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13.02.18
Finanzierungen

Banken wollen kein präventives Sanierungsverfahren

Die EU will schwer angeschlagene Unternehmen mit einem vorinsolvenzlichen Sanierungsverfahren entlasten. Viele Kreditgeber sehen das kritisch.

Braucht Deutschland ein präventives Sanierungsverfahren? Über diese Frage wird in Restrukturierungskreisen leidenschaftlich gestritten. Vor allem die Finanzgläubiger sind uneins, wie aus einer Umfrage der Sanierungsberatung CIC Consultingpartner hervorgeht, die FINANCE exklusiv vorliegt.

Die Beratung hat 110 Restrukturierungsexperten von Banken und im Restrukturierungsumfeld tätige Private-Equity-Investoren befragt. Das Ergebnis: 56 Prozent der Befragten halten ein vorinsolvenzliches Verfahren für unnötig. Allerdings sehen immerhin 44 Prozent Bedarf für eine präventive Sanierung, wie es die EU-Kommission vorschlägt.

Benachteiligt der EU-Vorschlag die Kreditgeber?

Die Brüsseler Behörde hatte vor über einem Jahr einen Richtlinienentwurf vorgelegt, der den Unternehmen eine frühzeitige Restrukturierung der Finanzschulden ermöglichen soll. Die Idee: Im Kern gesunde Unternehmen sollen die Möglichkeit haben, sich mit einzelnen Gläubigergruppen per Mehrheitsbeschluss auf einen Verzicht zu verständigen. Heute müssen Unternehmen dafür ein vollständiges Insolvenzverfahren durchlaufen. Das ist nicht nur langwierig, sondern belastet häufig auch das operative Geschäft, etwa weil Kunden sich mit Bestellungen zurückhalten.

„Gegner des präventiven Sanierungsverfahrens warnen vor einer einseitigen Belastung der Finanzgläubiger.“

Befürworter des präventiven Sanierungsverfahren glauben deshalb, dass auch die kreditgebenden Banken von einer schnellen, außergerichtlichen Restrukturierung profitieren würden. Gegner warnen dagegen vor einer einseitige Belastung der Finanzgläubiger. Sie fürchten, dass sich Unternehmen zu Lasten der Kreditgeber entschulden.

Auch die Deutsche Kreditwirtschaft (DK) – der Dachverband der deutschen Banken und Sparkassen – sieht den EU-Vorschlag aus diesem Grund kritisch: Der Lobby-Verband lehnt es ab, dass einzelne Gläubigergruppen in einem präventiven Verfahren überstimmt werden können („Cross-Class Cram-Down“). Dieser Plan der EU-Kommission dürfe nur für gesellschafterähnliche Gläubiger gelten. 

Banken sehen Sanierung in Eigenverwaltung kritisch

Ebenfalls zur Verstimmung der Work-out-Banker dürfte beitragen, dass ein präventives Sanierungsverfahren, wie es sich die EU-Kommission vorstellt, immer in Eigenverwaltung durchgeführt würde. Ein Restrukturierungsverwalter wäre optional.

Allerdings sehen Finanzierer der CIC-Umfrage zufolge die schon heute bestehende Möglichkeit der Insolvenz in Eigenverwaltung ebenfalls kritisch: 89 Prozent der Befragten halten sie nicht für den besseren Sanierungsweg, da Managementfehler nicht behoben würden. Die Eigenverwaltung wurde vor sechs Jahren im Zuge der ESUG-Reformen eingeführt.

Dazu passt, dass 82 Prozent der befragten Geldgeber angeben, die Unternehmen verhielten sich reaktiv: Häufig müssten die Finanzierer den Restrukturierungsprozess initiieren. Der Umfrage zufolge hat sich dies durch die Einführung von ESUG kaum verändert: Lediglich etwas mehr als jeder Zweite stimmt der Aussage zu, dass die Reform zu einer frühzeitigeren Reaktion auf Krisenindikatoren geführt habe.

Präventives Sanierungsverfahren kommt frühestens 2019

Die gute Nachricht für alle Skeptiker: Bis ein präventives Sanierungsverfahren in Deutschland kommt, dürfte es noch eine Weile dauern. Die Wirtschaftskanzlei Noerr rechnet damit, dass eine EU-Richtlinie Ende 2018 erlassen wird. Die Umsetzung in Deutschland sei dann frühestens 2019 zu erwarten. Angesichts der seit über einem Jahr laufenden Beratungen über den Richtlinienentwurf erscheint dieses Timing sogar noch ambitioniert. 

Ohnehin stehen finanzielle Restrukturierungen – abgesehen vom prominenten Fall Air Berlin – derzeit nicht im Fokus: Mit 40 Prozent sieht die relative Mehrheit der von CIC Befragten aktuell vor allem Sanierungen, die auf Ursachen im operativen Geschäft zurückzuführen sind. Es folgen branchenbezogene Restrukturierungen mit 20 Prozent und Wiederholungsfälle wie etwa Solarworld mit 18 Prozent. Nur 17 Prozent der Befragten sehen finanzielle Faktoren derzeit als wichtigste Ursache.

Das dürfte sich ändern, wenn sich die Finanzierungsbedingungen verschlechtern. Aktuell ist die Mehrheit der Befragten aber optimistisch, dass die gute Lage an den Anleihemärkten anhält und auch das Zinsniveau niedrig bleibt. Als die mit Abstand am krisenanfälligste Branche in der näheren Zukunft nennen 61 Prozent der Befragten den Einzelhandel. Es folgt die Energiewirtschaft, die allerdings nur jeder zehnte genannt hat.

desiree.backhaus[at]finance-magazin.de