Investoren Apollo, Carlyle und Lone Star, der Fondsgesellschaft DWS sowie auch einigen Verkehrsgesellschaften Interesse an Arriva nachgesagt.

sabine.reifenberger[at]finance-magazin.de

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