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Ekosem Agrar bangt um Bilanztestat

Der deutsch-russische Agrarkonzern Ekosem muss seinen Jahresabschluss erneut verschieben. Foto: Luis - stock.adobe.com
Der deutsch-russische Agrarkonzern Ekosem muss seinen Jahresabschluss erneut verschieben. Foto: Luis - stock.adobe.com

Für Ekosem Agrar kommt es dicke: Erst kollabierten die Anleihen des deutsch-russischen Agrarkonzerns vergangene Woche im Zuge des Ukrainekrieges auf inzwischen nur noch 20 Prozent des Nennwerts, nun gibt das in Russland tätige Unternehmen von Gründer und CEO Stefan Dürr bekannt, dass sich der Jahresabschluss 2020 auf unbestimmte Zeit verzögert. Tatsächlich erscheint es sogar fraglich, ob der Abschlussprüfer EY die Bücher überhaupt testieren kann.

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Die Sanktionen wirken sich stark auf russische Banken wie die Sberbank in Moskau aus. Foto: picture alliance/dpa /TASS - Anton Novoderezhkin.

Der Russland-Fallout am Kapitalmarkt

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Die Invasion Russlands in die Ukraine hat ein Beben am Kapitalmarkt ausgelöst. So wirkt sich der Krieg auf Akteure wie Gazprom, Rheinmetall, Ekosem, BP und Co. aus.

Grund sind laut Ekosem die „Entwicklungen der letzten Tage“, die es EY zur Zeit nicht möglich machen, die Prüfungsarbeiten für das Geschäftsjahr 2020 vollständig abzuschließen und die Bilanz zu testieren. Aktuell sei nicht absehbar, ob und wann das Big-Four-Haus seine Arbeit werde abschließen können, heißt es in einer Ad-hoc-Mitteilung.

Auch wenn Ekosem offiziell seinen Hauptsitz in Walldorf bei Heidelberg hat, ist der Konzern operativ ausschließlich in Russland tätig. Er finanziert sich auch hauptsächlich mit Krediten von russischen Banken – aber seit über zehn Jahren eben auch mit in Deutschland begebenen Mittelstandsanleihen.  

Die große Bedeutung Russlands für Ekosem erschwert die Abschlussprüfung, die EY eigentlich in enger Abstimmung mit seiner russischen Schwestergesellschaft durchführen wollte, enorm, denn wie zuvor schon Deloitte, KPMG und PwC hat nun auch EY sein Russlandgeschäft abgetrennt. Die Wirtschaftsprüfer sind nicht als integrierte Konzerne mit jeweiligen Auslandstöchtern organisiert, sondern als globale Netzwerke unabhängiger Landesgesellschaften. Die russischen Mitgliedsgesellschaften von EY werden nun aus den globalen Netzwerken ausgeschlossen, zitiert die Nachrichtenagentur Bloomberg den Wirtschaftsprüfer.

Ekosem kämpft gegen russische Landwirtschaftsbank RSHB

Der Kriegsausbruch in der Ukraine ist nun schon der zweite Faktor, der den Abschluss der 2020er-Bilanz von Ekosem in die Länge zieht. Der Jahresabschluss verzögerte sich zunächst, weil ein Finanzierungsstreit mit der russischen Landwirtschaftsbank (Rosselkhozbank, RSHB) tobt. Die Bank behauptete, Ekosem sei mit Zahlungen im Verzug, und wollte sich über Call-Optionen von Anleihen die Mehrheit an den operativen Tochtergesellschaften in Russland schnappen – ein Enteignungsversuch, wie ihn auch andere westliche Konzerne in Russland schon miterleben mussten.

Dagegen wehrte sich Dürr gerichtlich, allerdings erfolglos: Ein Schiedsgericht in Woronesch hatte einen Antrag von Ekosem abgelehnt, der die Optionsvereinbarungen mit der Landwirtschaftsbank über den Erwerb von jeweils 99 Prozent der Anteile an den Tochtergesellschaften für nichtig erklären sollte.

Ekosem ist „nicht im Zahlungsverzug“

Doch kalt gestellt war Dürr damit noch nicht. Der wenig erfolgversprechende Versuch, gegen den richterlichen Beschluss vorzugehen, blieb Dürr zunächst erspart, weil sich Ekosem und die Rosselkhozbank überraschend doch auf eine Weiterfinanzierung der Ekosem-Gruppe einigen konnten, erklärte der Konzern des aus dem Odenwald stammenden Wahlrussen im Dezember.

Auch finanzielle Mittel für die Fertigstellung von drei Milchviehanlagen sowie für eine Reihe anderer Projekte, die einen hohen Fertigstellungsgrad aufweisen sollen, hätte die Rosselkhozbank zugesichert. Ekosem dementierte, dass sich damals Ekosem-Gesellschaften im Zahlungsverzug befanden, was die Kreditgeber als Anlass für den Übernahmeversuch angegeben hatten.  

Nun bedrohen aber auch noch die gegen Russland verhängten Finanzsanktionen die Unternehmensfinanzierung von Ekosem. Ob das Unternehmen theoretisch überhaupt dazu in der Lage wäre, Finanzmittel aus Russland herauszuschaffen, um damit die Zinszahlungen auf die deutschen Anleihen zu leisten, ist zweifelhaft.

Die Prognose für das laufende Geschäftsjahr 2022 hat das Unternehmen mit Blick auf die Unwägbarkeiten und Sanktionen jüngst bereits kassiert. Und der Ausblick ist in jeder Hinsicht düster, selbst unabhängig von dem wohl ausbleibenden Bilanztestat: Sollte Ekosem nun durch den Konflikt in handfeste Finanzierungsschwierigkeiten geraten, könnte die russische Staatsbank einen erneuten Enteignungsversuch starten.

melanie.ehmann[at]finance-magazin.de

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Melanie Ehmann ist Redakteurin bei FINANCE und verfolgt schwerpunktmäßig die aktuellen Entwicklungen am M&A- und Private-Equity-Markt. Sie hat Politikwissenschaften an der Technischen Universität Darmstadt studiert. Vor FINANCE arbeitete Melanie Ehmann sechs Jahre in der Redaktion des Platow Verlags, zunächst als Volontärin, später als Wirtschaftsjournalistin im Platow Brief und den Sonderpublikationen.

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