Seit zwölf Jahren ist Ulrich-Nicolaus Kranz bei dem Autozulieferer Kiekert, Ende des Monats geht der CFO jedoch.

Kiekert

18.12.18
CFO

Kiekert-CFO Kranz blickt in den Rückspiegel

Liquiditätsengpässe, emotionale Hedgefonds, Verkauf nach China: Der scheidende CFO Ulrich-Nicolaus Kranz hat bei dem Autozulieferer Kiekert zwölf turbulente Jahre hinter sich. Mit FINANCE lässt er die Zeit Revue passieren.

Ulrich-Nicolaus Kranz befindet sich auf der Zielgeraden seiner Zeit bei dem Autozulieferer Kiekert. Ende des Jahres verlässt der seit etwas mehr als einem Jahr amtierende Finanzchef das Unternehmen mit Sitz in Heiligenhaus (Nordrhein-Westfalen). Kiekert und Kranz kennen sich aber schon deutlich länger.

Vor nunmehr zwölf Jahren war Kranz zum Türschlosshersteller gegangen. Seinerzeit befand sich das Traditionsunternehmen in einer sehr schwierigen Lage und kämpfte mit erheblichen Ertrags- und Liquiditätsproblemen. Der Finanzinvestor Permira hatte den Mittelständler zur Jahrtausendwende gekauft und Kiekert hohe Schulden aufgebürdet. Die Zinsen konnte Kiekert 2006 dann nicht mehr bedienen.

Permira verkaufte Kiekert Ende 2006 an eine Gläubigergruppe um die Finanzinvestoren Bluebay, Silver Point und Morgan Stanley. In diesem Zuge kam auch Kranz, der zuvor für die Unternehmensberatung Droege tätig gewesen war, als Restrukturierungschef (CRO) zusammen mit einem neuen Vorstandsteam ins Unternehmen. Trotz der miserablen Situation war die Lage aus Kranz’ Sicht nicht aussichtslos: „Die Marke Kiekert war im Kern gesund. Im Management haben wir schnell das Potential erkannt, das das Unternehmen mitbrachte“, erinnert er sich jetzt im Gespräch mit FINANCE.

Kranz hat Kiekerts Finanzen restrukturiert

Um das Leistungsvermögen der Heiligenhauser zu realisieren, verantwortete Kranz die Restrukturierung der Finanzen. „Wir hatten noch erhebliche Kredite, die wir refinanzieren konnten.“ Bei den Partnern habe man große Verzichte erreicht und zu „sehr viel günstigeren Zinssätzen“ neufinanziert, so der Sanierer.

Zudem habe der Zulieferer zu großen Teilen noch „im Hochlohnland Deutschland“ produziert, wie Noch-CFO Kranz erklärt. Im Zuge der operativen Restrukturierung hat Kiekert daher die Wertschöpfung in einen Standort nach Tschechien verlegt. Rund 200 Arbeitsplätze wanderten dabei in das Nachbarland ab. Außerdem initialisierte und verantwortete Kranz in dieser Zeit ein globales Sourcing-Konzept zur Verringerung der Materialkosten.

„Finanzkrise hätte Kiekert in die Knie gezwungen.“

Ulrich-Nicolaus Kranz, Kiekert-CFO

Die eingeleiteten Maßnahmen griffen gerade noch rechtzeitig. 2008 brach die Finanzkrise aus, die besonders die Autoindustrie schwer traf. „Die Lehman-Pleite hat uns wie so viele Unternehmen hart getroffen.“ Zwischenzeitlich sank der Kiekert-Umsatz, der vor der Insolvenz der Großbank erstmals seit langem wieder gestiegen war, um 30 Prozent. „Ohne die vorherige Restrukturierung hätte diese Krise Kiekert in die Knie gezwungen“, sagt Kranz rückblickend. Doch Kiekert überlebte.

Kiekert verkauft sich nach China

So konnte sich Kranz nach der Rolle des Sanierers einer neuen Aufgabe zuwenden: Er wurde 2009 Strategiechef. In dieser Funktion führte er die Pläne für die Internationalisierung des Türschlossherstellers fort. Bereits 2008 hatten die Nordrhein-Westfalen einen Standort in China aufgebaut, zusätzlich ging es für Kiekert später nach Südkorea und Russland.

Die Geschäfte entwickelten sich gut, allerdings hatten die Kiekert-Besitzer Bluebay, Silver Point und Morgan Stanley kein langfristiges Interesse mehr an ihrer Beteiligung. Der Verkauf verlief jedoch für Hedgefonds ungewöhnlich: Sie hätten eine große „emotionale Nähe“ zu dem Unternehmen gezeigt, wie Kranz es nennt, und strebten keinen klassischen Verkaufsprozess an. „Sie wollten nicht den letzten Millionenbetrag aus der Beteiligung quetschen.“

Das atypische Verhalten der Finanzinvestoren erklärt CFO Kranz so, dass Bluebay und Co. den Fonds seinerzeit schon geschlossen hatten. Zudem hatten sich die Geldgeber über die Debt-Seite zu deutlichen Abschlägen eingekauft. Über einen klassischen Debt-to-Equity-Swap hatten sie sich dann die Anteile an Kiekert gesichert. Entsprechend hatten sie schon Gewinn mit dem Kiekert-Investment erzielt.

Den Verkauf legten die damaligen Eigner in die Hände von Kranz, der genaue Vorstellungen hatte. „Der neue Gesellschafter sollte seinen Fokus im asiatischen Markt haben, aber nicht in unserem Produktsegment tätig sein“, sagt er. Am Ende wurde man in China fündig: Der staatliche Autozulieferer Lingyun kaufte Kiekert 2012. Besonders stolz ist Kranz darauf, dass der M&A-Prozess ohne externe Berater abgewickelt wurde.

M&A-Markt ist für Kiekert attraktiv

Durch den neuen Eigner hat sich für Kiekert der asiatische Markt nochmal mehr geöffnet. In den vergangenen Jahren hat das Unternehmen starkes Wachstum verzeichnet und machte mittlerweile 830 Millionen Euro Umsatz im Jahr 2017 – doppelt so viel wie vor zwölf Jahren.

Bevor Kranz ausscheidet, hat er die vergangenen Monate gemeinsam mit Kiekert-Chef Guido Hanel noch die Pläne für die nächsten zehn Jahre ausgetüftelt. Kiekert will sich weg vom reinen Türschlosshersteller entwickeln, wie der CFO erklärt. „Das Unternehmen soll sich weiterhin zu einem Systempartner von OEMs entwickeln und die Innovationsführerschaft ausbauen“, sagt Kranz. Man wolle beim Einstieg in Fahrzeuge die „Chancen der zunehmenden Elektrifizierung“ nutzen, dabei sollen die Themen Mechatronik, Sensorik und Software eine zentrale Rolle spielen.

Damit das gelingt, will Kiekert auch M&A-seitig aktiv sein: „Anorganisches Wachstum wird nicht ausgeschlossen“, sagt der scheidende CFO Kranz. „Wir wollen Kompetenz aufbauen und kaufen daher eher keine Wettbewerber, sondern Unternehmen, die unser Portfolio mit zusätzlicher Kompetenz ergänzen.“

„Wir hängen nicht am finanziellen Tropf von Lingyun.“

Ulrich-Nicolaus Kranz, Kiekert-CFO

Dass Kranz in seinen letzten Tagen im Amt selbstbewusst auftreten kann, liegt auch daran, dass Kiekert laut eigener Aussage finanziell genesen ist: „Wir sind eigenständig finanziert und hängen nicht am finanziellen Tropf von unserem Gesellschafter Lingyun“, erklärt er. Wie hoch die Verschuldung ist, möchte Kranz aber nicht sagen.

Kranz’ nächste Station ist noch unbekannt

CFO Kranz hat Kiekert gemeinsam mit seinem Vorstandsteam saniert, internationalisiert und könnte das Unternehmen nun weiter für die Zukunft aufstellen. Bleibt die Frage, warum er geht. Mit 50 Jahren könnte er Kiekert im nächsten Jahrzehnt nach seinen Wünschen weiter umbauen. Stattdessen lässt er seinen Vertrag auslaufen und übergibt die Aufgabe seinem seit wenigen Tagen bekannten Nachfolger Jérôme Debreu. Laut eigener Angabe hat Kranz sich noch nicht für einen neuen Job entschieden.

Bei der Begründung für den Weggang bleibt er vage: „Ich habe überlegt, wie ich die nächsten zehn Berufsjahre gestalte. Die weitere Tätigkeit bei Kiekert hätte mich mehrere Jahre gebunden“, sagt er. „Ich habe hier für mich aber alles erreicht, was ich erreichen wollte und möchte mich neuen Karriereperspektiven und Herausforderungen stellen.“

jakob.eich[at]finance-magazin.de