Durch Legal Tech verändern sich Investitionsschwerpunkte und Vergütungsstrukturen der Kanzleien. Doch der Datenschutz setzt dem Technologieeinsatz enge Grenzen.

the-lightwriter/iStock/Thinkstock/Getty Images

19.06.18
Banking & Berater

„Datenschutz setzt Legal Tech Grenzen“

Investitionen, Personal, Vergütung: Legal Tech verändert die Strukturen der großen Kanzleien. Doch der Datenschutz setzt ihnen dabei enge Grenzen, sagt Astrid Krüger, Managing Partner für Deutschland bei der Wirtschaftskanzlei Allen & Overy.

Alle größeren Kanzleien prüfen zurzeit, wie sie verschiedene Arbeitsschritte mit Legal Tech effizienter gestalten können. Wie geht Allen & Overy an das Thema heran?
Wir interessieren uns insbesondere für das Thema Datenaufbereitung und verfolgen technologische Entwicklungen wie Blockchain und künstliche Intelligenz, aber auch bestimmte Analyse-Tools. Wir laden regelmäßig Programmierer an unsere Standorte ein, deren Lösungen wir interessant finden, und lassen uns deren Arbeitsweise erklären. In unserem Londoner Büro können Start-ups auch bis zu zwölf Monate in unseren „Fuse“ genannten Räumen innerhalb der Kanzlei arbeiten und Anregungen aus dem Anwaltskollegium direkt aufnehmen.

Eng zu verfolgen, wie sich die verschiedenen Technologien entwickeln, ist sicherlich nicht günstig.
Legal Tech verändert das Geschäftsmodell der Kanzleien: Wir müssen plötzlich investieren und Forschungsbudgets bereitstellen. Das ist in vielen Branchen eine Selbstverständlichkeit, in der Anwaltswelt war es das bislang nicht. Wir haben ein globales Forschungs- und Entwicklungsbudget und einen sogenannten Digital Hub in London, dort laufen die Fäden zusammen. Parallel dazu haben wir ein eigenes Forschungs- und Entwicklungsbudget für die deutschen Büros der Kanzlei, weil wir auch lokal investieren möchten. Die genauen Summen nennen wir öffentlich allerdings nicht.

„Legal Tech verändert das Geschäftsmodell der Kanzleien.“

Astrid Krüger

Wie stellen Sie sicher, dass Sie durch lokale Investments keine Parallelwelten schaffen?
Wenn uns eine Lösung interessiert, müssen wir darauf achten, dass am Ende nicht zu viele verschiedene externe Anwendungen und womöglich auch noch selbstgeschriebene Programme nebeneinander stehen, weil dann viele Schnittstellen erforderlich würden. Grundsätzlich sollen alle gewählten Lösungen so gestaltet sein, dass sie auch von Kollegen in anderen Ländern genutzt werden können. Eine der Herausforderungen bei Legal Tech ist, dass es zurzeit einige große Anbieter wie Kira, Ravn oder Leverton gibt, daneben aber noch sehr viele zum Teil hochspezialisierte kleinere Anbieter.

Legal-Tech-Markt vor Harmonisierung

Werden die auf Dauer alle am Markt bestehen können?
Ich glaube, dass es am Legal-Tech-Markt eine Harmonisierung geben wird. Die Anbieter werden sich auf einige wenige Standards einigen müssen, um Schnittstellen zu minimieren und den Einsatz der Systeme auf Kanzleiseite zu vereinfachen. Im Moment wissen wir aber noch nicht, welcher Anbieter sich in fünf oder zehn Jahren am Markt durchgesetzt haben wird. Wir hoffen, bei unserer Auswahl auf die Richtigen zu setzen.

Viele Unternehmen stehen vor dem Problem, dass die verschärften Vorgaben der europäischen Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) den Einsatz von Analyseprogrammen erschweren. Wie ist das bei Ihnen?
Vor dieser Herausforderung stehen wir nicht erst seit Einführung der DSGVO. Wir arbeiten fast ausschließlich mit vertraulichen Daten. Der Datenschutz setzt Legal Tech enge Grenzen. Wir dürfen externen Diensten keinen Zugriff auf bestimmte Daten geben und dürfen nicht auf fremden Servern mit ihnen arbeiten. Das schränkt die Funktionalität mancher externer Analyse-Tools ein. Da kann es erforderlich sein, eigene Lösungen zu entwickeln, die wir in unserer Systemlandschaft uneingeschränkt einsetzen können. Oder man verzichtet bewusst auf bestimmte Funktionen. Manche Wahl kann der Mandant selbst treffen: Er kann ausdrücklich einwilligen, dass seine Daten durch ein Analyse-Tool automatisiert ausgewertet werden. Oder er lehnt dies ab, dann muss vielleicht mehr Arbeit manuell erfolgen.

Datenanalyse bietet Potential für Legal Tech

 

 

Legal Tech wird das Gesicht der Kanzleien verändern.“

Astrid Krüger

Die Entscheidung des Mandanten dürfte auch Auswirkungen auf seine Rechnung haben.
In erster Linie wollen Mandanten die Gewissheit, dass ein vorgegebener Kostenrahmen am Ende des Projekts eingehalten wird. Ich gehe davon aus, dass wir Budgets dank Legal Tech in Zukunft verlässlicher kalkulieren können. Es wird Bereiche geben, in denen wir verschiedene Modelle anbieten können – von komplett automatisierten Analysen durch Algorithmen über Mischformen bis hin zur Analyse, die komplett von Anwälten erarbeitet wurde. Automatisierte Analyseformen werden günstiger sein. Aber auch die Infrastruktur dafür muss finanziert werden.

In welchen Bereichen sehen Sie denn das größte Potential für weitere Automatisierungen?
Meine Wunschvorstellung ist eine künstliche Intelligenz, die in der Lage ist, bestimmte Vorgaben zumindest teilweise selbst in Verträge oder andere rechtliche Dokumente umzusetzen. In der Due Diligence ist künstliche Intelligenz bereits im Einsatz. Auch in der Datenanalyse ist viel Potential, etwa wenn man im Rahmen von Forensik-Fällen unstrukturierte Daten auf Unregelmäßigkeiten untersuchen muss. Ich gehe davon aus, dass Legal Tech das Gesicht der Kanzleien verändern wird. Wir werden künftig nicht mehr nur Juristen beschäftigen, sondern ganz selbstverständlich auch Informationsanalysten und Programmierer.

sabine.reifenberger[at]finance-magazin.de

Welche neuen Entwicklungen es in dem Bereich gibt und vor welchen Herausforderungen die Kanzleien zurzeit stehen, lesen Sie auf unserer Themenseite Legal Tech