Der Shortseller Gotham City hat das Münchener Private-Equity-Haus Aurelius ins Visier genommen.

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30.03.17
Finanzierungen

Shortseller-Attacken sind nicht immer heiße Luft

Der Leerverkäufer Gotham City hat schwere Anschuldigungen gegen den Turnaround-Investor Aurelius veröffentlicht. In der Vergangenheit folgte auf Shortseller-Angriffe zwar meist die Erholung – manche Firmen aber kamen nie wieder auf die Beine.

Begründet oder nicht? Das ist die erste Frage, die sich die meisten Aurelius-Investoren nach der Shortselling-Attacke durch Gotham City gestellt haben dürften. Der Angriff ließ die Aurelius-Aktie am Dienstag unter hohen Umsätzen einbrechen. Am gestrigen Mittwoch verschärfte die Talfahrt sich: Gotham City hatte seinen Shortanteil laut Bundesanzeiger aufgestockt. Ingesamt hat die Aurelius-Aktie an zwei Tagen 40 Prozent abgegeben.

Klar ist: Der Leerverkäufer macht sich zunutze, dass das Geschäftsmodell von Aurelius (ein börsennotierter, auf Turnarounds spezialisierter Private-Equity-Investor) verglichen mit einem Industriekonzern schwer zu verstehen ist. Die geschäftlichen Erfolge sind noch schwerer zu bewerten: Schon zum Zeitpunkt des Kaufs weist Aurelius, wie es IFRS vorschreibt, häufig einen üppigen Buchgewinn aus, den so genannten Badwill. Hilfreich für Gotham City war zudem, dass die Aurelius-Aktie nach einer rasanten Entwicklung – die Aktie hatte sich in den vergangenen drei Jahren verdoppelt – in den Tagen vor dem Angriff so hoch bewertet war wie nie zuvor.

Wirecard hat Vorwürfe hinter sich gelassen

Diese Ausgangslage erinnert auf den ersten Blick an Wirecard. Das Münchener Unternehmen bietet Dienstleistungen rund um die Bezahlung mit Kredit- und Kontokarte an. Wie genau Wirecard Geld verdient mit den Vorgängen, die zwischen dem Hereinstecken der Karte durch den Kunden und dem Abbuchen des Betrags vom Konto liegen, steht zwar prinzipiell im Geschäftsbericht. Verstehen tun es aber nur die wenigsten.

Dennoch war die Aktie bis Ende Januar 2016 steil angestiegen und notierte auf Allzeithoch. Dann veröffentlichte ein bis dato unbekanntes Research-Haus namens Zatarra Vorwürfe des Betrugs und der Geldwäsche. Wirecards Aktienkurs brach um ein Viertel ein, das Unternehmen stritt die Anschuldigungen ab.

Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft München wegen möglicher Kursmanipulation. Doch die Kapitalmärkte haben ihr Urteil über Wirecard längst gefällt: Die Aktie notiert mittlerweile bei über 50 Euro und hat damit den vor der Attacke verzeichneten Höchstkurs von gut 47 Euro hinter sich gelassen.

Ströer-Aktie nimmt nach Attacke Kurs aufs Allzeithoch

In der Tendenz ähnlich verlief es bei den Aktien des Werbevermarkters Ströer. Shortseller Muddy Waters hatte dort im April 2016 schwere Vorwürfe erhoben, der Kurs brach um knapp ein Drittel ein. Im August folgte die zweite Attacke, deren Effekt deutlich schwächer ausfiel.

Mittlerweile hat das Management das Vertrauen der Aktionäre zurückgewonnen. Das Papier hat sich stark erholt, auch wenn es noch einige Prozent unter dem Kurs vor dem ersten Angriff liegt. Sowohl bei Ströer als auch bei Wirecard hält das Gros der Analysten die Vorwürfe für entkräftet.

Manche Opfer von Gotham City haben sich nie erholt

Anders verlief es bei Gowex, einem Anbieter für öffentliches W-Lan aus Spanien. Dessen Chef narrte Investoren, Regulierungsbehörden und die eigenen Mitarbeiter, indem er Umsätze erfand, die nicht existierten. Auf die Schliche gekommen ist ihm im Jahr 2014 – Gotham City Research. Kurz darauf folgte die Insolvenz.

Über den US-amerikanische Cloud-Anbieter Endurance International schrieb Gotham City in einem Report im April 2015, „40 bis 100 Prozent“ seiner Gewinne seien „suspekt“. Die dortige Börsenaufsicht SEC kündigte Ermittlungen an. Knapp zwei Jahre später bewegt die Aktie von Endurance sich mit 8 US-Dollar nahe am Allzeittief. Vor dem Angriff notierte sie bei fast 23 US-Dollar.

Wie geht der Fall Aurelius aus?

Dass es bei Aurelius zu so einem drastischen und nachhaltigen Wertverfall kommt, ist unwahrscheinlich. Gründer Dirk Markus gilt als harter Verhandler und Sanierer, aber gleichzeitig als Vollprofi und einer der begabtesten Chefs eines deutschen Private-Equity-Hauses. Noch aussagekräftiger als sein Ruf in der Branche ist sein Track Record bei vergangenen Investments. Mehr als das Neunfache des eingesetzten Kapitals hat Aurelius im Schnitt beim Verkauf seiner Portfoliofirmen verdient.

Doch die Fälle Gowex und Endurance strafen all diejenigen Lügen, die Shortseller-Angriffe von vornherein als unbegründet abstempeln.

florian.bamberg[at]finance-magazin.de

Hintergründe zu der Attacke auf Aurelius und zu anderen Kampagnen der Leerverkäufer in Deutschland gibt es auf unserer FINANCE-Themenseite zu Shortseller-Attacken.