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Ekosem-Agrar erhält wieder kein Bilanztestat

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Eine Milchviehanlage von Ekosem-Agrar im russischen Woronesch. Foto: Ekosem-Agrar AG
Eine Milchviehanlage von Ekosem-Agrar im russischen Woronesch. Foto: Ekosem-Agrar AG

Ekosem-Agrar kommt nicht zur Ruhe: Der Abschlussprüfer DWP hat dem deutsch-russischen Agrarkonzern das Testat für die Jahresabschlüsse 2021 verweigert. Betroffen sind der Einzel- sowie der Konzernabschluss des entsprechenden Geschäftsjahres. Wie das Unternehmen gestern mitteilte, sieht sich DWP „aufgrund fehlender Verzichtserklärungen der finanzierenden Banken sowie der Auswirkungen des Russland-Ukraine-Konflikts nicht in der Lage, ein abschließendes Prüfungsurteil abzugeben“.

Offen sei aus Prüfersicht insbesondere die Frage, ob Ekosem-Agrar künftig noch die Kontrolle über seine russischen Tochtergesellschaften sowie die dortigen Zahlungsmittel ausüben könne. Zum Hintergrund: Ekosem-Agrar hat seinen Hauptsitz zwar im badischen Walldorf, operativ ist es jedoch ausschließlich in Russland aktiv.

DWP argumentiert ähnlich wie Big-Four-Haus EY

Die DWP-Argumente ähneln damit stark denen des Big-Four-Hauses EY, das dem Walldorfer Unternehmen bereits im vergangenen Dezember einen Versagungsvermerk für den Einzel- und Konzernabschluss 2020 erteilt hatte. Der zum damaligen Zeitpunkt vollzogene Prüferwechsel von EY zur deutlich kleineren Wirtschaftsprüfungsgesellschaft DWP erfolgte primär aufgrund der Tatsache, dass sich EY mit Beginn des Ukraine-Kriegs von seinem Russlandgeschäft getrennt hatte – genau wie die übrigen Big-Four-Häuser. Dass DWP zu ähnlichen negativen Schlüssen wie EY gelangen würde, sei von den Walldorfern indes erwartet worden.

Dennoch soll der 2021er-Konzernabschluss nach FINANCE-Informationen bereits nächste Woche im Investor-Relations-Bereich von Ekosem-Agrar einsehbar sein. Genau wie im Jahr 2020 wird dieser dann allerdings mit einem mehrseitigen Versagungsvermerk von DWP versehen sein. Und sofern der Ukraine-Krieg kein zeitnahes Ende findet, steht zu erwarten, dass DWP auch für die Jahresabschlüsse 2022 kein Testat erteilen wird.  

EY hatte in seinem Versagungsvermerk unter anderem betont, dass die Fortführung der Gesellschaft davon abhänge, „dass die finanzierenden Banken in Russland revolvierend fällig werdende Finanzverbindlichkeiten refinanzieren und ihre Rechte aus Verletzungen von Kreditvereinbarungen (Covenant Breaches) nicht in Anspruch nehmen“. Eine entsprechende Verzichtserklärung konnte Ekosem-Agrar damit offenbar erneut nicht einholen.

Ekosem-Agrar verdoppelt Gewinn

Operativ gesehen läuft es hingegen recht gut für das von dem deutschen Landwirt Stefan Dürr gegründete Unternehmen, das nach eigenen Angaben der größte Rohmilchproduzent Russlands ist. So lag der Gewinn (Ebitda) 2022 mit knapp 400 Millionen Euro mehr als doppelt so hoch wie 2021. Parallel dazu stieg der Umsatz um knapp zwei Drittel auf 957 Millionen Euro. Genaue Zahlen zum ersten Halbjahr 2023 hat Ekosem nicht veröffentlicht, allerdings ist von einer „erneut positiven operativen Entwicklung“ die Rede.

Das seit Kriegsbeginn scheinbar unlösbare Problem besteht für die Walldorfer offensichtlich darin, die Einnahmen der russischen Tochtergesellschaften in die deutsche Holding zu transferieren. Wesentliche Ursache dafür sind die von EU und Russland gegenseitig verhängten und mehrmals verschärften Kapitalverkehrsbeschränkungen für Unternehmen.

Ekosem musste Mittelstandsanleihen restrukturieren

Aus diesem Grund musste Ekosem-Agrar in der zweiten Jahreshälfte 2022 auch mehrmals die Stundung von Zinszahlungen seiner beiden Mittelstandsanleihen ersuchen. Die beiden Papiere hatte das Unternehmen bereits zur Jahresmitte 2022 restrukturiert, über die harten Verhandlungen mit Gläubigern berichtete der damals noch amtierende CFO Wolfgang Bläsi im Gespräch mit FINANCE. Trotz Restrukturierung sind die Kurse der beiden Anleihen in den vergangenen Monaten dramatisch eingebrochen und liegen aktuell nur noch bei rund 17 Prozent des Nennwerts.

Der langjährige CFO Bläsi hat die Walldorfer derweil Ende 2022 „aus persönlichen Gründen“ verlassen. Sein Nachfolger wurde Alexander Krastilevskiy, der zuvor als CFO einer Einheit der Suek-Gruppe, dem größten russischen Kohleförderer, fungierte.

Philipp Hafner ist Redakteur bei FINANCE. Er hat Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth sowie an der University of Amsterdam studiert. Vor FINANCE arbeitete Philipp Hafner mehr als sechs Jahre bei der Verlagsgruppe Knapp/Richardi, zunächst als Volontär, anschließend dann als Redakteur für die Fachzeitschrift „Immobilien & Finanzierung“.