Für Harald Wilhelm wird es ein spannender Sommer werden, denn er feiert ein Wiedersehen der ungewöhnlichen Art – er kehrt dorthin zurück, wo seine Karriere begann. Der 53-Jährige gibt seinen Posten als Airbus-CFO ab und wird zur Hauptversammlung am 22. Mai die Nachfolge von Daimler-CFO Bodo Uebber antreten.
Ausgestattet mit einem Vertrag über drei Jahre, wird Wilhelm die Ressorts Finance & Controlling betreuen und auch die Verantwortung für die Finanzsparte Daimler Financial Services übernehmen. Um sich einzuarbeiten, startet Wilhelm schon zum April als Daimler-Vorstand ohne Ressort.
Harald Wilhelm war 27 Jahre bei Airbus
Daimler prägte Wilhelms Anfangsjahre: Bei der damals noch als Mischkonzern aufgestellten Industrieikone begann der Betriebwirt 1992 seine Karriere bei Daimler-Benz Aerospace als M&A-Manager und arbeitete sich in sechs Jahren zum Vice President M&A hoch. Sein wichtigstes Erlebnis dürfte die Fusion von Daimlers Luftfahrtgeschäft mit der französischen Aérospatiale-Matra sowie der spanischen CASA gewesen sein – die Initialzündung für den Konzern EADS, der sich später in Airbus umbenannte.
Anfang 2008 wurde Wilhelm dann CFO der EADS-Sparte Airbus, vier Jahre später auch Konzern-CFO. Unter Wilhelms Führung ist Airbus deutlich effizienter geworden: Wuchs der Umsatz zwischen 2012 und 2018 nur von 56 auf 64 Milliarden Euro, kletterte das Ebit in dieser Zeit von 2,1 auf 5,8 Milliarden Euro.
Wilhelm und Enders stemmten Airbus-Milliardenprojekte
Auch Wilhelms persönliche Leistung ist bemerkenswert: In einem extrem politischen Umfeld hielt er sich fünf Jahre lang auf dem CFO-Posten und war in dieser Zeit unumstritten. Selbst Bestechungsaffären in der Zivil- und Militärflugzeugsparte fielen nicht auf Wilhelm persönlich zurück.
Strategisch brachte das Führungsduo Wilhelm und Tom Enders (CEO) zwei entscheidende, zusammen über 15 Milliarden Euro teure Neuentwicklungen zur Marktreife: die Modernisierung des Bestsellers A320 und den Bau des Langstreckenmodells A350. Inzwischen produziert Airbus rund 800 Flugzeuge pro Jahr – gegenüber weniger als 500 im Jahr 2008, als Wilhelm die Airbus-Finanzen übernahm. Damit verbunden war das Hochfahren der extrem komplexen Lieferkette.
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Dass sich trotzdem alle wichtigen Kennzahlen des Unternehmens verbesserten – Umsatz, Gewinn, Cashflow und Nettofinanzposition –, brachte Wilhelm ein hohes Ansehen am Kapitalmarkt.
Wilhelm muss bei Daimler das richtige Maß finden
Entscheidende Modellwechsel und der Umbau komplexer Lieferketten sind auch zwei der zentralen Herausforderungen, die Wilhelm bei Daimler meistern muss. Bei dem Konzern muss er das richtige Maß aus Investitionen in neue Technologien auf der einen und der Sicherung einer ausreichenden Profitabilität auf der anderen Seite finden.
Auch Daimler investiert einen hohen einstelligen Milliardenbetrag pro Jahr in Technologien, Produkte und Fabriken, die den Konzern E-mobilitätsfähig machen sollen. Mit Wilhelm vertritt nun ein CFO diesen Konzernumbau nach außen, der viel Prestige und Vertrauen genießt – Dinge, die sich ein interner Uebber-Nachfolger, nach dem es lange Zeit aussah, erst noch hätte verdienen müssen. Mit der Wahl Wilhelms hat sich der Daimler-Aufsichtsrat für die sichere Variante entschieden.
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Wilhelms Ausgangslage zum Start ist jener bei Airbus 2008 nicht unähnlich: Auch Daimlers Vertrauen am Kapitalmarkt ist nach einer schwachen Gewinnentwicklung angekratzt, und auch dem Autokonzern trauen viele nicht zu, die kommenden Milliardeninvestitionen stemmen zu können. Wilhelm kann nun zeigen, dass sein Erfolg bei Airbus nicht dem Windschatten des prägenden Vorstandschefs Tom Enders zu verdanken gewesen ist.
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