Inside Corporate Banking

Abonnements

Startseite Finanzabteilung Investor Relations „Wir teilen die Welt nicht in Gut und Böse“

„Wir teilen die Welt nicht in Gut und Böse“

ESG-Ratings sind schwer vergleichbar. Arne Klug erklärt, worauf es der Agentur MSCI bei ihren Bewertungen ankommt.
Rawf8 – stock.adobe.com

MSCI ist einer der weltweit bekanntesten Index-Anbieter. Zur Erstellung der Nachhaltigkeits-Indizes setzt MSCI auf eigene ESG-Ratings. Zu den Eigentümern des gelisteten US-Unternehmens gehören Assetmanager wie Vanguard und Blackrock. Arne Klug ist seit sechs Jahren für den US-Konzern tätig und analysiert vor allem Risiken im Transportsektor. Im Interview mit FINANCE erklärt er, worauf es beim MSCI-ESG-Rating besonders ankommt.

Herr Klug, MSCI ist vor allem als Index-Provider bekannt. Für die Nachhaltigkeitsindizes erstellen Sie für entsprechend viele Unternehmen ESG-Ratings. Was gehört noch zu Ihrer Produktpalette?

Die Indizes sind nach wie vor unser Hauptgeschäft, aber ESG ist der MSCI-Geschäftsbereich mit dem stärksten Wachstum. Wir möchten Investoren die notwendigen Informationen für alle Assetklassen anbieten. Sie können bei uns zudem Ratings für spezifische Unternehmen in Auftrag geben. Neben den ESG-Ratings bieten wir zudem noch andere Screenings oder Analysen an – etwa zur Einhaltung bestimmter Klimaziele oder ähnlichem –, die Investoren für ihre Anlageentscheidungen heranziehen können.

„Wir bieten keine ESG-Ratings an, die von
Unternehmen beauftragt werden.“

Mit dem wachsenden Interesse an Green Finance dürfte auch von Corporate-Seite das Interesse an beauftragten Ratings steigen. Gibt es Pläne, auf diese Nachfrage zu reagieren?

Nein, wir bieten keine ESG-Ratings an, die von Unternehmen beauftragt werden. Das wollen wir auch künftig nicht ändern, weil wir jegliche Interessenskonflikte vermeiden wollen.

Wie viele Unternehmen covern Sie in Deutschland, und welche Bedeutung hat dieser Markt für Sie?

In Deutschland erstellen wir für rund 260 Unternehmen ein ESG-Rating. Der Markt ist für uns sehr relevant, weil wir hier ein sehr starkes Nachfragewachstum verzeichnen, vor allem in den vergangenen drei bis vier Jahren. Die Zeiten, in denen ESG-Agenturen Klinken putzen mussten, sind vorbei. Die interessierten Investoren kommen von alleine auf uns zu. Man sieht aber auch deutlich, dass in Deutschland der Kenntnisstand bei den Investoren in Sachen ESG im Allgemeinen noch geringer ist als in anderen Ländern wie zum Beispiel Frankreich.

MSCI-Rating: Finanzielle Risiken im Fokus

Worauf ist das ESG-Rating bei MSCI besonders fokussiert? Es gibt ja keinen einheitlichen Standard für solche Bewertungen.

Wir legen unser Augenmerk ausschließlich auf materielle finanzielle Risiken. Wir analysieren für jedes Unternehmen, welche ESG-Themen in der jeweiligen Branche relevant sind. Wir haben dafür spezielle Teams, beispielsweise eines, das sich rein auf Corporate-Governance-Fragen fokussiert, ein anderes für umweltbezogene Themen und so weiter. Nachdem wir identifiziert haben, welche Risikothemen in einer Branche relevant sind, analysieren wir, wie gut ein Unternehmen ihnen begegnet und sie managt. Dabei erstellen wir für jedes Unternehmen ein individuelles Risikoprofil, abhängig von Faktoren wie Ort der Geschäftstätigkeit, Produktportfolio oder Größe. Wir beschreiben das immer mit dem Bild einer Waage – wer weniger Risiken ausgesetzt ist, muss auch weniger gegensteuern.

Wie genau fließt denn der Ort der Geschäftstätigkeit in das Rating ein?

Wir schauen uns genau an, in welchen Ländern ein Unternehmen aktiv ist. Je nach Land gelten andere Bestimmungen, was eventuell zu höheren oder niedrigeren Risiken führen kann. Nehmen wir als Beispiel einen Automobilzulieferer, der in China aktiv ist, sowie einen, der in der EU produziert. In der EU gelten strengere Flottenemissionsregeln als in China. Das ist ein Faktor, der sich auf das Rating auswirken wird, da strengere Regeln für die Unternehmen höhere Risiken für ihr Geschäft mit sich bringen. Das bedeutet aber nicht, dass Unternehmen in Ländern mit laxeren Regeln automatisch besser bewertet werden. Das ist nur ein Teil der Analyse.

Schlussendlich kommt eine Note in Form eines Buchstabens dabei heraus – von CCC bis AAA. Was genau sagt die Note aus?

Unternehmen, die mit AAA oder AA bewertet werden, bezeichnen wir als Leader, weil sie innerhalb ihrer Branche besonders gut abschneiden. Im Mittelfeld befinden sich Unternehmen mit den Noten A, BBB und BB. Wir bezeichnen sie als Average. Die Schlusslichter bilden B und CCC, diese Gruppe heißt Laggard, weil ihre Mitglieder ihren Branchenkollegen hinterherhinken. Wir haben also, anders als andere Anbieter, keine Punkteskala von 1 bis 100. Bei uns gibt es bei der überschaubaren Anzahl an Noten also auch immer eine gewissen Spannbreite innerhalb der Bewertung. Weil ein Unternehmen sich im Hinblick auf ein ESG-Thema verbessert, muss das noch nicht mit einem Rating-Upgrade einhergehen. Dafür beobachten wir die Bewertungen aber kontinuierlich. Es kann also jederzeit zu einem Up- oder Downgrade kommen, nicht nur an bestimmten Stichtagen.

Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von datawrapper.dwcdn.net zu laden.

Inhalt laden

MSCI setzt Best-in-Class-Ansatz um

Es geht also um eine Peer-to-Peer-Bewertung. Setzen Sie allein auf diesen Best-in-Class-Ansatz oder gibt es bei Ihnen auch eine absolute Note, mit der man Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen miteinander vergleichen kann?

„Unser ESG-Rating ist keine ethische Bewertung.“

Im Rahmen des klassischen ESG-Ratings bieten wir eine reine Best-in-Class-Bewertung an. Das bedeutet entsprechend auch, dass wir auch in Sektoren wie Tabak oder Öl und Gas – die bei anderen ESG-Ratingagenturen oftmals per se eher schlechte Noten haben – die Klassenbesten ebenso wie die Nachzügler benennen. Für uns ist das ein wichtiges Kriterium: Wir teilen die Welt nicht in Gut und Böse, unser ESG-Rating ist keine ethische Bewertung. Wir ermitteln jedoch auch absolutes ESG Scores. Dies ist für Investoren wichtig, die Branchen direkt miteinander vergleichen wollen.

Wie genau läuft der Ratingprozess ab? Auf welche Datenquellen greifen sie zu?

Für uns ist Transparenz und Nachvollziehbarkeit sehr wichtig, deshalb setzen wir rein auf öffentlich verfügbare Informationen. Die können vom Unternehmen selbst stammen oder von Behörden, wissenschaftlichen Organisationen oder anderen Drittparteien. Rund die Hälfte der Informationen, die wir verwenden, stammen übrigens nicht von den Unternehmen selbst, sondern aus anderen sogenannten alternativen Quellen.

Ausschließlich öffentliche Informationen sagen Sie – bedeutet das auch, dass sie zusätzliche Informationen, die Ihnen ein Unternehmen zukommen lässt, aber nicht öffentlich macht, in Ihren Bewertungen nicht berücksichtigen können?

Das ist korrekt. Natürlich können Unternehmen mit uns in den Austausch treten, sobald ihr Rating veröffentlicht wurde. Wir haben eine Plattform eingerichtet, auf der Unternehmen jederzeit neue Informationen ergänzen  können, die von uns dann bewertet werden. Aber wir können nichts aufgreifen, was für andere Marktteilnehmer nicht nachvollziehbar ist.

Häufig wird kritisiert, dass ESG-Ratings schwer vergleichbar und wenig standardisiert sind. Wie sehen Sie diesen Vorwurf?

Es gibt in der Branche sicherlich einen Trend hin zu mehr Standardisierung, aber ESG ist ein komplexes Thema. Mit einem einheitlichen Rating wäre niemandem geholfen. Hilfreich ist es aber sicherlich, wenn die Berichterstattung über Nachhaltigkeitsthemen weiter vereinheitlicht werden würde, wie es derzeit in der EU geschieht. Aber bei den ESG-Ratings braucht es Vielfalt. Es hat schließlich auch nicht jeder Investor die gleichen Anforderungen.

antonia.koegler[at]finance-magazin.de

Info

Und wie sieht es bei anderen Agenturen aus? In dieser Mini-Serie gaben die Agenturen Sustainalytics und ISS-ESG einen Einblick.

Alles Wissenswerte rund um Nachhaltigkeit in der Finanzabteilung erfahren Sie außerdem auf unserer Themenseite zu Green Finance.

+ posts

Antonia Kögler ist Redakteurin bei FINANCE und DerTreasurer. Sie hat einen Magisterabschluss in Amerikanistik, Publizistik und Politik und absolvierte während ihres Studiums Auslandssemester in Madrid und Washington DC. Sie befasst sich schwerpunktmäßig mit Finanzierungsthemen und verfolgt alle Entwicklungen rund um Green Finance und Nachhaltigkeit in der Finanzabteilung.

FINANCE Wirecard-Dossier

Sichern Sie sich das kostenlose Wirecard-Dossier zum größten Bilanzskandal der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Jetzt kompakt als PDF-Datei für die FINANCE-Community.

Jetzt kostenlos herunterladen