Gedrückte Stimmung: Die Coronakrise hat den IPO-Markt zum Erliegen gebracht.

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05.06.20
Finanzierungen

IPO-Jahr 2020: Geht da noch was?

Eigentlich sollte 2020 das Jahr der (großen) Börsengänge werden, doch Corona hat die IPO-Pipeline schwer ausgedünnt. Ein Unternehmen und eine Bank zeigen, wie es trotzdem klappen könnte mit Corona-Börsengängen.

Der erste deutsche Börsengang des Jahres 2020 hat aufgrund des Coronavirus lange auf sich warten lassen: Ziemlich genau acht Monate, nachdem der Private-Equity-Investor Permira den Softwarehersteller Teamviewer an die Börse brachte, gab am 25. Mai der Datenbankentwickler Exasol sein Börsendebüt in Frankfurt. Und das wurde trotz des katastrophalen Umfelds ein bemerkenswerter Erfolg: Die im Börsensegment Scale gelisteten Aktien lagen am Ende des ersten Handelstags mit 12,60 Euro deutlich über dem Ausgabepreis von 9,50 Euro. Die Preisspanne hatte zuvor bei 8,50 bis 10,50 Euro je Titel gelegen. Insgesamt gab das Unternehmen 9,2 Millionen Papiere aus und nahm so knapp 90 Millionen Euro ein.

„Eigentlich wollten wir im März rausgehen, was durch die eingeschränkten Reisetätigkeiten dann aber schwierig wurde“, beschreibt Marc Osigus, Head of Investment Banking der IPO-begleitenden Bank Hauck & Aufhäuser, sein zwischenzeitliches Dilemma auf der Suche nach Investoren. Doch die außerordentliche Situation machte ihn und sein Team zu Pionieren: Sie veranstalteten die IPO-Roadshow ihres Kunden Exasol über die Videoplattform Zoom. „Wir haben uns schnell gedacht, dass wir mit dieser Methode vielleicht sogar noch viel mehr Investoren erreichen können als auf dem klassischen Weg“, freut sich Osigus rückblickend über die Entscheidung, den Börsengang trotz Corona durchzuziehen.

Exasol setzte auf Zoom-Konferenzen

Bei Exasol selbst stieß der Workaround aber zunächst einmal auf Unverständnis. „Exasol hat uns zu diesem Zeitpunkt für verrückt erklärt, uns aber gottseidank vertraut“, sagt Osigus rückblickend. Innerhalb von wenigen Tagen traf das Management 70 Investoren in Zoom-Konferenzen – mit großartigem Feedback: Bereits zweieinhalb Tage, nachdem das Orderbuch geöffnet wurde, konnte es mit Sondererlaubnis der Bafin aufgrund starker Überzeichnung schon wieder geschlossen werden. Osigus: „Ich habe das Gefühl gewonnen, dass das Interesse der Investoren schon da ist, wenn Idee und Story stimmen – insbesondere für Corona-Gewinner.“

Die Mehrheit der neuen Exasol-Aktionäre kommt aus Großbritannien (40 Prozent), dahinter folgen 35 Prozent aus der DACH-Region und 25 Prozent aus dem restlichen Europa, darunter ein hoher Anteil aus Skandinavien.

Hohe Volatilität belastet IPO-Markt

So erfreulich dieser Einzelfall sich auch entwickelte, lenkt er doch nicht davon ab, dass große Namen wie Wintershall Dea ihren IPO in Milliardenhöhe auf Eis gelegt haben. Auch Continental zog den geplanten Spin-off samt Börsennotierung seiner Antriebssparte Vitesco für dieses Jahr zurück. „Das IPO-Jahr 2020 könnte eines der schlechtesten der vergangenen fünf Jahre werden“, fürchtet Ralf Darpe, Leiter Equity Capital Markets (ECM) bei der Société Générale für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Die Absagen überraschen ihn nicht: „Die Volatilität muss erst einmal wieder deutlich fallen, bevor IPOs wieder möglich sind.”

Der Volatilitätsindex VDax, der die erwarteten Schwankungen der Papiere im Deutschen Aktienindex misst, schnellte zu Beginn der Coronavirus-Pandemie auf über 85 Punkte hoch – ein klarer Deal-Breaker, gilt unter Börsenexperten doch schon ein Wert von über 20 als problematisch für einen Börsengang. Derzeit steht der VDax bei 30 Punkten.

„Das IPO-Jahr 2020 könnte eines der schlechtesten der vergangenen fünf Jahre werden.“

Ralf Darpe, Leiter ECM für die DACH-Region, Société Générale

IPO-Zeitfenster wird immer kleiner

Thorsten Pauli, ECM-Experte der Bank of America für die DACH-Region, stimmt zu: „Wir brauchen ein ruhigeres Börsenumfeld, damit der IPO-Markt wieder aufleben kann.“ Er rechnet damit, dass im aktuellen Umfeld nur etwa 20 Prozent der Unternehmen, die ursprünglich an den Markt wollten, den Börsengang auch durchführen werden. Das liegt auch daran, dass die Uhr tickt: „Die Zeit wird langsam knapp. Vielleicht werden durch die digitalen Möglichkeiten die Vorbereitungszeiten kürzer, aber nichtsdestotrotz müssten bereits bis Juli, August die entsprechenden Prozesse angestoßen sein, damit ein IPO noch im laufenden Jahr erfolgreich umgesetzt werden kann.“

Stefan Weiner, Leiter ECM DACH bei J.P. Morgan, sieht das mögliche Zeitfenster durch die US-Wahlen im November sogar zusätzlich limitiert. „Börsengänge sollten bis September, Oktober passieren“, rät der Experte. Für Deutschland rechnet er in der zweiten Jahreshälfte mit einer Handvoll Firmen, die den Gang aufs Parkett wagen. Mögliche Kandidaten sieht Weiner im Tech-Sektor und im Healthcare-Bereich.

„Die Zeit wird langsam knapp.“

Thorsten Pauli, ECM-Experte der BofA für die DACH-Region, über das IPO-Zeitfenster

Virtuelle Roadshows auch nach Corona

SocGen-Banker Darpe setzt auch auf Unternehmen, „die aus Sektoren kommen, die sich während der Pandemie robust gezeigt haben“. Er hat vor allem Wohnimmobilienunternehmen im Blick. Hauck & Aufhäuser-Experte Osigus sieht auch das Thema Erneuerbare Energien nicht von der Coronakrise betroffen.

Mit Blick auf die neuen Möglichkeiten der virtuellen Vermarktung sind sich alle Experten einig, dass nach Corona eine Mischform Trumpf sein wird. „Eine Gruppe von Investoren trifft das Management des Börsenkandidaten persönlich, die übrigen Gespräche finden per Videokonferenz statt“, fasst Thorsten Pauli von der Bank of America seine Zukunftsvision zusammen. Selbst Osigus, der mit Hilfe von Zoom einen Achtungserfolg errungen hat, hält trotz seiner positiven Erfahrungen einen persönlichen ersten Kontakt auch weiterhin für wichtig. „Die eingesparten Reisekosten sind nicht der entscheidende Punkt.“

martin.barwitzki[at]finance-magazin.de

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