Welche Hürden erlebt eine Finanzchefin auf dem Weg nach oben? Der vierte Teil unserer Serie „Frauen in Finance“ mit Sanofi-Deutschland-CFO Evelyne Freitag.

Oliver Betke 2016

04.09.18
CFO

„Quoten beschleunigen Veränderungen“

Mehr Mut zu bunten Lebensläufen ist das Credo der Sanofi-Deutschland-Finanzchefin Evelyne Freitag. Welche Hürden sie selbst auf dem Weg zum CFO-Posten überwinden musste und wie sie Vorurteile abbauen möchte, berichtet sie für unsere Serie „Frauen in Finance“.

Frau Freitag, Sie sind seit April 2017 CFO bei Sanofi Deutschland. Frauen auf dem CFO-Posten sind in der deutschen Unternehmenslandschaft noch deutlich in der Minderheit. Haben Sie den Eindruck, dass das Geschlecht beim Aufstieg in den Vorstand nach wie vor eine Rolle spielt?
Es wäre dumm, sich den wissenschaftlichen Erkenntnissen zu verschließen, denen zufolge es bewusste und unbewusste Vorurteile gibt. Offenbar werden in allen Bereichen Leistungen von Männern und Frauen unterschiedlich bewertet. Diesen „Bias“ gilt es abzubauen, auch indem man sich selbst permanent hinterfragt und Unternehmenskulturen etabliert, die für einen fairen Umgang mit allen Mitarbeitern förderlich sind.

Zu viel Fokus auf Finanzfachwissen

Wie sollte eine solche Unternehmenskultur Ihrer Meinung nach aussehen?
Wenn eine Organisation im Top- und Mittel-Management offen ist, sind ungewöhnliche Sichtweisen – egal ob männlich, weiblich, ethnisch, biographisch oder sonstwie geprägt – eine willkommene Bereicherung. Leider legen Finanzer häufig noch viel zu viel Wert allein auf Finanzfachkenntnisse. Finanzchefs sollten aber auch Menschen mit ungewöhnlichen Lebenswegen Mut machen, ihr Glück in der Finanzabteilung zu suchen.

Was lässt sich dadurch erreichen?
Es bedarf heute immer stärker auch sozialer und emotionaler Kompetenzen wie Kreativität, Empathie und Führungsfähigkeiten.

FINANCE-Köpfe

Evelyne Freitag, Sanofi-Aventis Deutschland GmbH

Evelyne Freitag beginnt ihre Karriere nach dem BWL-Studium 1989 bei Kraft General Foods und im Daimler-Konzern, wo sie sieben Jahre in verschiedenen Finanzpositionen an innovativen Geschäftsmodellen wie etwa der Neuentwicklung des Micro Compact Car (Smart) mitwirkt. Anschließend berät sie zwei Jahre als Geschäftsführerin einer gemeinnützigen Tochtergesellschaft der Hertie-Stiftung zahlreiche Organisationen bei der Implementierung einer familienbewussten Personalpolitik.

1998 wechselt sie zum Markenhersteller Pentland und leitet dort vier Jahre lang die kaufmännischen Bereiche. Anschließend ist sie sieben Jahre Mitglied der Geschäftsleitung als des Pharmakonzerns Pfizer tätig. Seit 2011 trägt Freitag als Geschäftsführerin und CFO die Verantwortung für die DACH-Region des Reifenherstellers Goodyear Dunlop mit 7.500 Mitarbeitern und 2,8 Milliarden Euro Umsatz. Im April 2017 wechselt Freitag als CFO zu Sanofi Deutschland.

zum Profil

Frauen wie Männer können da ganz sicher die ganze Bandbreite ihrer Fähigkeiten ausspielen. Ich persönlich suche immer einen möglichst vielfältigen Austausch, deswegen fällt mir Gleichförmigkeit stark auf – auch, wenn beispielsweise nur männliche Sichtweisen repräsentiert sind. Dann ermutige ich zu anderen Sichtweisen und Meinungen. In kulturell verknöcherten und engstirnigen Unternehmenskulturen ist eine Frauenkarriere sicher auch möglich. Aber es ist eben weitaus langwieriger und anstrengender. 

Frauenquote lenkt Blick auf weibliche Talente

Haben Sie selbst in Ihrer Karriere Hindernisse überwinden müssen, die Sie darauf zurückführen, dass Sie eine Frau sind?
Ja, ich musste früher immer wieder beweisen, dass sich Kinder und Karriere auch in Deutschland miteinander vereinbaren lassen. Zum Glück konnte ich dabei immer auf mein Heimatland Frankreich verweisen, wo der Begriff „Rabenmutter“ nicht einmal existiert.

Im Zuge der „MeToo“-Debatte liegt zurzeit ein starker Fokus auf einem respektvollen Umgang mit Frauen. Gab es in Ihrer Karriere Momente, in denen Sie mit Situationen oder Bemerkungen zu kämpfen hatten, die Sie unangemessen fanden?
Natürlich habe ich als Frau nicht dieselben Kommentare wie die männlichen Kollegen bekommen. Auch als Französin werde ich in unterschiedlichen Ländern anders behandelt. Zum Glück bin ich aus unangenehmen Situationen immer respektvoll herausgekommen. Aber es ist gut, dass sich für das Problem ein Bewusstsein bildet und sich allmählich ein respektvollerer Umgangston auf allen Ebenen etabliert.

FINANCE-Magazin

Juli/August 2018

Die stille Revolution

Warum Frauen jetzt das Finanzressort erobern
 

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Denken Sie, dass die gesetzliche Frauenquote in den Aufsichtsräten voll mitbestimmter börsennotierter Unternehmen auch den Aufstieg von Frauen in Führungspositionen befördert?
Quoten egal welcher Art haben den großen Vorteil, dass sie Veränderungen beschleunigen. Die Frauenquote in den Aufsichtsräten betrifft ja nur eine Minderheit von Unternehmen, hat aber dankenswerterweise den Prozess beschleunigt, sich des Problems überhaupt erst einmal bewusst zu werden. Dadurch wurde in fast allen Unternehmen der „Sense of Urgency“ gestärkt, auch weibliche Talente zu entdecken – nicht mehr und nicht weniger.

sabine.reifenberger[at]finance-magazin.de

Wie entwickelt sich der Anteil von Frauen auf der CFO-Position? Eine ausführliche Analyse der aktuellen Situation finden Sie in der Titelgeschichte des FINANCE-Magazins Juli/August 2018, das Sie hier als e-Paper beziehen können. Mehr über die Vita der Sanofi-Finanzchefin finden Sie im FINANCE-Köpfe-Profil von Evelyne Freitag.

Die bisherigen Teile dieser Reihe umfassen Gespräche mit der Professorin für Arbeitssoziologie Heather Hofmeister, mit der früheren CFO und Aufsichtsrätin Simone Menne sowie der Headhunterin Simone Siebeke. Alle Teile unserer Interviewreihe finden Sie gebündelt auf unserer Themenseite Frauen in Finance.