Der heimliche Gewinner der Jamaika-Gespräche? RWE-Finanzchef Markus Krebber kann auf einen dicken finanziellen Airbag für den Kohleausstieg hoffen.

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23.11.17
CFO

CFO des Monats: Markus Krebber

Auch ohne Jamaika ist der rasche Braunkohleausstieg so gut wie beschlossene Sache. Für den Kohlekonzern RWE könnte das der finale Befreiungsschlag werden – und für seinen CFO Markus Krebber.

Eine Jamaika-Koalition wird es im Bund wahrscheinlich so schnell nicht geben. Dennoch bleiben als Vermächtnis der wochenlangen Sondierungsgespräche politische Weichenstellungen, die als neuer Konsens gewertet werden können. Im wirtschaftspolitischen Bereich ist die wichtigste Übereinstimmung darin gefunden worden, dass der Kohleausstieg deutlich beschleunigt wird. Zudem hat sich in den Gesprächen auch eine zweite Gewissheit herauskristallisiert: Der Staat wird die Begleitung des Braunkohleabschieds nicht dem Markt überlassen.

Für Deutschlands größten Braunkohleverbrenner RWE wirkt das auf den ersten Blick wie eine große Bedrohung. Jedoch ist es ein Trugschluss, Parallelen zwischen dem für die Stromkonzerne desaströsen Atomausstieg und der Abkehr von der Braunkohle zu ziehen. Der Grund: Im Gegensatz zum Atomausstieg winken den Konzernen beim Thema Kohle milliardenschwere Hilfszahlungen – allen voran RWE.

RWE könnte für Sicherheitsreserve Milliarden kassieren

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Dr. Markus Krebber, RWE AG

Nach der Ausbildung zum Bankkaufmann bei der Deutschen Bank und dem Studium startet Markus Krebber seine Laufbahn als Unternehmensberater bei McKinsey. Während dieser Zeit promoviert er an der Humboldt-Universität zu Berlin am Institut für Bank-, Börsen- und Versicherungswesen.

2005 wechselt Krebber zur Commerzbank als Bereichsleiter Business Development im Bereich Privat- und Geschäftskunden. Dort steigt er zunächst zum COO des Privatkundengeschäfts auf und dann zum Bereichsvorstand Group Integration. Nach erfolgreichem Abschluss der Dresdner-Bank-Integration wird er Bereichsvorstand Group Finance.

Ende 2012 verändert sich Krebber als CFO zu RWE Supply & Trading, wo er im März 2015 den Posten als CEO übernimmt. Im Oktober 2016 wird er CFO des Mutterkonzerns RWE.

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RWE-CFO Markus Krebber hat die Chance erkannt. Einerseits warnt er vor den sozialen Folgen eines Kohleausstiegs, indem er (übertriebene) 75.000 Arbeitsplätze als gefährdet beschreibt. Andererseits lässt die RWE-Führung deutlich durchblicken, dass der Konzern einen so genannten „Kapazitätsmarkt“ begrüßen würde. In einem solchen Markt würden Konzerne wie RWE, aber auch die Ex-E.on-Tochter Uniper hohe Summen kassieren, wenn sie zur Überbrückung von Stromengpässen Reservekapazitäten in Form alter Kohlekraftwerke vorhalten.

Markus Krebber kann auf starke Ertragssäulen hoffen

Ein Kapazitätsmarkt – oder das abgespeckte deutsche Pendant, die so genannte „Sicherheitsreserve“ – wäre ein milliardenschweres, sicheres Geschäft für die Stromkonzerne. Und genau auf einen solchen Mechanismus dürfte es politisch hinauslaufen. Käme es dazu, würden nur wenige Braunkohlekraftwerke gänzlich geschlossen werden. Einen erklecklichen Rest könnte RWE einer Reserve zuführen. Ein solcher Deal hätte es in sich, schließlich gibt es eine Sicherheitsreserve bereits. Und obwohl diese erst drei Kohlekraftwerke enthält, kassieren die beteiligten Konzerne über die nächsten vier Jahre 1,6 Milliarden Euro vom Staat.

Ein staatlich abgefederter, schneller Kohleausstieg könnte für RWE finanziell ein Segen werden. Im vergangenen Jahr erzeugte der Dax-Konzern 34 Prozent seines Stroms aus Braunkohle, in Deutschland sogar fast doppelt so viel. Dabei entfallen nur 24 Prozent von RWEs Erzeugungskapazität auf Braunkohle, 33 Prozent auf Gas. Doch weil viele Gaskraftwerke derzeit nicht gebraucht werden, steuerten sie nur ein Viertel zur konzernweiten Erzeugung bei. Werden die Kohlemeiler abgestellt, würden automatisch die Gaskraftwerke in die Bresche springen. RWE könnte also, wenn es gut läuft für den Konzern, für einen Teil der Kohlestilllegungen finanziell entschädigt werden – und einen erklecklichen Teil des Rests mit dem Einsatz eigener Gaskraftwerke kompensieren.

Finanzchef Krebber, der zusammen mit RWE-Chef Rolf Schmitz wieder die Oberhand über die Finanzlage des Stromriesen gewonnen hat, könnte seine mittelfristige Finanzplanung dann auf drei gut prognostizierbare Einnahmequellen stützen: auf die staatlichen Zahlungen für die Kapazitätsreserve, auf die hohe Auslastung der hauseigenen Gaskraftwerke – und auf die Dividende der Konzerntochter Innogy. Und der Politik ist bekannt, dass stabile Erträge für RWE wichtig sind, steht der Konzern doch in der Pflicht: Für den Rückbau der deutschen Atomkraftwerke muss RWE noch bis Ende der 2020er-Jahre jedes Jahr rund eine halbe Milliarde Euro Cash auf den Tisch legen.

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Cash-Abfluss könnte auf 1 Milliarde Euro pro Jahr steigen

Der Abfluss von Geldern für die Rekultivierung der Braunkohlereviere und das damit verbundene Wassermanagement sollte nach der gegenwärtigen Cashflow-Planung erst um das Jahr 2030 herum beginnen. Dieses Datum dürfte sich nun deutlich nach vorne verschieben und die jährlichen Cash-Abflüsse für die Beseitigung der Hinterlassenschaften von Kohle- und Atomkraft damit in Richtung 1 Milliarde Euro treiben.

RWE ging bisher davon aus, diese Mittel in den letzten Jahren ihrer Laufzeit aus den abgeschriebenen Kohlekraftwerken heraus zu erwirtschaften. Für den Wegfall dieser Cashflows benötigt RWE nun Ersatz – ein Kapazitätsmarkt könnte auch dieses Problem lösen. Die Landesregierung von NRW, wo viele Kommunen auf die Dividenden und Steuern von RWE angewiesen sind, hat diese Problematik während der Jamaika-Gespräche im Bewusstsein der politisch Verantwortlichen verankert. Da Krebber und Schmitz schon ordentlich Kosten aus RWE herausgenommen haben, wirkt der Konzern inzwischen auch fit für den Übergang vom Betriebs- in einen Kapazitätsmarkt.

Die dunklen Wolken über der RWE-Aktie werden weniger

Agieren der FDP macht Markus Krebber zum Gewinner

Das größte Risiko für RWE wäre es, wenn die Politik die Verringerung der Kohlendioxid-Emissionen dem Markt überließe. Dafür werben ausgerechnet die beiden RWE-Konkurrenten E.on und EnBW – beide Konzerne haben ihren eigenen Kohleausstieg bereits abgeschlossen (E.on) beziehungsweise auf den Weg gebracht (EnBW).

Die marktwirtschaftliche Lösung sähe vor, den Preis der CO2-Emissionszertifikate von aktuell 6 auf 25 bis 30 Euro anzuheben. Dies würde den Kohlestrom automatisch aus dem Markt preisen, und RWE drohten massive Verluste. Dass ausgerechnet die FDP, der eine Nähe zu diesen Lösung nachgesagt wird, die Jamaika-Gespräche platzen ließ, ist für RWE ein Geschenk.

Finanzchef Markus Krebber kann sich jetzt darauf einstellen, dass der Staat ihm ein dickes Polster für den Kohleausstieg bereitstellen wird. Dann könnte die RWE-Aktie die nächste große Unsicherheit abschütteln, die noch auf ihr lastet.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

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Mehr Infos zu Karriere und Werdegang des RWE-CFOs gibt es im FINANCE-Köpfe-Profil von Markus Krebber.