Die Corona-Pandemie reißt viele Unternehmensratings nach unten. Weitere Downgrades können in der nächste Phase der Krise noch kommen.

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02.06.20
Finanzierungen

Corona wird zum Fegefeuer für Ratings

Corona setzt die Ratings vieler Unternehmen unter Druck. Noch mehr Downgrades wird es geben, wenn die Ratingagenturen aus dem Krisenmodus wieder in den Normalbetrieb schalten.

Das Coronavirus wirkt sich massiv auf die Ratings deutscher Unternehmen aus. Die Ratingagentur S&P Global Ratings hat bei rund einem Viertel der von S&P öffentlich gerateten Unternehmen in Deutschland eine Änderung vorgenommen. „Insgesamt haben wir in absoluten Zahlen 27 Ratingveränderungen vorgenommen“, erklärt Tobias Mock, Managing Director bei S&P. „Bei 14 davon wurde das Rating verschlechtert, bei den anderen der Ausblick angepasst.“

Es ist die heftigste Welle an Ratingverschlechterungen, die der Markt je in so kurzer Zeit zu verkraften hatte. Und dabei sieht die Lage in Deutschland noch gut aus. Laut S&P gab es in Europa bei 33 Prozent der Ratings eine Veränderung, in den USA sogar bei 38 Prozent. „In Amerika kamen neben den Schwierigkeiten durch Corona auch noch die Probleme im Öl- und Gassektor dazu“, erläutert Mock. Den höheren Wert bei den anderen europäischen Ländern erklärt er unter anderem mit einem größeren Tourismussektor.

Zu den deutschen Unternehmen, die es besonders hart getroffen hat, gehören ZF Friedrichshafen und die Lufthansa – beide haben ihre Investmentgrade-Rating verloren. Aber auch BMW, Daimler, SGL Carbon und Tui mussten – neben vielen anderen – ein Downgrade hinnehmen. „Einige Branchen wurden durch die Krise besonders hart getroffen. Im Automobilsektor gab es bei 80 Prozent der Unternehmen eine Ratingverschlechterung“, ergänzt Mock. 

Höhepunkt der ersten Downgrade-Welle erreicht

Blickt man auf die wöchentliche Verteilung, wird deutlich, wie rasant die Coronakrise über die Märkte hereingebrochen ist. Mitte März sind die Ratingveränderungen stark angestiegen, Ende März und Anfang April erreichten sie ihren Höhepunkt. Seitdem nehmen sie wieder ab. „Daran lässt sich deutlich ablesen, dass die Krise massiv eingeschlagen hat. Von einem auf den anderen Tag gab es Unternehmen, die durch den Lockdown faktisch kein funktionierendes Geschäftsmodell mehr hatten“, kommentiert Mock.

Eine so außergewöhnliche wirtschaftliche Gesamtsituation bringt auch für die Betrachtungsweise der Ratingagenturen Veränderungen mit sich: Cash ist King, auch für die externe Bewertung. „In dieser Phase haben wir uns darauf fokussiert, die Liquiditätslage der Unternehmen zu analysieren“, berichtet Mock. „Können die Unternehmen das Ausbleiben der Erträge kurzfristig verkraften? Haben sie ausreichend Möglichkeiten, sich frisches Kapital zu beschaffen?“

So modelliert S&P die Corona-Folgen

Die These, in so einer Extremphase könnten die Methoden der Ratinganalysten an ihre Grenzen kommen, weist Mock weit von sich: „Es gibt ausreichende Mechanismen, um mit dieser Krise in unseren Bewertungsprozessen umgehen zu können.“ Zum einen spiegele sich die gestiegene Unsicherheit im Anwachsen der negativen Rating-Ausblicke wider. Mock: „Bei rund einem Drittel steht dieser derzeit auf negativ. Das ist deutlich mehr als im Dezember. Da waren es noch 21 Prozent.“  

Zum anderen hat S&P die Möglichkeit, Extremsituationen wie die Lockdown-Phase aus der längerfristigen Betrachtung ein wenig herauszurechnen. „Wir betrachten einen Durchschnitt der Bilanzkennzahlen aus mehreren Jahre“, erklärt Mock. „Bei der Berechnung der Kreditqualität haben wir zudem die Möglichkeit, einzelne Jahre weniger stark zu gewichten, um eine bessere Prognose für die Zukunft erstellen zu können.“ 

Zurück zum normalen Ratingbetrieb

Das heißt aber nicht, dass die Coronakrise letztlich nur ein kurzer Schock für die Unternehmensratings gewesen ist. Weitere Downgrades werden folgen. Denn mit dem Wiederhochfahren der Wirtschaft schalten auch die Ratingagenturen wieder in den Normalbetrieb. „Von der akuten Liquiditätsbetrachtung kommen wir nun wieder stärker zu der Frage nach der Solvenz in der Zukunft“, sagt Mock.  

Die dicken Liquiditätspolster, die neu platzierten Bonds, die vielen neuen aufgenommen Kredite und Coronahilfen können dann vom Segen schnell zum Fluch werden. „Knackpunkt wird sein, ob die Unternehmen die deutlich gestiegene Verschuldung tragen können, vor allem dann, wenn die Erträge nicht wieder auf Vorkrisenniveau steigen“, skizziert Mock die Lage. S&P geht davon aus, dass die allgemeine Erholung der Wirtschaft langsam verlaufen wird. Die Ratingagentur rechnet erst für Ende 2021 wieder mit einer Wirtschaftsleistung wie vor der Pandemie.

„Knackpunkt wird sein, ob die Unternehmen die deutlich gestiegene Verschuldung tragen können.“ 

S&P erwartet hohe Ausfallraten

Auf eine Prognose, wie viele Downgrades noch bevorstehen oder wann diese zweite Abstufungswelle ihren Höhepunkt erreichen könnte, will sich der S&P-Manager nicht festlegen. Das tut er lediglich im Hinblick auf die steigenden Ausfallsraten. S&P rechnet damit, dass sie im Segment der spekulativen Ratings auf 8 bis 11 Prozent ansteigen könnten: „Das entspricht etwa dem Niveau der Finanzkrise. Den Höhepunkt der Ausfälle könnte es 2021 geben.“

Für S&P und auch die anderen Ratingagenturen bringt die Krise dagegen etwas Positives mit sich. In den vergangenen Wochen hatten einige Unternehmen ohne externes Rating, etwa Sixt oder Adidas, zu Protokoll gegeben, dass ihnen der Kapitalmarkt nicht zur Finanzierung offenstand. Das zwang sie, KfW-Nothilfen zu ziehen. Dies könnte manchen CFO hinsichtlich der Notwendigkeit von externen Ratings umdenken lassen.


antonia.koegler[at]finance-magazin.de

  

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