Gute Stimmung bei der Eintracht nach dem Siegtor gegen den SC Freiburg: Gegner wie Freiburg muss die Elf aber auch hinter sich lassen, sonst könnte es eng werden mit der Agenda 2020 von Eintracht-CFO Axel Hellmann.

Eintracht Frankfurt

04.09.14
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Eintracht Frankfurt: Der Anti-HSV

Selbst nach einem Europacup-Jahr und einem Rekordgewinn von 9 Millionen Euro sind bei Eintracht Frankfurt keine großen Sprünge drin. Trotzdem verliert die Klubführung nicht die Nerven – und hofft auf 2020. Dann soll finanziell alles besser werden.

So hätte der Vortrag von Axel Hellmann, dem Finanzvorstand der Eintracht Frankfurt Fußball AG, Mitte August bei der Bilanzvorstellung auch aussehen können: Nachdem der Umsatz dank der Europapokalteilnahme in der vergangenen Saison von 75 auf 99 Millionen Euro gestiegen ist, will die Eintracht jetzt das große Rad drehen, Investoren an Bord holen und 30 Millionen in Neueinkäufe stecken.

So ginge die Geschichte, wenn Eintracht Frankfurt so wirtschaften würde wie der Hamburger SV. Dabei unterscheidet die beiden Klubs nicht nur das Geschäftsgebaren, sondern auch die Bilanz. Während die Eintracht schuldenfrei ist, schleppen die Hamburger Schulden von 100 Millionen Euro mit sich herum. Trotzdem hauen die überragend in die neue Saison gestarteten Hamburger die Kohle raus, als würde in Deutschland morgen wieder mit Zigaretten und Strumpfhosen bezahlt werden.

Die Eintracht profitiert von der Europa League

Umsatz und Lizenzspieleretat in Mio. €, 2014/15: Plan

Quelle: Eintracht Frankfurt Fußball AG

Die Eintracht operiert am Rande des Möglichen

Dabei ist es nicht so, dass die Eintracht das Risiko scheuen würde. Obwohl der Lizenzspieleretat schon in der vergangenen Saison von 27 auf 31 Millionen Euro erhöht worden ist, stocken Finanzchef Hellmann und Eintracht-Boss Heribert Bruchhagen den Topf für die laufende Saison 2014/15 um weitere 3 Millionen Euro auf. Dadurch – vor allem aber wegen der fehlenden Europacup-Gelder – droht aus dem Nachsteuergewinn von 9 Millionen Euro, der in der Saison 2013/14 erwirtschaftet wurde, dieses Jahr wieder ein dickes Minus von bis zu 6 Millionen Euro zu werden.

Die Planung ist konservativ, enthält keine Einnahmen aus Transfers und dem DFB-Pokal (was jetzt schon Makulatur ist), aber sie zeigt: In einer normalen Saison droht ein Spieleretat von 34 Millionen Euro die Eintracht schon in die Verlustzone zu drücken.   

Das aktuelle Operieren am Rande des wirtschaftlich Möglichen hat auch Folgen für die Bilanz. Tritt Hellmanns Worst-Case-Szenario ein, würde das Eigenkapital von 12 auf 5 Millionen Euro abschmelzen. Zum Vergleich: Der auf großem Fuß lebende HSV hat nicht nur 100 Millionen Euro Schulden, die Bilanz des Klubs der ehrbaren hanseatischen Kaufleute zeigt auch einen nicht durch Eigenkapital gedeckten Fehlbetrag von 17 Millionen Euro. Zwar besitzen die Hamburger ein fast abbezahltes Stadion und die Frankfurter nicht, aber das ändert nur wenig an dem grundlegend unterschiedlichen Bild. 

Das Eintracht-Merchandising wächst, ist aber zu klein

Doch die aktuelle Investorenwelle, die durch die Bundesliga rollt, bringt auch Eintracht Frankfurt in Zugzwang. CFO Hellmann sieht den Wettbewerb durch „Kapitalisierungsmaßnahmen“ von Konkurrenten „verzerrt“ – er wird dabei auch an Klubs wie Hertha BSC oder Borussia Dortmund denken. Er klage und jammere nicht, betont er: „Aber wir müssen eine Strategie dazu entwickeln.“

Die aktuelle Lage sieht so aus: Die Ticket- und Werbeeinahmen sind ausgereizt, sagt Hellmann. Und die TV-Gelder wachsen wegen des neuen Vertrags mit Sky nicht nur bei der Eintracht, sondern bei allen Bundesliga-Klubs. Hier könnte die Eintracht nur dann an Boden gewinnen, wenn sie dank guter Tabellenplatzierungen im TV-Ranking aufrücken würde – oder durch bessere Deals in der Auslandsvermarktung. Doch das sind aktuell nur Hoffnungswerte.

Besser sieht es im Merchandising aus, wo die Eintracht kontinuierlich wächst und inzwischen Einnahmen von 6 Millionen Euro pro Saison erzielt. Aber selbst wenn die Eintracht hier weiter dynamisch zulegen könnte – diese Ertragssäule wird bei einem Gesamtumsatz von rund 80 Millionen Euro den Handkäs nicht fett machen, wie man in Frankfurt sagt.

Und auch die Transfereinnahmen aus den Verkäufen von Jung, Schwegler und Kempf – in der abgelaufenen Saison rund 4 bis 5 Millionen Euro – bieten kein nennenswertes Aufwärtspotential, zumal solchen Einnahmen in der Regel auch Transferausgaben gegenüber stehen, um die Abgänge zu kompensieren. 

Der Schlüssel für mehr Geld liegt im Stadion

Der Schlüssel für die Eintracht, um auf eine neue Stufe zu kommen, liegt im Stadion. Für dessen Nutzung zahlt die Eintracht rund 9 Millionen Euro pro Saison, mehr als ein Zehntel des normalen Jahresumsatzes ohne Europacup-Einnahmen. Das ist im Bundesligavergleich ein Spitzenwert.

Noch gravierender ist, dass die Eintracht von den Millionen, die mit der Arena erwirtschaftet werden, so gut wie nichts abbekommt. Bislang zum Beispiel sieht die Eintracht von den Namenserlösen keinen Cent. Nächsten Sommer aber läuft der Vertrag mit dem Namensgeber des Stadions, der Commerzbank aus. Der nächste Vertrag dürfte höher dotiert sein. Hellmann hofft, dass die Eintracht dann von diesen Zusatzeinnahmen etwas abbekommen wird.

Richtig vergrößern werden sich die finanziellen Möglichkeiten der Adler aber erst, wenn im Jahr 2020 der seit 2005 laufende Vertrag mit der Vermarktungsfirma Sportfive ausläuft, die einen Großteil der Rechte rund um den Stadionbetrieb wie beispielsweise das Catering kontrolliert. Dann winken der Eintracht entweder eine satte Signing Fee für einen neuen Vermarktungsvertrag – oder jährliche Zusatzeinnahmen im hohen einstelligen Millionenbereich, wenn sie die Vermarktung selbst in die Hand nimmt.

Und noch besser: 2020 endet auch die komplexe Vereinbarung rund um die Stadionnutzung, die die Eintracht bislang von den großen Einnahmeströmen fernhält. Ohne Zweifel ist 2020 das Jahr, dem Hellmann und Bruchhagen entgegenfiebern. 

Finanzchef Hellmanns Agenda 2020

Hellmanns aktuelles Handeln scheint stark darauf ausgerichtet zu sein, die Eintracht bis dahin in eine starke Verhandlungsposition zu bringen. „Unser oberstes Prinzip ist es, bis 2020 schuldenfrei zu bleiben, damit wir dann alle Optionen zur Verfügung haben“, erklärt er seine Strategie. Es wird für die Eintracht ein Drahtseilakt werden, das durchzustehen, ohne den Anschluss an die allesamt aufrüstenden Konkurrenten im Mittelfeld der Bundesliga zu verlieren.

Aber im Gegensatz zum HSV hat Eintracht Frankfurt auf der Finanzseite noch eine Menge Puffer nach unten, um bis 2020 durchzukommen. Was der HSV längst ausgeschöpft hat, liegt bei der Eintracht noch im Arsenal, zum Beispiel eine Kapitalerhöhung mit externen Investoren oder hohe Investitionen in den Kader. Während in Hamburg ganz hoch gereizt wird, verstehen Hellmann und Bruchhagen es, auch mal gekonnt zu passen. In ein paar Jahren wird man sehen, welche Strategie die richtige ist.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Investorensuche beim BVB, Verdeckte Finanzspritzen für den 1.FC Kaiserslautern, Finanz-Irrsinn beim Hamburger SV: Mehr Beiträge aus dem FINANCE-Blog „3. Halbzeit“ finden Sie hier. Folgen Sie der 3. Halbzeit auch auf Facebook und diskutieren Sie mit.

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