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Elgeti siegt im Machtkampf bei Francotyp

Der Finanzinvestor Rolf Elgeti hat den Machtkampf bei Francotyp-Postalia für sich entschieden.
Francotyp-Postalia

Rüdiger Andreas Günther ist nicht mehr CEO und CFO des Berliner Maschinenbauers Francotyp-Postalia (FP). Auf der gestrigen Hauptversammlung suchte der fast 30 Prozent der Aktien kontrollierende FP-Großaktionär Obotritia Capital, hinter dem der Finanzinvestor Rolf Elgeti steht, die Entscheidung im Machtkampf mit Günther – und fand sie. Obotritias Antrag, Günther abzuberufen, wurde von einer deutlichen Mehrheit (85 Prozent) angenommen. Mit der gleichen Mehrheit wurde Günther von der Hauptversammlung auch die Entlastung für das Geschäftsjahr 2019 verweigert.

Zwar sah Günther dennoch „nach wie vor keinen Grund zurückzutreten“, wie er nach der HV ausrichten ließ. Er „freue sich auf die Zusammenarbeit mit dem neu zusammengesetzten Aufsichtsrat“. Doch am Abend des Tages nach der HV wurde er vom Aufsichtsrat abberufen.

Mehr als ein Jahr lang betrieb Elgeti die Ablösung des früheren Claas- und Jenoptik-Finanzchefs, der seit 2016 Francotyp-Postalia führt. Gegenüber FINANCE begründete der frühere TAG-Immobilien-Chef seinen Vorstoß damals so: „Unser Vertrauen in den Vorstandsvorsitzenden ist nachhaltig erloschen. Aus unserer Sicht ist auch Eile geboten.“

Lars Wittan wird Aufsichtsrat

Im Februar eskalierte Elgeti dann den Konflikt und rief offiziell zu Günthers Ablösung auf. Doch der Ausbruch der Corona-Epidemie verhinderte das dafür notwendige Zusammenkommen der Aktionäre, und Günther gelang es, Elgeti auf Abstand und sich im Amt zu halten – auch mit Hilfe robuster Geschäftszahlen. 

Elgeti konnte nun aber nicht nur Günther stürzen – ihm gelang es außerdem, Lars Wittan in den FP-Aufsichtsrat zu hieven. Wittan ist Chief Investment Officer von Obotritia Capital und war von 2012 bis 2014 Finanzchef der Deutschen Wohnen. Auch bei der Personalie Wittan stimmte neben Obotritia Capital auch die Mehrzahl der übrigen Aktionäre im Sinne von Elgeti ab.

Günther kämpfte um seinen Job bei Francotyp-Postalia

Zuvor hatte Günther noch gekämpft, Elgeti kritisiert und für seine Position geworben. „Wir haben der FP eine Zukunft gegeben, die Ärmel hochgekrempelt und losgelegt“, warb Günther für sich. Er appellierte an die Aktionäre, „keine Experimente zuzulassen“.

Günther und Elgeti werfen sich gegenseitig Intransparenz vor. Doch während die Geschäftsberichte von FP durchaus ausführlich sind, hat Elgeti bis heute keine Auskunft zu seinen strategischen Vorstellungen von der Zukunft des Traditionsunternehmens gegeben.

Vor allem aber bemängelt Elgeti, dass Günthers Unternehmensstrategie, insbesondere der Aufbau neuer digitaler Geschäftsfelder, nicht die versprochenen Ergebnisse gebracht habe.

Günther räumte in seiner Rede vor den Aktionären ein, „dass die digitalen Aktivitäten noch nicht abgehoben haben“, verwies aber darauf, dass Francotyp-Postalia dafür im eigentlich schrumpfenden Stammgeschäft mit Frankiermaschinen seit seinem Amtsantritt im großen Stil Marktanteile gewonnen habe. In Summe sei 2019 „ein Rekordjahr“ gewesen.

FINANCE-Köpfe

Rüdiger Andreas Günther, Francotyp-Postalia Holding AG

1985 startet Günther seine berufliche Laufbahn als Investmentbanker und Country Manager bei der Continental Bank of Chicago. Ab 1988 zunächst als Bereichsleiter, später dann als Leiter des Zentralbereichs Finanzen von Metro setzt Günther Schwerpunkte in der Akquisitionsfinanzierung. Weitere Schwerpunkte sind die Etablierung des Finanz-Controllings, einer Risk-Management-Funktion und eines MIS-Systems für Finanzrisiken.

Bei dem Landmaschinenhersteller Claas durchläuft Günther ab 1993 verschiedene Managementfunktionen bis zum CFO und wird später auch noch Sprecher der Geschäftsführung. Mit der Übernahme von Renault Agriculture initiiert Günther den internationalen Geschäftsaufbau der Claas Gruppe und finanziert den Wachstumskurs mit innovativen Finanzierungsinstrumenten.

2007 geht Günther als CFO und Arbeitsdirektor zu dem Dax-Konzern Infineon. Dort baut er unter anderem eine Defense-Strategie gegen Hedgefonds und unfreundliche Investoren auf. Im Jahre 2008 wird er als CFO in den Vorstand von Arcandor berufen, um einen Sanierungsplan zu erarbeiten, der die Verselbstständigung der verschiedenen Unternehmensteile Thomas Cook, Karstadt und Quelle zum Ziel hat.

Im April 2012 wird Günther CFO des Technologiekonzerns Jenoptik, wo er die ERP-Struktur des Unternehmens mit Hilfe eines neuen SAP-Systems modernisiert. Das Projekt hat eine Laufzeit von fünf Jahren und ein Budget von über 20 Millionen Euro. Günther verlässt Jenoptik im März 2015 und übernimmt im Januar 2016 den Vorstandsvorsitz bei dem Frankiermaschinenhersteller Francotyp-Postalia. Wie bereits sein Vorgänger übernimmt er dort gleichzeitig auch die Leitung des Finanzressorts. Im November 2020 unterliegt er in einem Machtkampf mit dem Großaktionär Rolf Elgeti und kehrt dem Berliner Unternehmen den Rücken.
   

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Auch im Corona-Jahr 2020 hielt sich Francotyp-Postalia bislang unerwartet gut: Die Rückgänge bei Umsatz und Ergebnis halten sich im einstelligen Prozentbereich, der Free Cashflow liegt nach neun Monaten sogar über dem Vorjahresniveau. 

Warum AOC das Vertrauen in Günther verlor

Eine Erklärung, warum neben Obotritia auch noch viele andere Aktionäre gegen Günther votierten, dürfte der Seitenwechsel des zweiten Großaktionärs sein, der Investmentgruppe AOC. Deren Chef Klaus Röhrig war bis gestern Aufsichtsratschef von FP und hatte im Frühjahr vergangenen Jahres Günther noch mit einem neuen Vertrag bis 2023 ausgestattet. Doch schon kurze Zeit später rückte er von Günther ab. Auch AOC (Beteiligungshöhe: 9,5 Prozent) stimmte gestern gegen Günther.

Während der HV erklärte Röhrig, warum. Er sprach von Zeit- und Kostenbudgetüberschreitungen bei der Einführung eines neuen ERP-Systems, die er Günther anlastete. Diese hätten im vergangenen Herbst seinen Sinneswandel bewirkt.

Zudem gab Röhrig an, dass Günther in diesem Frühjahr einen Aufhebungsvertrag abgelehnt habe, der ihm eine Abfindung von 1 Million Euro gewährt hätte. Günther argumentierte damals damit, das Vertrauen der Belegschaft zu genießen und in dieser schwierigen Zeit nicht von Bord gehen zu wollen. Röhrig behauptete, Günther sei die Abfindung „nicht ausreichend erschienen“. Da er dies in seiner Eigenschaft als Aufsichtsratschef bei der Beantwortung der Aktionärsfragen tat, hatte Günther keine Gelegenheit, seine Sicht der Dinge zum Thema Abfindung darzulegen.

Carsten Lind: Der Mann mit dem „CEO contract“

Damit läuft nun alles auf Carsten Lind als neuen Vorstandschef hinaus: Obwohl Günther im Frühjahr sein Ausscheiden ablehnte und auf seinem Posten blieb, holte der Aufsichtsrat den Dänen schon im Juni als designierten Günther-Nachfolger in den Vorstand. Seitdem kassierte Lind Gehaltszahlungen von fast 200.000 Euro (ohne Boni), hatte aber so gut wie keinen Einfluss. Fragen von Analysten zu seinem Aufgabenbereich und seinem Mehrwert für FP wich Lind seitdem konsequent aus („I have a CEO contract“).

Auch bei seiner gestrigen HV-Rede blieb er Details zu seiner Strategie schuldig. Er kritisierte, dass das „Potential im Digitalgeschäft nicht gut genug gehoben“ worden sei, verzichtete aber auf schärfere Kritik an Günthers Leistung. Darüber hinaus bemängelte er die aus seiner Sicht „fragmentierte Unternehmensstruktur“ und die veraltete IT-Landschaft. 

Ein Verkauf des Kerngeschäfts könnte hohe stille Reserven offenlegen, so niedrig ist die Bewertung von Francotyp-Postalia.

Zerschlägt Lind Francotyp-Postalia?

Linds Ausführungen dürften nicht konkret genug gewesen sein, um die kursierenden Spekulationen um die Zukunft von Francotyp-Postalia zurückzudrängen. Da Lind von dem Turnaround-Finanzinvestor Bavaria Industries kommt und über einschlägige M&A-Erfahrungen in der Frankiermaschinenbranche verfügt, machen am Berliner Konzernsitz seit seinem Auftauchen Zerschlagungsgerüchte die Runde. Lind und Elgeti werden Verkaufspläne für das Kerngeschäft mit Frankiermaschinen unterstellt. Elgeti hat sich zu diesen Mutmaßungen nicht öffentlich geäußert. Lind sagte gestern lediglich, dass er der Meinung sei, dass der Software-Anteil am Geschäft von FP ausgebaut werden müsse.

Ein Verkauf des profitablen, gut laufenden Kerngeschäfts könnte erhebliche stille Reserven offenlegen: Der gesamte FP-Konzern kommt derzeit inklusive Schulden auf einen Unternehmenswert von weniger als 80 Millionen Euro. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete FP ein Ebitda von 33 Millionen Euro, in diesem Jahr dürften es rund 25 Millionen werden. Ein Großteil davon dürfte aus dem Kerngeschäft stammen. Schon bei einem Ebitda-Multiple von 5-6x könnte ein solcher M&A-Deal doppelt so viel erlösen, wie FP in den Augen der Börse aktuell wert ist.

Ein solcher Deal würde FP allerdings seiner Cash-Cow berauben, was auch Auswirkungen auf die Finanzierung haben könnte. Günther, dessen Markenzeichen als CFO es ist, seinen Unternehmen zügig den finanziellen Spielraum zu erweitern, hat Francotyp Kreditlinien über 200 Millionen Euro gesichert – ein mehr als komfortables Finanzpolster. Doch eine als Start-up-Investor im Kryptologiesektor tätige Francotyp-Postalia hätte ein anderes Kreditprofil als der Cash-starke Maschinenbauer, der der Konzern jetzt ist. Mit Günthers absehbarem Abgang dürften die Fragen nach der künftigen Geschäfts- und Finanzierungsstrategie noch lauter werden.      

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Info

Mehr über Vita und Karriere-Highlights des Francotyp-Chefs finden Sie im FINANCE-Köpfe-Profil von Rüdiger A. Günther.

Update 17:08 Uhr:
Am frühen Abend gab der neu formierte Aufsichtsrat bekannt, CEO Rüdiger Günther abberufen zu haben. Neuer CEO ist Carsten Lind.

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Michael Hedtstück ist Chefredakteur von FINANCE-Online und FINANCE-TV und verantwortet die Online-Aktivitäten des FINANCE-Magazins. Er ist zweifacher Träger des Deutschen Journalistenpreises.

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