FINANCE-CFO des Monats Juli 2015 ist Deutsche-Börse-CFO Gregor Pottemyer.

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06.08.15
CFO

CFO des Monats: Gregor Pottmeyer

Es weht ein frischer Wind bei der Deutschen Börse: Zwei Großzukäufe binnen 24 Stunden, dazu ehrgeizige Mittelfristziele – endlich wieder eine Herausforderung für CFO Gregor Pottmeyer. Doch bei der Finanzierung muss er aufpassen. Das Thema ist bei der Deutschen Börse kritisch.

So ein Feuerwerk an Offensivaktionen erlebt man am Kapitalmarkt selten: Innerhalb von nicht einmal 24 Stunden verkündete die Deutsche Börse vergangene Woche zunächst die Übernahme der Devisenhandelsplattform 360T und des Indexanbieters Stoxx. Direkt im Anschluss überraschte der neue Börsenchef und frühere Investmentbanker Carsten Kengeter die Investoren auch noch mit präzisen Wachstums- und Gewinnzielen, die bis ins Jahr 2018 reichen.

Demnach will die Deutsche Börse bis dahin die Nettoerlöse jährlich um 5 bis 10 Prozent ausbauen, das Ebit und der Jahresüberschuss sollen pro Jahr um 10 bis 15 Prozent steigen. Angesichts der hohen Skalierbarkeit des Geschäftsmodells ist das kein überambitioniertes Vorhaben, aber das mit konkreten Schritten unterlegte klare Commitment der Börse zu ihren Wachstumsplänen ist neu.

Die Deutsche Börse wacht endlich aus ihrem Winterschlaf auf, der das Unternehmen nach der gescheiterten Fusion mit der New York Stock Exchange Ende 2011 und der Wertberichtigungen in Folge der unglücklichen Akquisition der US-Optionsbörse ISE im Jahr 2007 erfasst hatte. In den vergangenen Jahren hatte die Börse lediglich mit immer neuen Aktienrückkäufen und Sparprogrammen von sich reden gemacht, darunter fiel auch der steuerlich interessante, aber imagetechnisch wenig förderliche Umzug aus Frankfurt in das malerische Eschborn.

Für CFO Gregor Pottmeyer brechen andere Zeiten an

Dass unter der Regie von Carsten Kengeter nun andere Zeiten anbrechen, könnte auch das Profil des bislang eher unauffällig agierenden CFOs Gregor Pottmeyer beeinflussen. Der wenig inspirierte Management-Catenaccio des abgetretenen Börsen-Chefs Reto Francioni hat schließlich auch Pottmeyers CFO-Agenda zu einer Abfolge von routiniertem Tagwerk verkümmern lassen.

Jetzt kommt der große Schwenk: Zwei M&A-Deals parallel zu Ende zu verhandeln und das Gesamtportfolio direkt in eine präzise Mittelfristplanung zu gießen, die dann auch noch dem Kapitalmarkt vermittelt werden muss, ist sicherlich spannender als das x-te Kostenoptimierungsprogramm in der Verwaltung und der IT-Abteilung durchzuziehen.

Hinzu kommt: Der Charakter der beiden Übernahmen aus der Vorwoche könnte unterschiedlicher nicht sein. Das Auslösen der Schweizer Minderheitsaktionäre bei Stoxx ist vergleichsweise wenig riskant. Die Börse kennt das Asset, Stoxx wird schon jetzt voll konsolidiert. Anders sieht es bei 360T aus. Es gibt eine Reihe von Marktbeobachtern am Finanzplatz Frankfurt, die skeptisch sind, ob das hoch dynamische Fintech-Unternehmen 360T im Eschborner Konzernumfeld weiterhin so gut gedeihen kann wie in der Vergangenheit.

Refinanzierung der Deals: Pottmeyer hat schnell reagiert

Die Augen der Investoren der Deutschen Börse werden in der kommenden Zeit nicht nur auf den neuen CEO, sondern auch auf Finanzchef Pottmeyer gerichtet sein. Trauen sie dem 2009 von Daimler zur Börse gestoßenen CFO auch Unternehmertum und Aufbruchstimmung zu? Wenn nein, dürfte es Pottmeyer schwer haben, sich unter dem neuen CEO zu profilieren, der viel schillernder auftritt als sein Vorgänger.

Die erste Chance, Profil zu gewinnen, bietet sich Pottmeyer im Finanzierungsbereich. Der Schatz an über die Jahre (sehr profitabel) zurückgekauften eigenen Aktien – Marktwert über 700 Millionen Euro – reicht nicht, um die beiden Akquisitionen, die zusammen mehr als 1,3 Milliarden Euro gekostet haben, zu bezahlen. Pottmeyer hat schnell reagiert und nur wenige Tage nach den Deals eine Hybridanleihe über 600 Millionen Euro begeben, welche die Deutsche Börse bis zum Februar 2021 nur 2,75 Prozent pro Jahr kostet.

CFO Pottmeyer muss das AA-Rating sichern

Angesichts von Ebit-Margen nahe 50 Prozent und freien Cashflows von 500 bis 600 Millionen Euro pro Jahr (ohne die Zukäufe) gab es auf den ersten Blick eigentlich keinen Grund, Eigen- beziehungsweise Hybridkapital aufzunehmen. Aber die Deutsche Börse ist für Teile ihres Geschäfts auf ein exzellentes Kreditrating angewiesen.

Um das AA-Rating zu halten, darf Pottmeyer die Bruttoverschuldung nicht nennenswert über die zuletzt verzeichneten 1,5x Ebitda hinaustreiben. Und S&P hat das Rating wegen der Übernahme von 360T auch gleich mal auf „Watch negative“ gestellt. Pottmeyer wird in den nächsten Wochen einen engen Austausch mit den Ratingagenturen pflegen müssen, um sicherzustellen, dass die Refinanzierung kein Rating-Downgrade nach sich zieht. Die sehr groß ausgefallene Hybridanleihe ist in dieser Hinsicht ein starkes Signal.

Die knifflige Finanzierungsfrage wirft jedoch ein Schlaglicht auf die Zwänge, denen Pottmeyer unterliegt, obwohl die Börse ohne Zweifel eine Geldmaschine ist. Wird der Wachstumskurs zu rasant und verfehlen die Zukäufe ihre Ziele, kann der Gegenwind für das Management aus Richtung der Kreditmärkte schnell zunehmen. Es ist keine einfache Balanceübung, die Pottmeyer zu meistern hat. Aber wenigstens hat er mal wieder eine echte Herausforderung.  

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Für ausgezeichnete Leistungen, besonderen Spürsinn oder mutige Entscheidungen zeichnet FINANCE jeden Monat einen Finanzvorstand aus. Welche Finanzchefs die Auszeichnung bislang erhalten haben, lesen Sie auf unserer Themenseite CFO des Monats. Unabhängig davon verleiht die Redaktion jährlich auf dem Kongress Structured FINANCE die Auszeichnung für den CFO des Jahres.

Lesen Sie mehr über den Werdegang und die Karriere-Highlights unseres CFOs des Monats im FINANCE-Köpfe-Profil von Gregor Pottmeyer.