Hess

25.01.13
Finanzabteilung

Nach Bilanzskandal: Hess vor Finanzierungsproblemen

Drei Monate nach dem auf Biegen und Brechen verfolgten IPO feuert Hess CFO Peter Ziegler und CEO Christoph Hess fristlos mit dem Verdacht der längerfristigen Bilanzmanipulation. Was an den Vorwürfen dran ist, müssen Sonderprüfer herausfinden. Für Hess geht es jetzt in Bankenverhandlungen ums nackte Überleben.

Mindestens zwei Mal ist niemandem etwas aufgefallen an den Bilanzen der Hess AG. Nicht dem Amsterdamer Finanzinvestor Holland Private Equity (HPE), als dieser Anfang 2011 eine Minderheitsbeteiligung übernahm und später nochmals aufstockte. Dabei gelten Private Equity-Häuser gemeinhin als penibel bei der Due Diligence und als versiert im Umgang mit Zahlen.

Und auch nicht den mit der Prüfung des Börsenprospekts betrauten Wirtschaftsprüfern des mittelständischen Anbieters DHMP, als sie zum Börsengang ihren Letter of Comfort ausstellten und der Aktie freies Geleit gaben. „Wem soll etwas auffallen, wenn es selbst die WPs nicht merken?“, fragt etwa Lutz Weiler, Chef der Investmentbank Equinet. Die Konsortialbank LBBW hält sich dagegen bedeckt – ebenso der Wirtschaftsprüfer DHMP. Alle fürchten die Regressklagen von Aktionären und warten die Ergebnisse der Sonderprüfung ab – mandatiert sind die Wirtschaftsprüfer von Ebner Stolz und die Kanzlei Pöllath und Partner.

Whistleblower aus dem Hause Hess

Die Vorwürfe sind ungeheuerlich. „Über einen längeren Zeitraum“ soll es mit Kenntnis des Zwei-Mann-Vorstands um den aus der Gründerfamilie stammenden CEO Christoph Hess und seinen CFO Peter Ziegler zu „Verstößen gegen Bilanzierungsregeln“ gekommen sein, wie „interne Recherchen“ ergaben. Es gebe Verdachtsmomente, dass der Konzern „fingierte Umsätze“ ausgewiesen hat – mindestens seit 2011, vielleicht aber auch schon länger, wie Hess-IR-Chef Marco Walz, selbst erst seit September 2012 im Konzern, einräumt.

Wie lange und in welchem Ausmaß getrickst wurde,  soll die angesetzte Sonderprüfung herausfinden. Schon jetzt ist anzunehmen, dass der Vorstand der DHMP  gefälschte Rechnungen vorgelegt hat – ein Vorgehen, das an ähnlich gelagerte Fälle wie Nici erinnert, der erste große Betrugsfall bei den damals noch populären Mezzanine-Programmen.

Wie FINANCE erfuhr, hat nun ein mit den Vorgängen vertrauter Mitarbeiter aus dem kaufmännischen Bereich den Aufsichtsrat direkt und am Vorstand vorbei informiert. Der Whistleblower soll selbst erst seit einem Jahr im Unternehmen sein. Dies deutet darauf hin, dass die Unregelmäßigkeiten jetzt im Zuge der Vorbereitung des Geschäftsberichts für 2012 zutage kamen.

Vater Hess sägt seinen Sohn im Aufsichtsrat ab

Der dreiköpfige Aufsichtsrat aus Familienmitglied Jürgen Hess und Wolfgang Rombach unter Vorsitz des HPE-Vertreters Tim van Delden entschied sich einstimmig zur fristlosen Entlassung des Vorstands. Ein erstaunlicher Vorgang angesichts der Verteilung der Mehrheitsverhältnisse. Die Gründerfamilie Hess hält rund 40 Prozent der Anteile, HPE konnte mit gut 20 Prozent nicht auf eine Sperrminorität pochen.

Der neue Alleinvorstand Till Becker kündigt die Agenda an: „Die Banken zusammenzuhalten, hat  oberste Priorität.“ Genau dies könnte schwer werden: Ein Blick in die Konzernbilanz offenbart, wie dringend Hess seine Banken braucht. Sollten die finanzierenden Banken rund um die LBBW, die auch als Konsortialbank beim IPO fungierte, ihre Kündigungsrechte ziehen, könnte es für Hess eng werden. Auf rund 56 Millionen Euro waren die Finanzschulden des Konzerns gewachsen, davon waren über 32 Millionen Euro als kurzfristig gebucht, also innerhalb eines Jahres fällig. Dem standen Ende des 3. Quartals Zahlungsmittel von rund 4,4 Millionen Euro gegenüber. Der IPO spülte Ende Oktober Erlöse von rund 36 Millionen Euro in die Kassen: Bitter notwendig, war doch der Free Cashflow in den vergangenen Jahren stets negativ.

10 Millionen aus dem IPO-Erlös sollten in die Schuldensenkung fließen, hatte Ex-CFO Peter Ziegler angekündigt. Der Rest der Erlöse war für die Fortsetzung der M&A- Agenda bestimmt. So war der Börsengang vom 25. Oktober keine Option, sondern zum Erfolg verdammt, um die aus dem Lot geratenen Bilanzverhältnisse wieder zurechtzubiegen.

IPO bremste Schuldenexplosion

Zum Ende von Q3/2012 – also vier Wochen vor dem IPO – fiel die Eigenkapitalquote des Konzerns unter 20 Prozent. Bei linearer Fortschreibung der EBIT-Entwicklung aus den ersten drei Quartalen 2012 auf das Gesamtjahr und ohne die Erlöse aus dem IPO wäre Hess dann mit  10x EBIT verschuldet gewesen. Vielleicht erklärt dies den Ausweis von guten Umsätzen um jeden Preis, zu dem sich die Hess-Führung offenbar hat hinreißen lassen.

Die Equity Story des Schwarzwälder Leuchtenherstellers basierte jedenfalls auf dem Versprechen stürmischen, globalen Wachstums eines „Hidden Champions“, nicht auf den stabilen Erträgen eines gereiften, profitablen Unternehmens. Sollten sich die in den Geschäfts- und Quartalsberichten ausgewiesene Umsatzwachstumsraten von mehr als 33 Prozent (bis Q3 2012 gegenüber 2011) sowie von rund 25 Prozent im Jahr 2011 tatsächlich als weitaus übertrieben erweisen, wäre dies mehr als ein Vertrauensverlust: Es wäre eine krasse Irreführung der Anleger gewesen.

Teures Marketing für den IPO

Am IPO Beteiligte sprechen nur, wenn das Band nicht mitläuft. Dann berichten sie von der „hohen Nervosität“ von Christoph Hess bei nur kleinsten Fehlern in den Entwürfen für IPO-bezogene Unterlagen und von dessen „Beratungsresistenz“ etwa in Fragen der stolzen Bewertung der Aktie – erst während das Bookbuilding schon lief, konnten sich die IPO-Banken durchsetzen und die Preisspanne  um 30 bis 40 Prozent herunterschrauben.

Es sollte und durfte nichts schiefgehen beim IPO. In den 180 Seiten starken Hochglanz-Geschäftsbericht investierte Hess viel Geld, ebenso eine sechsstellige Summe in den Imagefilm – beides ungewöhnlich teures Marketing für ein Unternehmen mit deutlich weniger als 100 Millionen Euro Umsatz. Der Q3-Bericht weist als Sondereffekte aus dem IPO Kosten von 2,0 Millionen Euro aus, davon 1,6 Millionen Euro als  Beratungskosten, und kündigt weitere Kosten im vierten Quartal an.

Nici endete vor dem Insolvenzrichter

Das Fatale an Bilanzskandalen ist, dass sie immer Vertrauen zerstören. Denn häufig, wenn in der Vergangenheit der Verdacht auf Unregelmäßigkeiten in der Buchführung laut wurde, endeten die Fälle vor dem Insolvenzrichter. So etwa der Plüschtierhersteller Nici, bei dem – wie im Fall Hess auch –  gefälschte Rechnungen im Mittelpunkt standen, sowie der Solarthermieanbieter Solar Millennium.    

Zwar läuft das operative Geschäft von Hess angeblich ungestört weiter. Doch wenn die Banken ihre Kredite zurückverlangen und die Aktionäre gleichzeitig auf Regress klagen, könnten beim LED-Hersteller aus Villingen-Schwenningen schnell die Lichter ausgehen. Es sind ungemütliche Tage im Schwarzwald.


marc-christian.ollrog[at]finance-magazin.de