Sieht sich auf einem guten Weg: Scope Ratings-Chef Torsten Hinrichs.

Scope

01.11.19
Finanzierungen

Quo vadis Scope?

Ex-S&P-Deutschlandchef Torsten Hinrichs kam 2014 zu der kleinen Ratingagentur Scope, um eine europäische Alternative zu S&P, Moody`s und Fitch aufzubauen. Das ist aus seinen Plänen geworden.

2014 verließ Torsten Hinrichs seinen langjährigen Arbeitgeber Standard & Poor`s (S&P), um Chef der kleinen Berliner Ratingagentur Scope zu werden. Anschließend holte er zahlreiche Hochkaräter aus der Ratingszene zu Scope, um den von Florian Schoeller gegründeten, mittelständischen Finanzdienstleister zu einer „europäischen Ratingagentur“ und einem Pendant zu S&P, Moody’s und Fitch auszubauen.

„Die Konkurrenz hat uns am Anfang überhaupt nicht wahrgenommen“, sagt Hinrichs rückblickend. Mittlerweile hat sich das – auch im Zuge einiger Prestigemandate, die Scope erringen konnte – ein wenig geändert. Doch als echten Rivalen nehmen die großen Drei Scope nach wie vor nicht wahr. „Die US-Ratingagenturen haben nichts unternommen und tun es auch heute nicht,“ berichtet Hinrichs fast schon bedauernd in einem Gespräch mit FINANCE anlässlich seiner Fünfjahresbilanz bei Scope.

Trotzdem sieht sich Hinrichs auf einem guten Weg: Scope habe „innerhalb einer kurzen Zeitspanne von fünf Jahren eine Marktposition erreicht, die sich deutlich abhebt von den bisherigen Versuchen, eine europäische Ratingagentur aufzubauen“. So sei Scope in allen Asset-Klassen unterwegs und habe überall in Europa Mandate einwerben können. Unterschätzt habe er hingegen die Größe des Ziels, das er ausgegeben hat: „Man stampft so etwas nicht innerhalb weniger Jahre aus dem Boden“, resümiert der 60-jährige Ratingexperte.

Scope lässt von Dax-Mandaten ab

Geliefert hat Hinrichs auf den Feldern, die er selbst vorantreiben konnte, allen voran am M&A-Markt. So machte die Übernahme der Ratingsparte der MLP-Tochter Feri Scope zu einem großen Player bei Immobilien-, Länder- und Fondsratings. Außerdem machte Scope immer wieder Schlagzeilen damit, bekannte Gesichter der deutschen Ratingszene in ihr Team zu lotsen, beispielsweise das Euler-Hermes-Urgestein Ralf Garrn.

Doch die Kunden zogen nur bedingt mit. Anfangs gab es noch eine schöne Dynamik, schon recht früh zog Scope namhafte Mandatierungen an Land: So konnte Scope im August 2016 mit Linde sein erstes Dax-Mandat gewinnen. Mit BASF, Merck, Lufthansa und Daimler kommen die Berliner mittlerweile auf insgesamt fünf Dax-Mandate. Doch damit scheint nun fürs Erste auch das Ende der Fahnenstange erreicht zu sein. „Bei den großen Leuchtturmmandaten ist im Moment kein regelmäßiger Zustrom zu verzeichnen“, gibt Hinrichs zu und wirft stattdessen die Namen weiterer Neukunden unterhalb der Dax-Liga in den Raum, etwa Lanxess, Haniel oder Sanofi.

Die Erklärung laut Hinrichs: Scope stehe bei vielen großen europäischen Unternehmen und Banken auf der Beobachtungsliste, müsse aber noch die nötige Investorenakzeptanz nachweisen, bevor mit der nächsten Welle namhafter Mandate zu rechnen sei. 

Scope mit neuen ehrgeizigen Zielen

Um sich bei den Investoren zu etablieren, hat sich die Ratingagentur ein neues ehrgeiziges Ziel gesetzt: Bis Ende 2021 will Scope den iBoxx Euro Investment Grade Index nahezu vollständig mit Ratings abdecken. Dieser nicht statische Fixed-Income-Index umfasst rund 500 Haupt-Emittenten und deren Anleihen, ein Drittel davon covert Scope nach eigener Aussage jetzt schon. Dabei lässt die Ratingagentur unter anderem Versicherungskonzerne oder auch Emittenten, deren Risiken außerhalb Europas liegen, außen vor.

Hinrichs stellt im Interview klar, dass sich nichts an seiner klaren Absage an unbeauftragte Ratings geändert hat. So werden die Ratings entweder vom Emittenten oder durch den Investor mittels Anfrage auf der hauseigenen Plattform „Scope One“ beauftragt. Der Clou: Wenn ein Rating nicht vom Emittenten, sondern von einem Investor beauftragt wurde, ist dieses nur für diesen einsehbar.

Schlüsselfaktor „Scope One“

Sollte Scope die Ziele erreichen, käme der europäischen Herausforderer in zwei bis drei Jahren bei Unternehmensratings auf eine Marktabdeckung, die der von Moody’s, S&P und Fitch nicht mehr nennenswert nachstünde. Investoren, die auf das Scope-Research zugriffen, könnten sich einen tiefen Einblick in den europäischen Bondmarkt verschaffen – mit möglicherweise anderen Akzentuierungen auf Research-Seite. Denn dies ist ein Alleinstellungsmerkmal, mit dem Hinrichs nach wie vor für Scope wirbt: Manche ratingrelevante Aspekte wie zum Beispiel Pensionsrückstellungen würde Scope anders bewerten als die großen Drei, so Hinrichs.

Ihm zufolge sind derzeit über 240 Investoren an Scope angeschlossen, vornehmlich aus Europa. Über die Plattform „Scope One“ tauschen sie sich mit Scope aus, rufen Research ab oder beauftragen Analysen. „Scope One“ beschreibt Hinrichs als Kernstück seiner Challenger-Strategie: „Wir können uns von der US-Konkurrenz deutlich abheben, indem wir Scope One zu einem Ökosystem für Kreditinformationen und Kreditbeurteilungen entwickeln.“ Es ist sogar angedacht, über Scope One die einzelnen Investoren miteinander zu vernetzen und den Austausch unter ihnen zu fördern.

Scope will Marktanteil verfünffacht haben

Insgesamt, so Hinrichs, schrumpfe die Lücke zu den großen Drei: 2017 kam Scope nach Zahlen der Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA) im europäischen Markt für Unternehmensratings auf einen Marktanteil von lediglich 4,9 Prozent, bezogen auf die Anzahl der Emissionen, an denen Scope als Ratingagentur beteiligt war. Damit lag Scope aber noch immer weit abgeschlagen von den 39 Prozent der nächstgelegene Ratingagentur Fitch und meilenweit entfernt von den 71 Prozent, die S&P erreichte. Dies soll im Jahr 2018, für das noch keine offiziellen ESMA-Daten vorliegen, aber bereits anders aussehen: „2018 haben wir massiv zugelegt und dürften nun deutlich zweistellig sein. Wenn es gut läuft, rechne ich mit bis zu 25 Prozent“, gibt sich Hinrichs optimistisch.

Damit dieser Trend anhält, baut das Berliner Unternehmen sein Team und seine Präsenz noch weiter aus. Aktuell arbeiten 220 Mitarbeiter an sieben Standorten, davon 56 Analysten. Neben der Zentrale in Berlin sind das Frankfurt, London, Madrid, Mailand, Paris und Oslo. Besonderes Augenmerk gilt derzeit dem Ausbau der Geschäfte in Frankreich und Italien. Und Hinrichs berichtet von weiteren Neuzugängen namhafter Ratinganalysten – „überwiegend von den großen Agenturen wie S&P und Moody‘s, aber auch von DBRS und Fitch“.

Scope wuchs 2018 um 54 Prozent

Wie sehr dieser Kurs ins Geld geht, lässt sich von außen nur schwer nachvollziehen – als nicht öffentlich notiertes Unternehmen weist Scope keine Geschäftszahlen aus. Fakt ist, dass die Berliner Agentur in den zurückliegenden Jahren mehrfach das Kapital erhöht hat. Dadurch konnte Scope in den vergangenen fünf Jahren insgesamt 70 Millionen Euro in den Aufbau der europäischen Ratingagentur investieren. Die jüngste Kapitalspritze gab es zu Jahresbeginn, als eine Gruppe um die Versicherungen Signal Iduna und HDI 35 Millionen Euro in Scope pumpte.

Die Wachstumsraten scheinen aber hoch zu sein. Hinrichs zufolge habe der Konzernumsatz im vergangenen Jahr um 54 Prozent zugelegt, besonders stark im Bereich der Strukturierten Finanzierung. In Italien legte die Verbriefung von notleidenden Krediten im Immobiliensektor stark zu. „Gemeinsam mit Moody‘s sind wir in Italien Marktführer in dieser Asset-Klasse“, sagt Hinrichs selbstbewusst. In dieser Marktnische sei nahezu jede Transaktion von Scope geratet worden, was erheblich zum Wachstum beigetragen habe.

In diesem Jahr treiben ihm zufolge zwei Themen die Umsätze im Bereich der Unternehmensratings an: Zum einen verzeichnet die Ratingagentur ein starkes Wachstum in den skandinavischen Ländern, speziell in Norwegen. Zum anderen weist Hinrichs stolz auf ein über eine Ausschreibung gewonnenes Mandat der ungarischen Nationalbank hin. Diese hatte im August ein Anleihekaufprogramm über umgerechnet 924 Millionen Euro aufgelegt, wofür Scope nun sämtliche Ratings bereitstellt. „Inzwischen sind bereits 20 Ratings unter diesem Programm veröffentlicht, bis Ende des Jahres werden es doppelt so viele sein“, so Hinrichs.

Scope bislang ohne Gewinn

Dass all dies nicht reicht, um schwarze Zahlen zu schreiben, räumt Hinrichs offen ein: „Vor zwei Jahres standen wir vor der Wahl, profitabel zu werden oder in das weitere Wachstum zu investieren.“ Die Entscheidung fiel letztlich zugunsten des internationalen Roll-outs aus.

Dass die Berliner am Markt hinter vorgehaltener Hand als „Billigheimer“ bezeichnet werden, die mit aggressiven Preisen auf den Markt drängen, lässt den Scope Ratings-Chef kalt. Er habe schlicht weniger üppige Margenziele als die Konkurrenz. „Das hat nichts mit Billigheimer zu tun. Vielleicht liegt es eher an der oligopolistischen Preisgestaltung der Kollegen, wenn das so auffällt“, kontert er den Vorwurf. 

„Unsere Preisstrategie hat nichts mit Billigheimer zu tun.“

Scope-Ratings-Chef Torsten Hinrichs

Scope expandiert in Nachhaltigkeitsratings

Welche weiteren strategischen Ziele nimmt der Chef von Scope Ratings nun in den Blick? Der Portfolioaufbau sei noch nicht zu Ende, meint Hinrichs, Zukäufe seien eine reelle Option: „Wir können uns vorstellen, als Konsolidierer der europäischen Ratingszene aufzutreten.“

Eine weitere Stoßrichtung sind Nachhaltigkeitsratings. In diesem Geschäft, in das S&P und Moody’s schon stark vorgedrungen sind, will auch Scope mitmischen. „Wir sind dabei, einen Score zu entwickeln, mit dem wir den ökologischen Fußabdruck eines Unternehmens abbilden können.“ Er sieht sich dabei nicht unter Zeitdruck, da der gesamte Markt sich noch auf keine Standards geeinigt habe. Dennoch kündigt Hinrichs an, dass Scope etwa zum Jahreswechsel  ein entsprechendes Produkt anbieten werde.

Teil weiterer Überlegungen sind qualitative ESG-Ratings. Doch Hinrichs lässt mit Blick auf diesen neu entstehenden Markt auch eine gewisse Skepsis durchblicken, da der Einfluss von sogenannten „Öko-Scores“ auf die Bonität und das Kreditrating „noch sehr schwierig“ zu fassen sei. „Deswegen wollen wir unseren ESG-Score erst einmal parallel neben das Rating stellen.“

Das allergrößte Zukunftsprojekt könnte Scope aber sogar selbst an den Kapitalmarkt bringen. So liebäugelt die Ratingagentur neben anderen Finanzierungsmöglichkeiten auch weiterhin mit einem Börsengang. Dieser könnte insbesondere dann konkreter werden, wenn der Aufbau weiterer Geschäftsfelder wie Nachhaltigkeitsratings dazu führen sollte, dass noch ein weiteres Mal größerer Kapitalbedarf entstehen sollte. Die personellen Weichen für einen möglichen Börsengang hat Florian Schoeller, CEO und Gründer der Scope Group, schon gestellt, indem er sich mit Christopher Hoffmann einen IPO-erfahrenen CFO an seine Seite holte. So hat Hoffmann bereits den Dämmstoffspezialisten Va-Q-Tec an die Börse gebracht.

martin.barwitzki[at]finance-magazin.de

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