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Darum setzt Crédit Mutuel auf Minderheitsbeteiligungen

Minderheitsinvestments haben aus Sicht von Crédit-Mutuel-Deutschlandchef Sébastien Neiss entscheidende Vorteile. Der Preis: weniger Mitspracherechte und Einflussmöglichkeiten.
Shutter B - stock.adobe.com

Herr Neiss, Crédit Mutuel Equity (ehemals CIC Capital) setzt als Private-Equity-Investor auf Minderheitsinvestments – auch in Deutschland. Ihren Ursprung hat diese Strategie allerdings in Frankreich, wo Minderheitsbeteiligungen deutlich populärer sind als hierzulande. Wie fruchtet ihr Ansatz in der Bundesrepublik?
Seit 2018 – in dem Jahr haben wir unser erstes Deutschlandbüro in Frankfurt eröffnet – haben wir hierzulande bereits fünf Minderheitsinvestments getätigt, vier befinden sich aktuell in unserem Portfolio. Mit den Investments und den erzielten Ergebnissen sind wir sehr zufrieden.

Tatsache ist aber auch, dass Sie im vergangenen Jahr kein einziges Investment in Deutschland getätigt haben. Lag das nur am Coronavirus?
Da wir keinen Fondsinvestoren verpflichtet sind, haben wir keinen Investitionsdruck. Üblicherweise investieren wir rund ein Drittel der Veräußerungserlöse in das Bestandsportfolio und zwei Drittel in neue Beteiligungen. 2020 haben wir den Fokus auf die Resilienz unserer rund 350 Portfoliounternehmen und diese Quote umgekehrt. Unsere deutschen Beteiligungen haben die Krise gut überstanden – nur bei einem Unternehmen verzeichneten wir eine Stagnation beim Wachstum. Bei drei weiteren hat sich der Cashflow tatsächlich verbessert, in einem Fall sogar deutlich.

Als Tochtergesellschaft der französischen Bank Crédit Mutuel Alliance Fédérale finanzieren Sie Ihre Investments komplett aus der eigenen Bilanz. Welche Rolle spielt diese Struktur für Ihre Investment-Strategie?
Ich halte sie für essenziell. Wenn ich als Investor aufgrund einer Fondsstruktur auf einen Exit nach einer bestimmten Haltedauer angewiesen bin, ist das fast ein K.O.-Kriterium für Minderheitsinvestments. Weil wir Evergreen-Investments tätigen, sind wir beim Exit flexibel – und können Unternehmen in schlechten Zeiten auch mal mehr Zeit geben.

Gibt es keine Ausnahmen?
Es gibt vereinzelt Fälle, in denen Minderheitsinvestments aus einem Fonds sinnvoll sind, zum Beispiel bei einer Nachfolgeregelung, bei der man zuerst minderheitlich einsteigt und das Unternehmen später komplett übernimmt oder verkauft.

Crédit Mutuel steht auf deutsche Familienunternehmen

Dass Minderheitsinvestoren das nötige Mitspracherecht fehlt, schreckt viele Finanzinvestoren vor einer minderheitlichen Beteiligungen ab. Was entgegnen Sie diesen?

Andere Finanzinvestoren von unserer Strategie zu überzeugen ist nicht meine Aufgabe. Ob man sich für Mehr- oder Minderheitsbeteiligungen entscheidet, ist eine Frage der Philosophie. Als Minderheitsinvestor sitzt man nicht am Steuer und kann Veränderungen nicht per Mehrheitsbeschluss durchsetzen, sondern muss mit den anderen Gesellschaftern und dem Management zusammenarbeiten. Deshalb ist es für uns besonders wichtig, dass das Management des Portfoliounternehmens von uns als Investor überzeugt ist – und wir müssen uns die richtigen Projekte aussuchen.

Was heißt das konkret?

Wir müssen selektiv sein: Wir suchen nach Unternehmen, die im Markt bereits gut positioniert sind, eine stimmige Strategie haben und von einem starken Management gestützt werden, auf das wir vertrauen und das für einen aktiven Austausch offen ist.

Und diese Firmen finden Sie in Deutschland?
Deutschland ist eine große Wirtschaftsnation und wird in Frankreich als starker Partner angesehen. Zudem gibt es hier viele Familienunternehmen, die historisch den Schwerpunkt unserer Beteiligungen darstellen. Wir beobachten aber, dass deutsche Firmeneigentümer nur wenig Erfahrung mit Minderheitsinvestments haben. Sie kennen oft nur das Szenario, dass ein Finanzinvestor die Mehrheit und damit umfassende Mitsprache- und Eingriffsrechte verlangt. Die Möglichkeit einer Minderheitsbeteiligung, bei der das eben nicht so ist, haben sie nicht immer auf dem Radar.

„Während der Coronakrise hätten wir, wenn es nötig gewesen wäre, auch Eigenkapital nachgeschossen.“

Sébastien Neiss, Deutschlandchef von Crédit Mutuel Equity

Familienunternehmen lassen sich bekanntlich ungerne von fremden Investoren ins Geschäft reinreden. Wie machen Sie Ihnen die Vorteile eines Minderheitsinvestors schmackhaft?

Der wichtigste Aspekt ist sicherlich, dass der Gründer oder Eigentümer sein Unternehmen behält. Zudem ist die Zusammenarbeit mit einem minderheitlich beteiligten Finanzinvestor viel enger und daher aus meiner Sicht auch in strategischer Hinsicht fruchtbarer: Wir gehen mit unseren Mitgesellschaftern in den Dialog und erörtern Ideen und neue Projekte gemeinsam.

Ein weiterer Vorteil hat sich vergangenes Jahr gezeigt: Während der Coronakrise konnten wir unsere Portfoliofirmen aus meiner Sicht besser unterstützen – wir hätten zum Beispiel, wenn es nötig gewesen wäre, auch Eigenkapital nachgeschossen. Das geht bei einem mehrheitlich beteiligten Finanzinvestor der aus einem Fonds investiert nicht so einfach, stärkt das Vertrauen zum Investor aber ungemein.

Sébastien Neiss: „Weniger Wettbewerb bei Minderheiten“

Wir haben bereits über die Vorteile für die Unternehmen gesprochen. Die Minderheitsinvestments machen Sie aber auch nicht ganz uneigennützig.

Mit einer Evergreen-Struktur hat man den großen Vorteil, keinen Zeitdruck zu haben. Man kann ein Unternehmen länger halten, aber auch früher wieder rausgehen. Ein weiterer Vorteil: Es herrscht weniger Wettbewerb um die Assets – entweder, weil die Firmen, die uns interessieren, für andere Private-Equity-Häuser nicht interessant sind, oder weil ihre Eigentümer nicht für Minderheitsbeteiligungen aufgeschlossen sind.

Wie beeinflussen Minderheitsinvestments die Renditen?

Weil das Geld aus der Genossenschaft stammt, müssen wir beim Leverage etwas konservativer sein. Wir selbst investieren nur Eigenkapital, die Verschuldung bleibt im Unternehmen – ich würde uns daher nicht als Rendite-Optimierer bezeichnen. Unsere Renditen können sich dennoch sehen lassen: Bei den im vergangenen Jahr weltweit veräußerten Investments haben wir über die gesamte Haltedauer, die bei uns im Durchschnitt bei sieben Jahren liegt, mehr als 20 Prozent Rendite erzielt.

Welchen Tipp würden Sie einem Finanzinvestor mitgeben, der mit Minderheiten liebäugelt?

Die Arbeit, die man bei einem Minderheitsinvestment leistet, unterscheidet sich von der bei Mehrheitsbeteiligungen. Als Mehrheitsinvestor muss man wahrscheinlich mehr Zeit investieren um das Management zu überzeugen. Man muss gewissermaßen in Vorleistung gehen, um Vertrauen zu gewinnen.

Dafür müssen Minderheitsinvestoren viel genauer zuhören: Was denkt die Geschäftsführung, was sind ihre Pläne für die Zukunft? Und man muss sich im Klaren darüber sein, ob die Strategie und die Persönlichkeit der Manager zum eigenen Haus passt – denn sobald man ein Investment getätigt hat, muss man mit und innerhalb der bestehenden Strukturen zusammenarbeiten.

Crédit Mutuel sucht nach Food-Assets

Unsere Leser interessieren auch die Zahlen. Können Sie uns ein Beispiel für ein erfolgreiches Minderheitsinvestment nennen?
Unsere Familienunternehmen sind gewöhnlich sehr verschwiegen. Ich kann Ihnen aber ein Beispiel geben: Ende 2019 haben wir in Chemoform investiert, einen Hersteller und Händler im Bereich Schwimmbäder und Zubehör. Damals machte die Gruppe 125 Millionen Euro Umsatz. Wir haben ein Add-on getätigt, das 75 Millionen Euro Umsatz erzielt – gemeinsam kommen die Firmen nun schon auf 250 Millionen Euro Umsatz. Die Gruppe ist in Europa die Nummer Zwei in der Branche, und wir arbeiten schon an weiteren Add-ons.

Apropos Add-ons: Sehen wir in diesem Jahr deutsche Zukäufe von Ihnen, oder vielleicht sogar einen Plattform-Deal?
Ich hoffe doch! Genaueres kann ich leider nicht verraten, aber wir schauen uns gerade die Nahrungsmittelbranche intensiver an. Bei einigen Investment-Projekten sind wir schon am Ball. Um mehr Deals machen zu können, wollen wir außerdem das Team in Frankfurt vergrößern.

olivia.harder[at]finance.magazin.de

„Gerade schauen wir uns die Nahrungsmittelbranche intensiver an.“

Sébastien Neiss

Info

Der französische Private-Equity-Investor Crédit Mutuel Equity (CME) bündelt das Direktbeteiligungsgeschäft der französischen Banken- und Versicherungsgruppe Crédit Mutuel Alliance Fédérale. Derzeit ist CME mit 3,3 Milliarden Euro an Eigenkapital in über 350 Unternehmen investiert. Der Investitionsfokus liegt auf Minderheitsbeteiligungen mit einem Transaktionsvolumen zwischen 5 und 30 Millionen Euro. Potentielle Portfoliounternehmen erwirtschaften im Schnitt mindestens 20 Millionen Euro Umsatz und sind Marktführer in einer Nische.

olivia.harder@finance-magazin.de | + posts

Olivia Harder ist Redakteurin bei FINANCE und verfolgt schwerpunktmäßig die aktuellen Entwicklungen im Private-Equity- und M&A-Geschäft. Sie hat Philosophie, Politikwissenschaften, Soziologie und Geographie an der Justus-Liebig-Universität in Gießen studiert, wo sie auch einen Lehrauftrag innehatte. Vor FINANCE arbeitete Olivia Harder in den Redaktionen mehrerer Wochen- und Tageszeitungen, unter anderem beim Gießener Anzeiger.