Machine Learning, Factoring und ein Schulterschluss mit Banken: Darum will Creditshelf-Gründer Tim Thabe das Fintech an der Börse platzieren.

Creditshelf

06.07.18
Finanzierungen

Darum wagt Creditshelf den Börsengang

Mit einem Umsatz von lediglich 1,2 Millionen Euro im Rücken will das Fintech Creditshelf an die Börse gehen und 20 Millionen Euro einsammeln. Hinter diesem ambitionierten Vorhaben steckt ein komplexer Plan.

Diese Meldung sorgte in der vergangenen Woche für eine gewisse Überraschung in der Corporate-Finance-Welt: Das B2B-Fintech Creditshelf will an die Börse. Noch wurde kein genaues Datum genannt, auch die Preisspanne wurde noch nicht festgelegt. Aber die marktüblichen Zeitspannen deuten darauf hin, dass die Kreditplattform Ende Juli/Anfang August schon an der Börse sein könnte.

Investor Rolf Elgeti garantiert den Creditshelf-IPO

Das Fintech, das einen Kreditmarktplatz für Mittelstandsfinanzierungen betreibt und dessen Kernkompetenz die Kredit- und Risikoanalyse ist, will bei seinem Börsengang mittels einer Kapitalerhöhung 15 bis 20 Millionen Euro einsammeln. Selbst wenn das Angebot angesichts des sehr frühen Zeitpunkts in der Unternehmensentwicklung keinen großen Anklang finden sollte, ist der Erfolg des Börsengangs praktisch garantiert – dank Finanzinvestor Rolf Elgeti. Der frühere Commerzbank-Analyst, der unter anderem mit der Immobilienfirma TAG ein Vermögen gemacht hat, gibt eine Kaufzusage über alle nicht gezeichneten Aktien bis zu einem Volumen von 15 Millionen Euro ab.

Bei schwacher Investorenresonanz würde der Börsengang Elgeti zum Mehrheitsaktionär machen. Aktuell hält er schon 46,1 Prozent an Creditshelf und damit in etwa genau so viel wie die beiden Gründer Tim Thabe und Daniel Bartsch zusammen. Auch im operativen Geschäft hängt (noch) vieles von Elgeti ab. Dessen Investmentfirmen zeichneten über 40 Prozent der Kredite, die bislang über Creditshelf abgewickelt worden sind. 

Creditshelf will neue Finanzierungskategorien erobern

Mit 58 Millionen Euro ist das bisher vermittelte Kreditvolumen noch sehr gering – ebenso wie der Umsatz. Diesen gibt Creditshelf für 2017 mit 1,2 Millionen Euro an. Mittelfristig soll aber Jahr für Jahr ein Kreditvolumen von 500 Millionen Euro über die Creditshelf-Plattform laufen. Dem Fintech würden in diesem Fall Umsätze im niedrigen bis mittleren zweistelligen Millionenbereich winken.

Aktuell finden CFOs bei Creditshelf aber nur Working-Capital-Linien und Akquisitionsfinanzierungen, das Höchstvolumen liegt bei 5 Millionen Euro, der Durchschnitt nur bei einer halben Million. Nur jeden zehnten Kreditantrag legt Creditshelf den Investoren zur Zeichnung vor, die Bonität der Unternehmen liegt zwischen B und BB. 

Die Zuflüsse aus dem Börsengang wollen die beiden Creditshelf-Gründer Tim Thabe und Daniel Bartsch nutzen, um ihre Kreditanalysesoftware aufzurüsten und um zusätzliches Personal einzustellen. Denn Creditshelf ist kein reinrassiges, vollautomatisiertes Fintech. Nach einem automatischen Vorauswahlprozess treffen am Ende die Kreditanalysten von Creditshelf selbst die finalen Kreditentscheidungen. Bald soll es auf Creditshelf auch mehr Finanzierungsalternativen geben. Geplant ist der Ausbau in Richtung Factoring, Revolverkredite und Bankgarantien.

Im FINANCE-Interview verrät Thabe mehr zum Thema Börsengang – zu den Hintergründen, den Zielen und zu dem, was digitalaffine CFOs künftig von Creditshelf erwarten können.

Seit dem Start Ihrer Finanzierungsplattform im Jahr 2015 sind über Creditshelf lediglich Kredite über 58 Millionen Euro arrangieren worden. Jetzt stellen Sie im Zuge Ihres Börsengangs in Aussicht, dass das Kreditvolumen vielleicht schon im Jahr 2020, spätestens aber zwei Jahre später, auf eine halbe Milliarde Euro explodieren soll – jährlich. Wie soll dieser riesige Sprung gelingen? 

Es ist richtig, dass wir mittelfristig ein starkes Wachstum des Kreditvolumens auf 500 Millionen Euro im Jahr anpeilen. Wir setzen auf verschiedene Beschleuniger unseres Wachstums: Wir haben eine hohe Wiederholerrate unter unseren Kunden, und seitdem wir Anfang des Jahres die Kredithöchstgrenze auf 5 Millionen Euro verdoppelt haben, steigt auch die durchschnittliche Ticketgröße deutlich an. Außerdem nimmt mit der zunehmenden Bekanntheit von Creditshelf unter CFOs auch die Anfragequalität zu. Ende 2017 wurden rund 12 Prozent aller Kreditanfragen von uns positiv beschieden, mittelfristig peilen wir 15 Prozent an. Ich finde, die neuesten Zahlen zu unseren Kreditanfragen zeigen, dass die Dynamik da ist.

„Im ersten Quartal hatten wir Kreditanfragen in Höhe von rund 250 Millionen Euro, viermal so viel wie im Vorjahreszeitraum.“

Creditshelf-CEO Tim Thabe

Wie sehen die denn aus?
Im ersten Quartal hatten wir Kreditanfragen in Höhe von rund 250 Millionen Euro. Im Vorjahresquartal waren es nur etwa 66 Millionen Euro, also gerade einmal ein Viertel davon. Und wir haben noch gar nicht damit begonnen, bei der Kundengewinnung systematisch mit Banken zu kooperieren.

Was schwebt Ihnen da genau vor?
Wir stehen bereit, wenn Banken Kreditanfragen eines Firmenkunden nicht bedienen, ihn aber auch nicht vor die Tür setzen wollen, ohne ihm eine Alternative anzubieten. Dort sehen wir Creditshelf als interessante Lösung – für die Banken auf jeden Fall interessanter, als den Kunden an die direkte Konkurrenz zu verlieren. In solchen Kooperationen sehen wir großes Potential und führen bereits interessante Gespräche.

Thabe betrachtet Börsennotierung als „Gütesiegel“

Jetzt wollen Sie über Ihren Börsengang bis zu 20 Millionen Euro einsammeln. Wofür braucht Creditshelf so viel Geld?
Wir wollen die IPO-Erlöse für die Weiterentwicklung unserer Software verwenden. Zudem überlegen wir, unser Angebot auf Finanzierungsarten wie Factoring, Bankgarantien und Revolverkredite auszuweiten. Darüber hinaus wollen wir unsere Bekanntheit steigern, das bedeutet mehr Marketing. Aber eine Börsennotierung im Prime Standard ist auch für sich genommen ein Gütesiegel, das einem Jungunternehmen wie Creditshelf im Dialog mit CFOs gewiss helfen wird. Wir unterwerfen uns strengsten Transparenzvorschriften und hoffen, dass dies auch auf unsere Glaubwürdigkeit gegenüber den Unternehmen und Investoren abstrahlen wird, die überlegen, Creditshelf zu nutzen. Ferner beabsichtigen wir die Erlöse zur Finanzierung einer größeren Unternehmensstruktur zu verwenden.

Die Software zur Kreditanalyse hat Ihr Mitgründer Daniel Bartsch einmal als das „Herz Ihres Unternehmens“ bezeichnet. Was wollen Sie da machen?

Wir wollen unseren Automatisierungsgrad erhöhen, und dafür müssen wir unsere Software weiterentwickeln. In unsere Datenbank fließen immer mehr Kundendaten, und wir setzen auf „Machine Learning“, um daraus immer genauere Schlüsse zur Kreditwürdigkeit der Unternehmen zu ziehen, die über Creditshelf einen Kredit anfragen. Am Ende werden bei Creditshelf auch in Zukunft immer Menschen die finale Kreditentscheidung treffen. Wir wollen unsere Software aber so verfeinern, dass sie 70 Prozent der Kreditanträge schon im Vorfeld aussortiert, weil die Unternehmen nicht die nötige Bonität aufweisen – und das zuverlässig.

Creditshelf braucht Partner aus der Bankenwelt

Was hätten Sie von einem steigenden Automatisierungsgrad?
Zunächst einmal sorgt die hohe und weiter zunehmende Automatisierung dafür, dass wir die Erstprüfung von Kreditanfragen sehr schnell und kostengünstig und gleichzeitig sehr verlässlich durchführen können. Dann können wir nicht nur mehr Kreditanträge bearbeiten und auf unsere Plattform bringen. Wir steigern so auch die Annahmequote, weil im besten Fall keine guten Kunden mehr im Vorauswahlprozess ungerechtfertigterweise aussortiert werden. Unser Ziel ist, die Annahmequote auf 15 Prozent zu steigern. Außerdem hilft uns unsere Software auch dabei, unsere Kunden daraufhin zu prüfen, ob vielleicht ein anderes Finanzierungsprodukt besser für sie geeignet wäre als eine Betriebsmittellinie.

Zum Beispiel Factoring, das Sie auf die Plattform holen wollen.
Richtig. Wir können heute schon sehen, ob ein Unternehmen Factoring nutzt oder Factoring nutzen könnte. Eine Möglichkeit wäre es, auch diesen Kunden ein Angebot machen zu können.

„Bei Creditshelf werden immer Menschen die finale Kreditentscheidung treffen.“

Factoring oder Revolverkredite sind aber um einiges komplexer als einfache Betriebsmittellinien, mit denen Sie gestartet sind.
Uns ist bewusst, dass wir dafür neue Prozesse entwickeln und uns auch Partner aus der Banken- und Factoring-Welt suchen müssen. Nach dem Börsengang wollen wir das zeitnah angehen. Unsere Vision ist, digitale Transparenz in die Mittelstandsfinanzierung zu bringen. Die hilft uns bei der Kreditanalyse – und unseren Kunden in Form schneller Kreditentscheidungen.

Abhängigkeit von Elgeti soll sinken

Zu Ihrem hohen Exzellenzanspruch passt aber nicht so Recht, dass Sie sich stark auf einen einzelnen Geldgeber stützen. Der Privatinvestor Rolf Elgeti besitzt 46 Prozent der Anteile und garantiert über eine Back-Stop-Zusage in Höhe von 15 Millionen Euro den Erfolg Ihres Börsengangs. Darüber hinaus steht er für über 40 Prozent der Kredit-Investments, die bislang über Creditshelf eingegangen worden sind.  
Rolf Elgeti, der über die Hevella Capital rund 46 Prozent der Anteile an Creditshelf hält, ist ein visionärer und verlässlicher Partner, der voll hinter Creditshelf steht und uns auf beiden Seiten unterstützt. Wir sehen darin aber keine Abhängigkeit, zumal der Anteil, den Elgetis Gesellschaften bei den Investments auf der Plattform haben, allein schon durch unser starkes Wachstum zurückgehen sollte.

Bereits heute werden über 40 Prozent des Investitionsvolumens von institutionelle Investoren und über 15 Prozent von High Net Worth Individuals und Family Offices übernommen. Wir sind uns sicher, dass der Börsengang unsere Position bei vielen großen Institutionellen verbessern wird, die dann ebenfalls auf Creditshelf in Mittelstandskredite investieren werden. Das Interesse auf Investorenseite ist groß, und wir gehen davon aus, dass die vermittelten Summen weiter steigen werden. Auch in der Mittelstandsfinanzierung schafft die digitale Transformation riesige Vorteile.   

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de