Newsletter

Abonnements

Wie das Fintech Soldo Deutschland aufrollen will

Soldo-CEO Carlo Gualandri will mit seinem Fintech den deutschen Markt erobern. Foto: Soldo
Soldo-CEO Carlo Gualandri will mit seinem Fintech den deutschen Markt erobern. Foto: Soldo

Die ersten warmen Sonnenstrahlen, Spaziergänger und Jogger, die das Ufer bevölkern und auf dem Wasser Dutzende von Freizeitkapitänen mit ihren Sportbooten: Was für die einen Wochenend-Idyll an der Londoner Themse bedeutet, dürfte für Carlo Gualandri, Gründer und CEO des Fintechs Soldo, wohl eher ernüchternd sein. Denn wenn es etwas gibt, von dem der passionierte Segler gründlich die Nase voll hat, dann ist es das trübe und wenig angenehm riechende Wasser des britischen Hauptstadt-Flusses. Und die Tatsache, dass die Jagd auf müde dahindümpelnden Kleinbooten ihn nicht herausfordert.

„Es wird Zeit, dass ich meinen Hintern mal wieder auf ein richtiges Boot schaffe“, seufzt der gebürtige Italiener. Doch viel Freizeit und die Familie gönnt sich Gualandri nicht. Bereits zu Schulzeiten hat der studierte Physiker seine Leidenschaft für den Aufbau von Unternehmen entdeckt und ist inzwischen Seriengründer. Zu seinen Projekten zählen unter anderem Unternehmen wie Italiens größter Gaming-Anbieter Gioco Digitale oder die Onlinebank Fineco, die inzwischen zur Unicredit gehört. Mit seinem Fintech Soldo, einer Plattform zur Zahlungs- und Ausgabenautomatisierung für Unternehmen, will er nun auch den deutschen Markt erobern, da bleibt wenig Zeit für Hobbies.

Gualandri stört das nicht, betont er. Überhaupt scheint für ihn die Komfortzone ein Ort zu sein, der ihn so wenig reizt wie den Teufel das Weihwasser. Das haben auch seine Frau und die beiden Kinder spätestens mit dem Umzug aus dem sonnigen Italien ins regnerische London erlebt. „Ich wollte, dass auch meine Kids mal aus ihrer Komfortzone rauskommen und über den Tellerrand blicken. Und es gibt kaum einen besseren Platz in Europa, der dafür so gut geeignet ist wie London mit seiner großen Diversität“, erzählt er im FINANCE-Interview und schmunzelt.

Soldo setzt auf eigene Bank

Freilich war es letztlich jedoch eine andere Überlegung, die den Italiener 2015 dazu bewogen hat, sein Fintech in der britischen Hauptstadt zu gründen – die Regulatorik. „Kein Regulator ist so pragmatisch wie Großbritannien“, sagt er. So erlauben etwa die britischen Regeln Fintechs den direkten Weg auf den Markt. „In den USA beispielsweise muss man dafür über eine Bank gehen“, erläutert Gualandri.

Bei Soldo habe man stattdessen eine eigene Bank im Haus. „Unser Vorteil ist, dass wir so bei unserer Entwicklung nicht auf andere Partner warten müssen“, sagt der Soldo-Chef. Die wirkliche Konkurrenz sieht er jedoch weniger bei Fintechs wie Pleo oder Spendesk, sondern eher auf Seite der Banken. „Aktuell sind 99 Prozent des Payment-Marktes in Bankenhand, da kämpfen wir Fintechs quasi zusammen gegen den Status Quo“, sagt Gualandri. Der Vorteil der Fintechs sei aber die überlegene Technologie.

Plattform bietet Working Capital Management in Echtzeit

In dieses Feld investiert auch Soldo hohe Summen. Die selbst entwickelte Plattform dient zur Automatisierung der Steuerung von Zahlungen und Ausgaben. Der Finanzabteilung soll sie das Working Capital Management vereinfachen, indem sie die Kontrolle über Zahlungsströme in Echtzeit ermöglicht und zugleich das Reporting erleichtert.

Dazu arbeitet Soldo mit einem System aus Software, Tools und Zahlungskarten, die Mitarbeitern und Abteilungen die Möglichkeit bieten, Einkäufe zu tätigen – für Werbung, Software und Reisen bis hin zu E-Commerce.  Alle Ausgaben können dann mit benutzerdefinierten Budgets verglichen, die Transaktionen in Echtzeit verfolgt und gesteuert werden.

Bisher setzen in Deutschland vor allem kleinere Unternehmen auf die Plattform von Soldo, nun nimmt das Fintech den Mittelstand und Großkonzerne in den Blick, wie Gualandri erzählt. Die Strategie des Soldo-Chefs: „Wir wollen überall dort, wo wir aktiv sind, zum Länderspezialisten werden.“ Zwar ist Soldo bereits in den meisten europäischen Ländern in englischer Sprache vertreten – mit dem Brexit hat das Fintech auch eine „Europa-Zentrale“ in Irland eröffnet. Aber der vor rund einem Jahr erfolgte Start in Deutschland, den Niederlanden, Frankreich und Spanien erfolgte in der jeweiligen Landessprache.

Alles zum Thema

Fintech

Kreditplattformen, Marktplätze für Lieferantenfinanzierung, neue Ansätze beim Schuldschein: Fintechs erobern zahlreiche Produkte des Firmenkundengeschäfts. Was sind die spannendsten Start-ups für CFOs? Und wie reagieren die Banken auf die neuen Player?

Carlo Gualandri: „SAP ist eher ein Bausatz“

Anstelle eines „One-size-fits-all“-Ansatzes soll die Plattform an die speziellen Anforderungen des jeweiligen Marktes angepasst werden. Im Fall von Deutschland betrifft dies beispielsweise Lösungen für unterschiedliche Rechnungslegungs-Systeme. Mit der Berliner Reiseplattform Getyourguide, dem Solaranbieter Eigensonne und Mercedes-Benz haben die Italiener auch schon die ersten größeren Unternehmen als Kunden gewinnen können.

Soldo-Chef Gualandri wirbt damit, dass sein System schnell implementiert und sofort vollumfänglich genutzt werden könne – anders als andere, wesentlich komplexere Plattformen. „SAP beispielsweise ist eher ein Bausatz: Du führst es ein und passt es dann drei Jahre lang an Dein Unternehmen an“, beschreibt er ein Problem, das vielen CFOs und Treasurern bekannt vorkommen dürfte.

Um das weitere Wachstum stemmen zu können, hat Soldo in einer Serie-C-Finanzierung im vergangenen Jahr 180 Millionen US-Dollar eingesammelt. Diese Summe war damals ein Rekord für Fintechs in der Kategorie Ausgabenmanagement und markierte Soldos Aufstieg zum Einhorn – einem Unternehmen mit einem Wert von mehr als 1 Milliarde Dollar. Das Geld soll auch genutzt werden, um ein eigenes Team für Deutschland aufzubauen, das nicht nur Vertriebler sondern auch Service und Entwickler umfasst.

thomas.holzamer[at]finance-magazin.de

+ posts

Thomas Holzamer ist Redakteur bei FINANCE und verfolgt schwerpunktmäßig die aktuellen Entwicklungen im Banken-Sektor, speziell das Firmenkundengeschäft. Er hat Politikwissenschaften an der Technischen Universität Darmstadt studiert. Vor FINANCE arbeitete Thomas Holzamer mehr als 12 Jahre in den Redaktionen der Mediengruppe Offenbach-Post, zunächst als verantwortlicher Redakteur für Sonderpublikationen, später im Lokalen.

FINANCE Daily Newsletter
Das Wichtigste aus der FINANCE-Welt – täglich direkt in Ihr Postfach.
Jetzt abonnieren »
Jetzt abonnieren »
FINANCE Daily Newsletter