Siemens stemmt erneut eine Milliardenübernahme in den USA
Zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate geht der Technologiekonzern Siemens auf Deal-Fang in den USA und greift tief in die Tasche. Siemens investiert 5,1 Milliarden US-Dollar (umgerechnet rund 4,6 Milliarden Euro) in die Übernahme von Dotmatics, einem Software-Unternehmen aus Boston, das sich auf Forschung und Entwicklung in der Pharmaindustrie spezialisiert hat.
Ende des vergangenen Jahres sorgte Siemens mit der Übernahme von Altair Engineering für satte 10 Milliarden Dollar für Aufsehen. Ebenso wie bei dem Altair-Zukauf wollen die Münchener mit der Akquisition von Dotmatics ihre Position im Bereich Industriesoftware stärken und neue Geschäftsfelder in der Pharmaindustrie erschließen. Dotmatics, das seit 2021 im Portfolio von Finanzinvestor Insight Partners liegt, erwartet für das laufende Jahr einen Umsatz von 310 Millionen Dollar bei einer operativen Umsatzrendite von über 40 Prozent.
Siemens will die Übernahme mit dem Verkauf von Aktien, unter anderem von Siemens Healthineers und Siemens Energy, finanzieren. Der Deal soll im Herbst oder Winter 2025/26 abgeschlossen werden. Die Synergien aus der Akquisition will Siemens nutzen, um den Umsatz mittelfristig um bis zu einer halben Milliarde Dollar jährlich zu steigern.
DHL erweitert Pharma-Logistik durch Übernahme in den USA
Auch DHL hat sich ein US-amerikanisches Übernahmeziel aus dem Pharmabereich geangelt: Der deutsche Logistikriese verstärkt seine Präsenz im Pharmalogistiksektor durch die Übernahme von Cryopdp. DHL-Chef Tobias Meyer hat für die Deutsche-Post-Tochter das Ziel ausgerufen, das Transportgeschäft mit der Pharmaindustrie – wie etwa den Transport von temperaturempfindlichen Gütern – auszubauen. Zuletzt fuhr DHL im Life-Sciences- und Healthcare-Geschäft bei einem Konzernumsatz von insgesamt 84 Milliarden Euro einen Umsatz von über 5 Milliarden Euro ein. Cryopdp, spezialisiert auf Kurierdienstleistungen für klinische Studien, Biopharma sowie Zell- und Gentherapien, ist in 16 Ländern aktiv. Der Kaufpreis wurde nicht offiziell bekannt gegeben, jedoch wird in Branchenkreisen von einem dreistelligen Millionen-Euro-Betrag gesprochen.
Brose verkauft E-Bike-Motorensparte an Yamaha
Der Fahrzeugteilehersteller Brose zieht sich aus dem Geschäft mit Elektromotoren für E-Bikes zurück und verkauft seine in Berlin ansässige Entwicklungsabteilung an den japanischen Motorenbauer Yamaha. Brose wird für bis zu weiteren zwei Jahren Antriebssysteme für Yamaha produzieren. Der Verkauf ist Teil der strategischen Neuausrichtung der Coburger, die sich auf ihre Kernkompetenzen im Automobil- und motorisierten Zweiradbereich konzentrieren möchten.
Yamaha plant, die von Brose erworbenen Kompetenzen im Bereich E-Bike-Motoren zu nutzen, um seine Position auf dem europäischen Markt zu stärken. Im Gegensatz zum Zulieferer Brose verkauft Yamaha auch direkt an Endkunden. Der Absatz von E-Bikes ist nach dem Boom während der Corona-Pandemie weltweit zurückgegangen.
Brose selbst befindet sich in einem großen Umbau, denn schon länger leidet der Konzern an den Schwierigkeiten in der Autoindustrie. So rechnet Brose auch für 2024 mit einer verhaltenen Bilanz: Der Umsatz dürfte um 7 Prozent unter Plan und 3 Prozent unter dem Vorjahr bei 7,7 Milliarden Euro liegen, unter dem Strich erwartet der Konzern einen Verlust von rund 53 Millionen Euro.
Weitere M&A-Deals
Die Arsipa Gruppe und Asam Praevent fusionieren, um ihre Expertise zu bündeln. Beides sind Anbieter in den Bereichen Arbeitsmedizin, Arbeitssicherheit und Arbeitspsychologie. Arsipa erweitert damit seine Präsenz in Bayern und digitalisiert bestehende Strukturen. Die Fusion ermöglicht es beiden Unternehmen, ihre geografische Präsenz zu erweitern und neue Maßstäbe in der Digitalisierung und Innovation des Arbeits- und Gesundheitsschutzes zu setzen. Hinter Arsipa steht der Finanzinvestor Warburg Pincus, der das Unternehmen selbst erst Anfang März 2024 gekauft hatte.
Goingpublic Media hat ihren 20-Prozent-Anteil an Bondguide Media verkauft. Käufer sind die Geschäftsführer Falko Bozicevic und der Redakteur Michael Fuchs. Goingpublic hatte sich 2015 mit 25 Prozent an Bondguide beteiligt, bereits im Dezember 2023 hatte der Verlag 5 Prozent verkauft. Der aktuelle Verkauf bringt nach eigenen Angaben einen Beteiligungsertrag von 100.000 Euro im Geschäftsjahr 2025. Bondguide, gegründet 2011, bietet Informationen zu Unternehmensanleihen über ein Web-Portal, einen Newsletter und E-Magazine.
M&A-Berater-News
Bei Siemens wird nicht nur öffentlich zugekauft, sondern auch hinter den Kulissen an der M&A-Strategie des Konzerns gearbeitet: Dagmar Mundani wird ab dem 1. Juni 2025 die Leitung des Bereichs M&A übernehmen. Sie tritt die Nachfolge von Karl-Heinz Seibert an, der in den Ruhestand geht. Mundanis Karriere bei Siemens begann bereits 1995. Im Laufe der Zeit war sie in verschiedenen Funktionen tätig, darunter als Senior Vice President M&A. In dieser Position hat sie Transaktionen wie den Spin-off von Osram geleitet.
Auch Karl-Heinz Seibert, der seit 1986 bei den Münchenern arbeitet, hat die M&A-Aktivitäten von Siemens maßgeblich mitgestaltet, seit 2007 als M&A-Leiter. Unter seiner Ägide gelang der Carve-out und Börsengang von Siemens Healthineers sowie von Siemens Energy. Seine letzte große Amtshandlung war die Übernahme von Altair Engineering.
Auch die ING Deutschland verstärkt ihr Führungsteam im M&A-Bereich. Die Bank erweitert die Mannschaft im Firmenkundengeschäft mit Heiko Mittelhamm als neuem Head of Mergers & Acquisitions. Mittelhamm bringt 20 Jahre Erfahrung aus seiner Tätigkeit bei HSBC, Barclays und Lazard mit und wird die Beratungsdienstleistungen der Bank bei Akquisitionen und Übernahmen leiten. Er berichtet an Sascha Malsy, der zuvor interimistisch die Führungsaufgaben innehatte. Die ING profitiert nach eigener Aussage von ihrem globalen Netzwerk und ihrem umfassenden Sektor-Know-how in Bereichen wie Energie und Telekommunikation.
Die deutsch-französische Investmentbank Oddo BHF erweitert ihr Corporate-Finance- und M&A-Advisory-Team in Frankfurt am Main mit Andreas Bienert und Edward de Stigter. Bienert bringt Erfahrung von Greenhill & Co und Lincoln International mit, während de Stigter von RBS, JP Morgan, Commerzbank und DC Advisory kommt. Diese Personalien unterstützen die Strategie von Oddo BHF, die M&A-Beratung in Deutschland, Frankreich und der Schweiz auszubauen. Christian Zahn, der im September 2024 von McKinsey zu Oddo wechselte, leitet die Investmentbanking-Aktivitäten.
Alexander Reitmann tritt als neuer Partner bei Strategy&, der Strategieberatung von PwC, ein. Vom Standort Frankfurt am Main aus wird er internationale Private-Equity-Kunden bei strategischen Transaktionen beraten, mit einem Fokus auf Business Services, den Technologiesektor und die Industriegüterbranche. Reitmann bringt über zehn Jahre Deal-Erfahrung mit. Zuvor arbeitete er unter anderem für PwC Deutschland im Bereich Deal Advisory.
Die Restrukturierungs- und M&A-Beratung Interpath Advisory eröffnet neue Büros in München und Frankfurt, um ihre Präsenz im DACH-Raum zu stärken. Verbunden mit der Expansion erfolgt die Berufung von zwei neuen Managing Directors: Neil Siri leitet vom Münchener Büro aus, das zugleich als Zentrale für den DACH-Raum fungieren soll, das Geschäft in Deutschland, Österreich und der Schweiz, während Robert von Finckenstein in Frankfurt den Bereich Corporate Finance und Debt Advisory ausbaut. Die Expansion folgt der Übernahme von Kerkhoff Consulting im Januar, die das Angebot im Bereich Value Creation erweiterte. Interpath ist nun an 27 Standorten weltweit vertreten.
Die Wirtschaftskanzlei Friedrich Graf von Westphalen & Partner erweitert ihre Gesellschaftsrechts- und M&A-Praxis durch die Aufnahme von Sebastian von Lossow als Partner. Von Lossow war vorher bei Freshfields und McDermott Will & Emery tätig und wird den neuen Standort in Düsseldorf unterstützen. Er bringt umfassende Expertise in Unternehmenskäufen, Immobilientransaktionen und Joint Ventures mit. Bei FGvW wird er mit Jessica Hanke und Gregor Lamla zusammenarbeiten.
M&A-Gerüchteküche
Volkswagen soll laut Medienberichten eine Trennung von seiner Tochtergesellschaft MAN Energy Solutions prüfen, die bei einem möglichen Börsengang mit bis zu 5 Milliarden Euro bewertet werden könnte. Der Wolfsburger Konzern soll sich mit Beratern über verschiedene Optionen ausgetauscht haben, darunter ein IPO. Eine Entscheidung soll wohl jedoch nicht mehr in diesem Jahr fallen. MAN Energy Solutions, ehemals MAN Diesel & Turbo, erzielte im vergangenen Jahr mit 14.000 Mitarbeitern einen Umsatz von 4,3 Milliarden Euro und einen operativen Gewinn von 337 Millionen Euro.
Deals in Verhandlung
In Hamburg heißt es fürs Erste „Kein Deal“: Die Privatbank M.M. Warburg hat ihre Suche nach einem neuen Investor vorerst gestoppt. Trotz der Belastungen durch den Cum-ex-Steuerskandal konnte die Bank nun aber eine Kreditlösung finden, die eine Kapitalstärkung und Neuausrichtung bis 2026 ermöglicht. Ein strukturierter Verkaufsprozess, der seit 2024 läuft, blieb bisher ohne Ergebnis, das Investorenverfahren wurde vorerst pausiert, teilte die Bank mit. Ein Teil des Kredits wird zurückgeführt, ein anderer prolongiert. Die Finanzaufsicht ist informiert, und die Liquiditätslage gilt als angemessen, so die Bank.
Info
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Melanie Ehmann ist Redakteurin bei FINANCE und verfolgt schwerpunktmäßig die aktuellen Entwicklungen am M&A- und Private-Equity-Markt. Sie hat Politikwissenschaften an der Technischen Universität Darmstadt studiert. Vor FINANCE arbeitete Melanie Ehmann sechs Jahre in der Redaktion des Platow Verlags, zunächst als Volontärin, später als Wirtschaftsjournalistin im Platow Brief und den Sonderpublikationen.
