Großes Aufräumen bei Windreich: Die Gläubiger der Mittelstandsanleihen hoffen auf eine hohe Befriedigungsquote.

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24.03.14
Finanzierungen

Windreich: Gläubiger der Mittelstandsanleihen brauchen Willi Balz (Teil 2)

In einem Bericht an die Gläubiger von Windreich lässt Insolvenzverwalter Holger Blümle kaum ein gutes Haar an den internen Prozessen im Unternehmen. Ein Controlling habe gänzlich gefehlt, die Organisation sei mangelhaft. Außerdem kritisiert er die luxuriöse Ausstattung des Unternehmens – und schlüsselt kuriose Fundstücke auf.

Die komplexe Verschachtelung der Firmengruppe und weitere interne Fehler haben einen großen Anteil an der Insolvenz von Windreich, meint Insolvenzverwalter Holger Blümle in einem FINANCE vorliegenden vertraulichen Bericht an die Windreich-Gläubiger. Er spricht von einer Verbindung zwischen der „Unternehmensgruppe Willi Balz“ und der „Windreich Gruppe“.

Die beiden Sphären lassen sich an vielen Stellen anscheinend nur schwer auseinanderhalten: Sicherheiten, Haftungserklärungen und Vertragszuordnungen seien „unkoordiniert über alle Gesellschaften“ verteilt, bemängelt Blümle. Für ein Unternehmen mit mehr als 100 Millionen Euro Umsatz habe Windreich keine passende Organisationsstruktur gehabt, ein Controlling fehlte demnach völlig. Buchhaltung und Rechnungswesen seien insgesamt eine Schwachstelle gewesen und hätten lediglich dokumentierende Funktion gehabt. Immerhin: „Zum Zeitpunkt der Insolvenzantragstellung war die Buchhaltung, soweit dies feststellbar war, zumindest annähernd à jour“, bemerkte der Insolvenzverwalter.

Windreich-Chef Willi Balz: D&O-Versicherung über 7,5 Millionen Euro

Die mangelhafte Organisation führte dem Bericht zufolge auch zu einer üppigen Personalausstattung. Eine Strukturverbesserung steht daher ganz oben auf Blümles Agenda – und damit einhergehend auch „der Abbau von Luxusartikeln im Unternehmen“. Windreich ist nach Einschätzung des Insolvenzverwalters „deutlich über dem Markt ausgestattet“.

Unter anderem finden sich in der Inventarliste der Sachanlagen zwei Grand-Prix Rennmaschinen (Suter und Kalex, beide von einer dritten Partei gepfändet), ein Grand-Prix-Motorrad von Ducati, ein VW Touareg, ein Jaguar-Pkw sowie ein Heißluftballon „Baujahr 2004“, dessen Wert von einem Auktionshaus auf lediglich 3.500 Euro taxiert wird, da die Ballonhülle verschlissen sei.

Unter Beobachtern galt es schon im vergangenen Jahr als wahrscheinlich, dass Willi Balz womöglich einfach die Übersicht über sein immer größer werdendes Firmenkonglomerat verloren habe. Der Windreich-Gründer sieht sich bereits mit Ermittlungen der Stuttgarter Staatsanwaltschaft konfrontiert, betont aber stets, die dort zur Debatte stehenden Vorwürfe entkräften zu können.

Doch Balz droht weiteres Ungemach: „Nach meinen Prüfungen war die Schuldnerin nicht erst zum Zeitpunkt der Antragstellung zahlungsunfähig. Der objektive Tatbestand der Geschäftsführerhaftungsanspruchsgrundlage liegt vor“, schreibt der Insolvenzverwalter. Das lange Wort umschreibt einen simplen Tatbestand: Der Insolvenzverwalter sieht Balz in der Haftung. Balz hat eine D&O-Versicherung mit einer Deckungssumme von bis zu 7,5 Millionen Euro abgeschlossen. Noch ist die Summe nicht einkalkuliert, Blümle rechnet sich aber gute Chancen aus, dass die Versicherung zahlen muss.

So geht es bei Windreich weiter

Für die Gläubiger am interessantesten ist aber sicherlich die materielle Bestandsaufnahme von Insolvenzverwalter Blümle. Eine erste Rechnung ergibt für den Augenblick folgendes Bild: Bei Kreditinstituten hat Windreich Schulden von rund 99,4 Millionen Euro, die Verbindlichkeiten aus Anleihen haben sich auf mehr als 148,7 Millionen Euro aufaddiert und bilden den größten Block. Hinzu kommen Forderungen von Lieferanten, Vertragspartnern und Arbeitnehmern – insgesamt stehen mehr als 327,7 Millionen Euro zu Buche, und weitere Forderungen können noch eingereicht werden.

Während die Passivseite damit noch nicht abschließend beurteilt ist, hat Blümle auf der Aktivseite 219,8 Millionen Euro veranschlagt. Davon sind 18,8 Millionen Euro als Sicherungsrechte bereits verteilt. Damit bliebe eine freie Masse von knapp 201 Millionen Euro. Dies legt für die Gläubiger deutlich bessere Recovery-Aussichten nahe, als die aktuellen Kurse der beiden Mittelstandsanleihen von weniger als 10 Prozent des Nennwerts aktuell suggerieren – selbst wenn vor den Bondholdern noch andere Gläubiger befriedigt werden müssen.

Denn es  könnten noch weitere Mittel hinzu kommen, wenn es Windreich gelänge, dauerhaft im Geschäft zu bleiben, hofft Blümle. Doch dazu muss frisches Geld her: Kurzfristig könne man aus eigenen Mitteln nicht das notwendige Kapital aufbringen, um den Geschäftsbetrieb fortzuführen, urteilt der Insolvenzverwalter.

Er prüft derzeit einen Insolvenzplan „unter Einbindung von Herrn Balz und dessen Gesellschaften“. Ziel sei es, dabei „konsensual die Rückführung der derzeit in der Sphäre Balz befindlichen Anteile“ an Global Tech 1 und anderen Projekten in die Gruppe zu vollziehen. Frei übersetzt: Willi Balz soll kooperieren. Wie konsensfähig der als eigenwillig geltende Schwabe sich zeigt, wird sich allerdings erst noch erweisen müssen. Immerhin hat Balz bislang im Insolvenzverfahren dem Vernehmen nach eine konstruktive Rolle gespielt. Wirklich verabschiedet hat er sich von seinem Lebenswerk Windreich noch nicht. Dies könnte Blümle und den Gläubigern in die Karten spielen.

Indes: Eine konkrete Prognose, mit welcher Quote die Gläubiger rechnen können, traut sich der Insolvenzverwalter noch nicht zu. Angesichts der Fülle an Unwägbarkeiten kann das kaum überraschen.

sabine.reifenberger[at]finance-magazin.de

Lesen Sie im ersten Teil unserer zweiteiligen Windreich-Serie, wie der Stand bei den Hoffnungsträgern MEG 1 und Global Tech 1 ist und wie sich die komplexe Beteiligungsstruktur darstellt.

Alles über die Entwicklungen im Unternehmen und den Gang in die Insolvenz sowie ein Interview mit Willi Balz finden Sie auf unserer Themenseite zu Windreich.

So kam es zur Insolvenz

Mit dem Bericht des Insolvenzverwalters zeigt sich, welches die wesentlichen Faktoren für die Insolvenz waren. Die wichtigsten Punkte im Überblick:

Im März 2010 legt Windreich eine erste Mittelstandsanleihe über 50 Millionen Euro im Segment BondM der Börse Stuttgart auf. Der Kupon des Papiers mit fünf Jahren Laufzeit liegt bei 6,5 Prozent.

Ende 2010 schließt Windreich einen Brückenfinanzierungsvertrag mit der Highland Group Holding über 50 Millionen Euro ab.

Im Juli 2011 folgt eine weitere Mittelstandsanleihe über 75 Millionen Euro (Laufzeit fünf Jahre, Kupon von 6,5 Prozent).

Dem Bericht zufolge kippt die Situation Mitte des Jahres 2011: Windreich kann die Vorfinanzierungslast nicht mehr selbst stemmen, die Rückzahlung von Darlehen und Finanzierungen stockt. Für bis dato unbesicherte Darlehen kommt es zu einer Nachbesicherung.

2012 meldet die Windreich-Beteiligung Fuhrländer Insolvenz an. Die Anteile müssen von Windreich um 21 Millionen Euro wertberichtigt werden. Zugleich verzögert sich der „Financial Close“ beim Projekt MEG 1, der Kapitalzufluss aus dem Verkauf fehlt dem Unternehmen.

Im März 2013 spitzt sich die Situation zu, die Stuttgarter Staatsanwaltschaft durchsucht die Geschäftsräume. Die Skepsis im Markt gegenüber Windreich wächst.

Nachdem zunächst ein Schuldner den Insolvenzantrag für Windreich stellt, folgt kurz darauf im September 2013 der Insolvenzantrag als Eigenantrag durch Willi Balz.