In Großbritannien braut sich auf dem Wirtschaftsprüfermarkt etwas Bedrohliches zusammen – wird es auch Folgen für die deutsche Einheiten von KPMG, PwC, Deloitte und EY geben?

EY/KPMG/Deloitte/PwC

02.05.19
Banking & Berater

Big Four: Droht die Trennung von Prüfung und Beratung?

Nach mehreren Bilanzskandalen drohen den Big Four in Großbritannien eine Trennung zwischen Prüf- und Beratungseinheiten sowie verpflichtende Joint Audits. Welche Folgen hat das für KPMG, PwC, Deloitte und EY in Deutschland?

Den großen Prüf- und Beratungshäusern KPMG, PwC, Deloitte und EY (Big Four) stehen in Großbritannien harte Einschnitte bevor: Nach dem Willen der Wettbewerbsaufsicht CMA (Competition and Markets Authority) sollen die Häuser ihre Prüf- und Beratungsgeschäfte künftig operativ komplett voneinander trennen. Außerdem sollen sie große Konzerne künftig nur noch gemeinsam mit einem kleineren WP-Haus prüfen dürfen (Joint Audit). So lauten die zwei wichtigsten Vorschläge aus dem kürzlich vorgelegten Abschlussbericht der CMA.

Dem Report vorangegangen war eine über ein Jahr lang andauernde Diskussion in Großbritannien über die Frage, wie man die Prüfqualität der Big Four verbessern kann. Auslöser der Debatte waren mehrere große Bilanzskandale, darunter jener des britischen Baudienstleisters Carillion.

Big Four sollen nicht zerschlagen werden – vorerst

Nachdem die CMA bereits im Dezember einen ersten aufsehenerregenden Entwurf mit möglichen Maßnahmen vorgelegt hatte, steht nun der finale Bericht. Befürchtet wurde im Vorfeld, dass die Aufsicht eine Zerschlagung der Big Four fordern würde. Ganz so radikal sind ihre Forderungen jetzt zwar nicht, trotzdem dürften diese den Prüfern ordentlich zusetzen.

So sollen die Geschäftsbereiche Prüfung und Beratung künftig von separaten Boards geführt werden, mit separaten Bilanzen, Abschlüssen und Gehältern für die eigenen CEOs. Einnahmen aus dem jeweils anderen Geschäftsfeld dürfen dann nicht mehr hin- und hergeschoben werden.

Die Idee dahinter: Das Prüfungsgeschäft, das unter sinkenden Tagessätzen leidet, soll völlig unabhängig von dem lukrativen Beratungsgeschäft werden. Ein Vorwurf, mit dem die Big Four immer wieder zu kämpfen haben, lautet, dass die Prüfer bei ihren Testaten ein Auge zudrücken aus Angst, das wichtige Beratungsmandat bei dem gleichen Unternehmen zu verlieren. Allerdings stellt sich die Frage, ob die vorgeschlagenen Einschnitte dieses Problem wirksam lösen können, denn auch wenn die Geschäftsbereiche operativ getrennt werden, bleiben die Einnahmen aus dem Beratungsgeschäft für den Gesamtkonzern wichtig.

Wie die CMA in ihrem Bericht ausführt, war sie einer kompletten Zerschlagung tatsächlich nicht abgeneigt, hat das aber – vorerst – auf Eis gelegt. Sollten die jetzt empfohlenen Maßnahmen aber nicht fruchten, könnte das aber durchaus eine Option für die Zukunft sein, droht die Aufsicht.

CMA will Joint Audit durchsetzen

Als weiteren Grund für die vermeintlich schwache Qualität der Bilanzprüfungen sieht die CMA den geringen Wettbewerb in der Prüfungsbranche: In Großbritannien – wie auch in Deutschland – werden fast alle großen börsennotierten Konzerne von den Big Four alleine geprüft. Um die Marktkonzentration aufzubrechen, will die CMA daher alle Firmen aus dem britischen Aktienindex FTSE 350 dazu verpflichten, künftig zwei Prüfungshäuser zu mandatieren – ein Big-Four-Haus sowie einen kleineren, mittelständischen Konkurrenten. In Großbritannien sind das vor allem Grant Thornton und BDO, die damit zu den großen Nutznießern der geplanten Reform werden könnten.

Bei diesen Joint Audits würden beide Prüfer gleich stark für die Ergebnisse haften, was jedoch nicht bedeutet, dass beide alle Sachverhalte gleich intensiv prüfen. Durch das „Vier-Augen-Prinzip“ soll die Qualität der Prüfungen verbessert werden. Eine Ausnahme soll es nur für die allergrößten Konzerne geben, deren Bilanzen zu komplex für die kleineren Prüfer wären.

Die CMA hofft, dass die mittelständischen Prüfer im Zuge der Joint Audits nach und nach Expertise bei der Prüfung von Großkonzernen aufbauen und langfristig zu einer veritablen Alternative zu den Big Four werden. Diese Maßnahme will die CMA daher so lange gelten lassen, bis sich die Wettbewerbssituation verbessert hat.

Als dritte Maßnahme schlägt die CMA eine neue Prüferaufsichtsbehörde vor. Der Financial Reporting Council (FRC) war zuletzt in die Kritik geraten, weil er als zahnlos gilt. Zudem sollen die Prüfungskomitees bei den Unternehmen stärker zur Verantwortung gezogen werden.

Das britische Wirtsministerium hat nun 90 Tage Zeit, um zu den Vorschlägen der CMA Stellung zu nehmen und einen Gesetzesentwurf vorzulegen. Besonders brisant sind die teils drastischen Maßnahmen angesichts dessen, dass erst 2016 EU-weit eine Prüferreform eingeführt wurde, die die Prüfqualität eigentlich stärken sollte. Dazu gehören unter anderem eine stärkere Trennung von Prüfung und Beratung beim gleichen Mandanten sowie die Abschlussprüferrotation.

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EY und Deloitte UK kritisieren den Eingriff

Aus der Branche hagelt es – wenig überraschend – Kritik für die Vorschläge. EY UK kritisierte, dass „es keinen Beweis gibt, dass Joint Audits tatsächlich die Prüfqualität heben“. EY sprach sich zudem vehement gegen die operative Trennung von Prüfung und Beratung aus: Sie würde „die Widerstandsfähigkeit des Prüfgeschäfts verringern“ und könnte sich ebenfalls negativ auf die Prüfqualität auswirken, da die Bilanzprüfung von den Erkenntnissen aus der Beratung profitiere. Ähnlich negativ äußerte sich Deloitte UK.

Auch in Deutschland scheucht das Thema die WP-Branche auf – denn es ist noch völlig unklar, welche Folgen die hitzige Debatte in Großbritannien für die deutschen Einheiten von KPMG, PwC, Deloitte und EY haben könnte. Sollten die von der CMA vorgeschlagene Maßnahmen tatsächlich Gesetz in Großbritannien werden, müssten die deutschen Einheiten diese zwar nicht befolgen, denn die Big Four sind international in einem Netzwerk aus rechtlich unabhängigen Einheiten organisiert.

„Es könnte aber Ausstrahlungseffekte geben“, glaubt Klaus-Peter Naumann, Vorstandssprecher des Instituts der Wirtschaftsprüfer (IDW). „Die Big-Four-Einheiten haben sich international auf die gleiche Governance verständigt. Sie werden dann überlegen müssen, wie sie neuen Gegebenheiten aus UK darin berücksichtigen.“ Pikant: Eigentlich betonen die Big Four immerzu genau diese Einheitlichkeit der Prüfungs- und Beratungsstandards über alle Länder hinweg.

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IDW sieht keine Parallelen zwischen Deutschland und UK

Tatsächlich wäre es nicht das erste Mal, dass die Gesetzgebung in einem Land die Big-Four-Einheiten anderer Länder beeinflusst: Nachdem sich beispielsweise im Zuge des Bilanzskandals beim US-Energiekonzern Enron 2001 die Big Four in den USA von ihren Beratungsarmen trennen mussten, haben es ihnen PwC, EY und KPMG in Deutschland gleich getan, obwohl sie dazu nicht gesetzlich verpflichtet gewesen wären. In den vergangenen Jahren haben ebendiese Häuser ihre Beratungseinheiten aber wieder massiv ausgebaut, was – ähnlich wie in Großbritannien – auch hierzulande Kritiker auf den Plan ruft.

Dennoch sei die Situation in Deutschland eine ganz andere als in Großbritannien, beschwichtigt Naumann: „Dort gab es zuletzt viele Bilanzskandale und Fehlerfeststellungen in den Abschlüssen. Das ist hierzulande nicht so, deshalb haben wir auch keine solchen Diskussionen.“ Gleichwohl zeigt die Erfahrung: Wenn sich die Konjunktur abschwächt, steigt auch das Risiko für Bilanzskandale. Und die Entwicklungen in Großbritannien machen deutlich, wie schnell schon einige wenige prominente Bilanzskandale die geltende Marktregulierung ins Wanken bringen können. 

julia.schmitt[at]finance-magazin.de

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