Das Hamburger Modehaus Tom Tailor verkauft sein Sorgenkind Bonita in die Niederlande. Das Closing soll vorbehaltlich der üblichen Genehmigungen in den nächsten Wochen folgen.

Sabine Sikba/Tom Tailor

21.03.19
Deals

Tom Tailor stößt Krisensparte Bonita ab

Tabula rasa bei Tom Tailor: Der Modefilialist verkauft sein Sorgenkind Bonita. Nun beginnt das Rätselraten, welche Folgen der Deal für Bilanz und Finanzierung des Konzerns hat.

Dass die schwer kriselnde Tochter Bonita zur Disposition steht, hatten Tom-Tailor-CEO Heiko Schäfer und sein Finanzchef Thomas Dressendörfer zuletzt mehrfach betont. Jetzt haben die Beiden für Fakten gesorgt: Tom Tailor wird Bonita an das niederländische Modeunternehmen Victory & Dreams International verkaufen.

Über den Kaufpreis vereinbarten die Unternehmen Stillschweigen. Angesichts des tiefen Einbruchs, den Bonita im vergangenen Jahr erlitten hat, dürfte dieser jedoch nur minimal positiv oder sogar negativ sein. Das Closing steht noch unter Vorbehalt der üblichen, insbesondere der kartellrechtlichen Genehmigungen, soll aber in wenigen Wochen vollzogen werden, wie eine Tom-Tailor-Sprecherin auf FINANCE-Nachfrage erklärte.

Damit endet ein schwarzes Kapitel in der Firmengeschichte von Tom Tailor: Die Hamburger hatten Bonita 2012 für 220 Millionen Euro übernommen, aber nie Freude an dem Zukauf gehabt – im Gegenteil: In den meisten Geschäftsjahren verwässerte der Dauersanierungsfall Bonita die überdurchschnittlich gute Performance der Kernmarke Tom Tailor. „Der Verkauf von Bonita ist ein wichtiger Schritt. Wir schaffen damit klare Verhältnisse, setzen Kapazitäten frei und können uns künftig voll auf das profitable Wachstum unserer Kernmarke konzentrieren“, begründete CEO Schäfer den Verkaufsbeschluss.

Bonita-Verkauf dürfte Bilanz von Tom Tailor schwächen

Der Bonita-Verkauf ist schon die zweite wegweisende Entscheidung in kurzer Zeit: Erst Mitte Februar hatte das Modehaus von seinem chinesischen Großaktionär Fosun eine Eigenkapitalspritze über 8,6 Millionen Euro erhalten. Dadurch springt der Fosun-Anteil über die 30-Prozent-Schwelle, wodurch die Chinesen in Kürze ein Übernahmeangebot vorlegen müssen. Der gebotene Preis wird wohl unter dem aktuellen Aktienkurs liegen, was eine Übernahme durch Fosun unwahrscheinlich macht. Allerdings hätten die Chinesen dann freie Bahn, ihren Anteil nach Belieben weiter aufzustocken.

Was ist los in der Modebranche? Der FINANCE-Talk

Das frische Eigenkapital kann Tom Tailor nun dringender gebrauchen denn je, schließlich dürfte die Entkonsolidierung von Bonita weitere Löcher in der Bilanz reißen. So muss der Markenwert Bonitas, den Tom Tailor mit 184,5 Millionen Euro ansetzt, nun vollständig abgeschrieben werden. Ursprünglich wollte Tom Tailor ihn mit dem Jahresabschluss 2018 nur um 120 Millionen Euro kappen. Zudem warnt der Konzern vor weiteren nicht geplanten Verlusten in Höhe von 40 bis 50 Millionen Euro, die ebenfalls auf Bonita entfallen und „im Zusammenhang mit der Anwendung von IFRS 5“ stehen sollen. Was dies bedeutet, wollte Tom Tailor auch auf Nachfrage hin nicht erklären. Erläuterungen werde es bei der Bilanzpressekonferenz im April geben, sagte eine Unternehmenssprecherin.

FINANCE-Köpfe

Thomas Dressendörfer, Tom Tailor Holding AG

Seine Karriere startet Dressendörfer 1984 in der Finanzabteilung des Automatisierungstechnikunternehmens Baumüller in Nürnberg. Vier Jahre später wechselt er in den Finanzbereich des Konsumgüterherstellers Procter & Gamble. Im Jahr 2000 geht Dressendörfer zu dem Analysehaus The Nielsen Company, wo er sieben Jahre tätig ist.

2007 wird Dressendörfer Finanzchef des Personaldienstleisters Randstad Deutschland. Im Jahr darauf wechselt er als CFO in die Schweiz zu Uster Technologies. Dort bleibt er auch, ab Ende 2011 aber bei einem anderen Arbeitgeber, dem Implantatehersteller Straumann, wo er 2012 den CFO-Posten übernimmt.

Im Juni 2015 gibt er bei Straumann das Amt ab und macht sich selbstständig als Berater für Unternehmen, die komplexe Geschäftsprojekte oder Turnarounds umsetzen müssen.

Mitte Juni 2016 übernimmt Dressendörfer, der während seiner beruflichen Tätigkeit auch Auslandsaufenthalte in Spanien, Belgien und Großbritannien absolviert hat, den CFO-Posten bei dem Bekleidungshersteller Tom Tailor

zum Profil

Mit Spannung warten Investoren auch auf Aussagen zur Eigenkapitalentwicklung. Unter Annahme von Wertberichtigungen über 120 bis 130 Millionen Euro prognostizierte Tom Tailor bislang einen Rückgang der Eigenkapitalquote von 32 auf 22 bis 23 Prozent. Die zusätzlichen Abschreibungen über gut 100 Millionen Euro könnten die Eigenkapitaldecke sehr dünn werden lassen – zumal auch die erstmalige Anwendung der neuen Leasingbilanzierung IFRS 16 bei fast allen Filialketten das Eigenkapital zusätzlich schmälert. Stützend wirkt sich dagegen die Kapitalerhöhung über 8,6 Millionen Euro aus. Außerdem dürften im Zuge der Entkonsolidierung Bonitas auch Verbindlichkeiten aus der Bilanz herausfallen.

Wie reagieren die Banken von Tom Tailor?

Nun wird es darauf ankommen, wie sich die Banken verhalten. Im April 2018 hatte CFO Dressendörfer Tom Tailor eine neue Kreditlinie über 400 Millionen Euro gesichert. Davon wurden unter anderem Schuldscheinverbindlichkeiten zurückgezahlt. Zum Konsortium gehören acht Banken, im Lead sind BNP Paribas, LBBW und Unicredit. Steht diese Linie, dürfte Tom Tailor ausreichend Spielraum haben, um die Restrukturierung abzuschließen.

Allerdings ist nicht bekannt, welche Covenants die Kreditlinie enthält. In Analystenkreisen ließ Tom Tailor die Vermutung streuen, dass die Banken eine zeitweise Unterschreitung eines möglichen Eigenkapital-Covenants akzeptieren würden, wenn dies im Zusammenhang mit einer Trennung von Bonita geschähe. Den Banken war die kriselnde Tochter nach FINANCE-Informationen schon länger ein Dorn im Auge.

Für Erleichterung dürfte sorgen, dass Tom Tailor die zuletzt zweimal reduzierten Prognosen für 2018 in der Mitteilung zum Bonita-Verkauf bestätigt: Bei einem Umsatz von 840 bis 860 Millionen Euro soll eine operative Gewinnmarge (Ebitda) von 6 bis 6,5 Prozent erzielt werden. Dies lässt ein Ebitda von rund 55 Millionen Euro erwarten. 2017 hatte Tom Tailor noch ein Ebitda von 83 Millionen Euro erzielt.

Tom-Tailor-Aktie: Erholung auf niedrigem Niveau

Der Aktienkurs Tom Tailors reagiert positiv auf den Bonita-Verkauf und springt von 2,39 auf rund 2,60 Euro. Damit notiert das Papier gut 10 Prozent über dem von Großaktionär Fosun für die Kapitalerhöhung bezahlten Preis von 2,26 Euro.

dominik.ploner[at]finance-magazin.de

Sparprogramme, Verlagerungen, Bilanzsanierung: Kaum ein Unternehmen kommt über die Jahre ohne eine Restrukturierung aus. Mehr über die deutschen Restrukturierungsfälle auf der FINANCE-Themenseite.

Über ein Jahrzehnt lang expandierte Tom Tailor rasant, doch der Ertrag kam zu kurz. Ein neues Management will das Modehaus mit chinesischem Hauptaktionär nun auf Effizienz und Rentabilität trimmen. Mehr über das Hamburger Modehaus auf seiner FINANCE-Themenseite.